Wirklichkeit ist langweilig

Die Wiklichkeit ist ja so öde. Realität ist nämlich, dass Wikileaks-Gründer Julian Assange in britischer Auslieferungshaft sitzt, weil er bei einem One-Night-Stand in Schweden keinen Gummi benutzt hat, seiner 20-jährigen Sexbekanntschaft dann dämmerte, dass einer, der so rasch mit ihr ins Bett steigt, das vermutlich öfters mal und mit rasch wechselnden Partnern macht, woraufhin sie einen Aids-Test von ihm wollte, ihn aber nicht telefonisch erreichen konnte, was sie dazu bewegte, zur Polizei zu laufen, um Assanges Aufenthaltsort eruieren zu lassen, die Polizei dann wegen Verdachts auf sexuellen Missbrauch die Staatsanwaltschaft einschaltete und eine ultra-feministische Staatsanwältin einen Haftbefehl wegen „sexuellen Missbrauchs und Vergewaltigung“ ausstellte, da in Schweden bereits Vergewaltigungsverdacht besteht, wenn sich eine Frau „nach dem Geschlechtsakt unwohl oder unsicher fühlt“. Eine weitere aktive Rolle spielte dabei eine schwedische Sozialdemokratin, Verfasserin eines Leitfadens für Frauen, wie man sich an Männern „legal rächen“ könne, die Assange nach einem Vortrag, den dieser auf ihre Einladung hin gehalten hatte, seinen Schlaf- und Vögelplatz vermittelte, dann aber sehr empört war, dass der Australier, den sie eben noch als neuen Helden der antiamerikanischen Linken angehimmelt hatte, so „sexistisch“ war, ein Beischlafangebot einer jungen Frau auch anzunehmen. Das ist alles ein bisserl widerlich und klebrig und banal, und sagt viel über den psychischen Zustand der skandinavischen Linken aus, liefert aber leider gar keinen Hinweis auf weltpolitische Hintergründe. Die Realität ist der Assange-Fangemeinschaft freilich Powidl, also mutiert die von ihrem Idol beschlafene 20-Jährige in Internetforen zur „Nutte“, zur „Schlampe“, und man unterstellt ihr und der Staatsanwaltschaft, auf Geheiß der CIA gehandelt zu haben. Die extreme Unwahrscheinlichkeit, dass ausgerechnet schwedische Linke an einer Verschwörung des amerikanischen Geheimdiensts beteiligt sein sollten und dass der CIA nix Besseres einfällt, um einen angeblich so gefährlichen „Feind“ kalt zu stellen, als ihm schlimmsten Falles eine teilbedingte Verurteilung mit anschließendem Landesverweis einzubrocken, stört Verschwörungstheoretiker nicht in ihrem Wahn.

Ich gehöre nun nicht zu denjenigen, die Assange den Knast an den Hals wünschen. Ich finde auch Protestaktionen und Kampagnen seiner Fans in Ordnung, solange die sich im Rahmen der Legalität bewegen. Das tun sie aber nicht. Stattdessen bläst „Anonymous“, dieser lose Haufen von Script-Kiddies und Hackern und Nerds, zur Jagd und schreckt auch vor Cyberterrorismus nicht zurück. Und in den Internetforen hallt das hysterische Gekreische von Komplettverblödeten wider, die demokratische Rechtsstaaten nicht von Diktaturen unterscheiden können. Aber was mich so richtig ankotzt ist, dass „Anonymous“ & Co keinen Mausklick daran verschwenden, sich mit ähnlicher Energie mal für die wirklich Verfolgten einzusetzen, die von wirklichen Unterdrückerregierungen eingesperrt, gefoltert und ermordet werden, nur weil sie etwas publizieren, was den Herrschenden nicht passt. Und es ist mir auch nichts davon zu Ohren gekommen, dass die Wikileak-Fans, die derzeit einen Cyber-Krieg gegen die USA und Schweden führen, es auch nur in Betracht gezogen hätten, mal etwas gegen Neonazi-Websites zu unternehmen, auf denen Antifaschisten bedroht werden. Im Gegenteil. Sowas gehört in den Augen von „Anonymous“ zur „Netzfreiheit“, die eine absolute sein müsse, unter derem Schutz also auch Nazidreck und Kinderpornographie stehen sollten.

Wo wir gerade bei den Reizwörten Nazis und Pädopornos sind: Es ist schon wahr, dass westliche Regierungen sich diese abstoßenden Erscheinungen im Internet als Argumentationskrücken unter die Arme klemmen, um ihre teils bizarren Vorstellungen eines „sauberen“ Cyberspace durchzusetzen. Als Beispiel sei hier das neue deutsche Jugendschutzgesetz genannt, das Betreibern von Websites ab Anfang 2011 vorschreibt, „jugendgefährdende“ Inhalte mit einem Warnhinweis zu versehen, und zwar auf jeder Page der Website.  Und was nun „jugendgefährdend“ sein soll, wird nicht einmal eindeutig definiert. Dadurch wird zwar keine einzige Kipo- oder Naziseite verschwinden, aber zB Betreibern von Blogs wird das Leben erschwert und Abmahnanwälten ein neuer Geschäftszweig eröffnet. Das ist hilfloser Aktionismus von Politikern, die keine Ahnung haben, wie das Internet funktioniert, die aber der Öffentlichkeit dennoch Betriebsamkeit vorgaukeln wollen. Leidtragende werden die ehrlichen Websitebetreiber sein, die mit Name und Impressum für ihre Inhalte gerade stehen. Irgendwelchen Kriminellen, die ihre Server ohnehin im Ausland haben, wird das nicht einmal ein müdes Grinsen abringen. Die Proteste gegen diese tatsächlichen Eingriffe in die Webfreiheit bleiben aus. Denn es betrifft ja schließlich bloß uns alle und nicht nur einen Star der Hackerszene…

ps: Zur antiamerikanischen Hysterie, die sich nun wieder besonders stark austobt, hat Christian Ortner einen lesenwerten Kommentar in der „Presse“ geschreiben.

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7 Gedanken zu “Wirklichkeit ist langweilig

  1. „und eine ultra-feministische Staatsanwältin einen Haftbefehl wegen „sexuellen Missbrauchs und Vergewaltigung“ ausstellte,“ Ich lese da ja Frauenfeindlichkeit raus.

  2. vom inhalt her geh ich d’accord, aber muss man denn auf ortner verlinken? *g okay, besser ortner als unterberger 😉

  3. Ach da wird ja auch wieder auf den 4chan/anonymous-LEuten rumgehackt. Cyberterrorismus \o/
    Wo ist nochmal die Cyberbombe hochgegangen, und hat wieviele Cyberleben ausgelöscht?
    Da fällt der Lindwurm auf die „Terror“-Propaganda rein.

    Zum Vorwurf, Wikileaks hätte sich nur mit amerikanischen Geheimnissen beschäftigt: stimmt ja nicht. Da gabs durchaus auch Infos über arabische Länder (neben all den europäischen).

    Für alle: http://sowhyiswikileaksagoodthingagain.com/

  4. „Ich lese da ja Frauenfeindlichkeit raus.“

    and the award for the dummbatz-kommentar of the month goes to…

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