Von Marrakesch bis Teheran – Da wächst etwas völlig Neues heran

Noch kann kein Mensch seriös abschätzen, was aus der tunesischen Jasmin-Revolution werden wird. Von einer Wachablöse innerhalb der bislang herrschenden Kleptokratenclique über eine islamistische Machtergreifung bis hin zur Einführung einer Demokratie westlichen Zuschitts scheint alles möglich. Dennoch möchte ich ein paar Gedanken, die mir angesichts der aktuellen Eriegnisse durch den Kopf gehen, niederschreiben:

-Wenn ein Volk nicht mehr mitspielen will und zu Hundertausenden auf die Straße geht, haben die Herrscher ausgespielt. Da helfen weder Schießbefehl, noch Kreidefressen und auch keine süßen Versprechungen mehr.

-Die Jasmin-Revolution ist die erste ihrer Art im arabischen Raum, und sie lässt viele selbst ernannte „Experten“, die uns immer versichert haben, eine vom Volk ausgehende Demokratiebwegung hätte dort keine Chance, alt aussehen und entlarvt den rassistischen Kern solcher Einschätzungen.

-Islamisten sind bei dieser Revolution nicht die großen Wortführer und sie können sich nicht als einzige Alternative zur Diktatur inszenieren. Das werden die Bevölkerungen anderer arabischer Staaten mit mindestens ebenso großem Interesse wahrnehmen wie die erfreuliche Erkenntnis, dass die Tyrannei kein Naturgesetz, kein Schicksal in der arabischen Welt ist.

-Der Westen, allen voran die Obama-Administration, wurde vom Umsturz ebenso kalt erwischt wie Ben Ali. Gerade erst hatte man die so gerne verlachte (und von Europa ohnehin nie mitgetragene) Strategie von George W. Bush, die Demokratie in der islamischen Welt zu verbreiten, zu Grabe getragen und war wieder zur ranzigen alten Politik übergegangen, „gute“, also halbwegs strategisch brauchbare Diktaturen nicht nur gewähren zu lassen, sondern auch kräftig zu finanzieren, da kommt das freche tunesische Volk daher und jagt einen dieser „guten“ Diktatoren zum Shaitan. Daher auch das ohrenbetäubende Schweigen der europäischen Regierungen und der USA zu den historischen Ereignissen in Nordafrika.

-Vom Medienmainstream ignoriert und von allen Geheimdiensten und Analytikern unterschätzt ist eine neue Generation im arabischen Raum und auch im Iran herangewachsen, eine Generation, die gebildet ist und das haben will, was jedes Menschen Recht ist, nämlich ein Leben in Freiheit, eine Zukunft, Mitbestimmung. Diese Generation wird immer lauter und mutiger, und zwischen Marrakesch und Teheran wird es für die Unterdrücker immer schwieriger, den Ruf nach Veränderung niederzuknüppeln. Sogar im Gazastreifen wagt sich langsam eine Jugend ans Licht, die von nationalistischem Pathos ebenso die Schnauze voll hat wie von religiösen Opiaten. Noch wird diese Jugend aufgerieben zwischen islamistischen Fortschrittsverweigerern, absolutistischen Erbmonarchien und brutalen Militärdiktaturen, aber schon bald, schneller vielleicht als die meisten annehmen, könnte sie all die bösen alten Männer, die der Jugend die Zukunft stehlen, auf der Müllkippe der Geschichte entsorgen. Diese Jugend ist vielleicht die größte Hoffnung für einen grundlegenden Wandel zum Besseren, den es derzeit gibt, denn sie will Demokratie statt Dschihad, Sex statt Scharia, Facebook statt Faschismus, Disco statt Diktatur, Bikinis statt Burka. So eine Jugend wird es auch sein, die einmal den Nahostkonflikt beenden wird. Das haben die meisten Europäer und Amerikaner freilich noch nicht begriffen, ganz egal, ob von der Linken oder der Rechten. Gerade der Großteil der Linken steht vor einem neuerlichen historischen Großversagen, denn statt sich mit der propressiven Jugend zu solidarisieren, macht die sich lieber mit den Unterdrückern dieser Jugend gemein. Echte Linke müssten sich ohne Wenn und Aber auf die Seite jener jungen Menschen stellen, die von der Hamas zusammengeschlagen werden, bloß weil sie keinen Bock auf ewigen Krieg mehr haben, statt die Hamas zu unterstützen und damit die Frustration der unter ihr und dem Kriegszustand leidenden Menschen zu perpetuieren und die Chance auf Frieden und Freiheit zu minimieren.

-Grundsätzlich wäre es mal Zeit für ein wenig Optimismus. Das rassistische Klischee von der arabischen Welt als hoffnungslos reformunfähige Brutstätte für Dschihadisten und brutale Diktatoren gehört entsorgt. Vielleicht kommen die großen Veränderung hin zum Positiven nicht gleich morgen, vielleicht wird es in einigen Ländern auch schreckliche Rückschritte geben, aber auf Dauer wird die Sehnsucht nach Glück und Freiheit obsiegen. Tunesien hat gezeigt, dass jene Leute, die den Arabern grundsätzlich die Fähigkeit zur Reform absprechen, genauso flasch liegen könnten wie die Langsamdenker, die noch 1989 davon überzeugt waren, der Eiserne Vorhang würde ewigen Bestand haben und eine friedliche Änderung der politischen Verhältnisse in Osteuropa sei eine naive Utopie.

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8 Gedanken zu “Von Marrakesch bis Teheran – Da wächst etwas völlig Neues heran

  1. *facepalm* „Jasmin-Revolution“ Schlecht informiert bist du, Lindwurm, sehr schlecht. Der Begriff wurde nämlich schon von Ben Ali selbst bei seiner Machtergreifung 1987 verwendet (Quelle: http://www.arabist.net/blog/2011/1/17/why-you-shouldnt-call-it-the-jasmine-revolution.html). Aber das ist typisch, da schwurbeln wieder mal ein paar selbsternannte „Experten“ aus dem Westen irgendwas daher, und nur zuviele schreiben das kritiklos ab, ohne die Konnotation dieses von den Tunesiern abgelehnten „Spitznamen“ für diese Revolution auch nur im geringsten zu kennen.

  2. @ foo:

    als obs nicht komplett blunzn wär, wie die revolution jetzt eigentlich heisst.

    einfach zu geil, foo liest irgendnen beitrag in irgendnem blog und fühlt sich gleich wieder als einziger echter experte für alles tunesische, ach was sag ich alles arabische und überhaupt. ^^

  3. „Aber das ist typisch, da schwurbeln wieder mal ein paar selbsternannte „Experten“ aus dem Westen irgendwas daher,“
    Ich muss mich gerade wirklich zwingen, dir nicht ans Leder zu wollen…. 😡

    Na Danke!

    Und übrigens sieht man die Floskel mit der „Jasmin-Revolution“ ähnlich wie schon beim Iran, als „gute Revolution“. Das nennt sich Ironie….

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