In Erinnerung an Peter Kreisky

Nachdem der erste Schock überwunden ist, möchte ich noch ein paar Worte zu Peter Kreisky schreiben. Klar, es wird tiefgründigere Nachrufe geben von Menschen, die ihn viel besser gekannt haben, aber ich will doch ein paar Dinge, von denen ich fürchte, dass sie von anderen Leuten übersehen werden könnten, festhalten. Mit Peter Kreisky starb einer, von dessen Art es immer nur wenige gegeben hat und die die Welt doch so dringend braucht: Ein politischer Mensch, der die Politik nicht als Mittel zur Anhäufung persönlichen Reichtums begriff, sondern als Instrument, um den Armen und Bedrängten zu helfen. Neben all dem Trennenden verband dies Peter mit seinem Vater Bruno Kreisky, denn auch der war der tiefen Überzeugung, Politik sei zum Gestalten der Verhältnisse da und nicht bloß zum Verwalten. Bundeskanzler zu sein, das war für Bruno Kreisky das höchste denkbare Lebensziel, niemals wäre es ihm auch nur in den Sinn gekommen, nach seinem Rückzug aus der Politik eine zweite Karriere als Lobbyist oder Aufsichtsratspostensammler anzustreben. Sein Verständnis von politischer Ethik schloss es aus, den Laufburschen für Konzerne zu geben. Nachfolgende Politikergenerationen sahen und sehen das bekanntlich ganz anders und prahlen sogar offen damit, dass die Politik ja bloß ein „Lebensabschnitt“ für sie sei, nach dem sie dann ihrer wahren Berufung folgen würden, und, welch Zufall, besteht diese wahre Berufung fast immer in bestens bezahlten Jobs in der Wirtschaft. Wären ein Bruno Kreisky und ein Peter Kreisky so gestrickt gewesen, es wäre für beide ein Kinderspiel gewesen, im Bereich der Großkonzerne und Banken das ganz große Geld zu machen, doch beiden roch solch ein Lebensentwurf zu sehr nach Korruption.

Peter Kreisky war ein Angestellter bei der Arbeiterkammer mit einem ordentlichen, aber keineswegs über die Maßen hohen Gehalt. Das hat ihm gereicht. Dass ihm Gier fremd war, hat man auch im persönlichen Gespräch mit ihm stets bemerkt, denn solche Gespräche drehten sich um Lokalpolitik, manchmal um Weltpolitik, oft um Menschenrechte und sehr oft um die Not der kleinen Leute. Zumindest ich habe ihn nie über tolle Geldveranlagungen, kaufenswerte Beteilígungen und lukrative Geschäftsmodelle sprechen hören. Das hat ihn nicht interessiert. Oft zeigt sich die charakterliche und intellektuelle Qualität eines Mannes auch daran, welche Feinde er hat. Peter Kreisky wurde von vielen abgelehnt und gehasst. Für die „Realpolitiker“ unter den Sozialdemokraten stand er zu weit links und war nicht willig genug, sich an den Spielchen der diversen roten Seilschaften zu beteiligen. Die Kommunisten und andere Linksextremisten hassten ihn, weil er die demokratischen Bewegungen im seinerzeitigen Ostblock unterstützt hatte. Den Zionisten war er zu pro-arabisch, den Antisemiten zu „jüdisch“. Und für die Konservativen und Rechten war er stets nur der Sohn jenes Mannes, den sie zutiefst verabscheut hatten, weshalb auch er oft zum Ziel von teils grotesken Anfeindungen und Verleumdungen wurde. Beliebt waren persönliche Attacken des Inhalts „sein Papa hat´s ihm gerichtet“. Ja klar, deswegen war Peter Kreisky ja auch Generaldirektoraufsichtsratspräsident und nicht ein einfacher Angestellter, nicht wahr?

Peter Kreisky ist sicherlich manchmal mit seinen Analysen und Meinungen falsch gelegen, und ich würde, wenn ich wollte, etliche Themen finden, bei denen ich völlig anderer Meinung war als er. Doch er war stets echt und wahrhaftig. Politische Menschen dieses Typs fehlen uns derzeit so sehr, dass sich ein schaupielerisch begabter Zahntechniker zum Erben Bruno Kreiskys stilisieren kann, ohne dass man ihm dafür einen Satz warme Ohren verpasst. Die Menschen sehen sich nach Politikern, die mehr anzubieten haben als eine mit Beamtenmentalität besorgte Verwaltung des Bestehenden, sie sehnen sich nach Politikern, denen die Politik ein tiefes persönliches Anliegen ist. Peter Kreisky war so einer, auch wenn er im Gegensatz zu seinem Vater aus verschiedenen Gründen wohl nicht für die Spitzenpolitik geschaffen war. Doch er hat verstanden, dass gute Politik sowohl geduldige Arbeit im Kleinen und für „die Kleinen“ bedeutet, als auch das Streben nach großen Reformen. Gute Politik, das wusste er, muss realistisch sein und dennoch einer Vision folgen. Dieses Wissen scheint der Sozialdemokratie abhanden gekommen zu sein, und zwar  spätestens seit ein höherer Bankbeamter Parteichef wurde und Menschen mit Visonen zum Arzt schicken wollte.

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5 Gedanken zu “In Erinnerung an Peter Kreisky

  1. Ich hatte das Glück Peter Kreisky in einer Galerie in Palma de Mallorca kennengelernt zu haben. Er soll abgestürzt sein in der Sierra de Na Burguesa??? Dort gibt es einen breiten Wanderweg!!! Es ist einer der einfachsten Wanderwege auf Mallorca!!!
    Es tut mir sehr leid, um diesen Mann – ich halte ihn in Erinnerung, als einen Menschen, der gerne gelacht hat!

  2. Da gehört schon einiges dazu, den Tod eines Menschen zum Anlass zu nehmen „seine“ Bewegung zu bashen. Schäbig

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