Antiisraelischer Kreisky-Missbrauch

Bruno Kreisky ist leider tot und kann sich gegen Vereinnahmungsversuche nicht mehr wehren. Hinz und Kunz behaupten, in seinem Sinne zu handeln oder genau zu wissen, wie Kreisky sich zu aktuellen weltpolitischen Fragen positionieren würde. So ein Vereinnahmer ist auch der Berufsantizionist Fritz Edlinger, der in einem Kommentar für die „Wiener Zeitung“ schreibt: Ein Kreisky des 21. Jahrhunderts hätte sicherlich keine Hemmungen, direkte Kontakte zu diesen Gruppen (Hamas und Hisbollah, Anm.) aufzunehmen und so eine wesentliche Voraussetzung für erfolgversprechende Friedensgespräche zu schaffen. Kein Mensch kann das wissen, auch kein Fritz Edlinger, was man aber sehr wohl wissen kann, gerade wenn man wie Edlinger zu Kreiskys Zeiten Vorsitzender der Jungen Generation der SPÖ war, ist, dass Kreisky nichts so sehr verabscheut hat wie religiöse Fanatiker, politisierende Pfaffen jeglicher Glaubensrichtung und klerikale Faschisten. Eher unwahrscheinlich also, dass „ein Kreisky des 21. Jahrhunderts“ mit den Frömmlern von Hamas und Hisbollah paktieren würde. Kreisky hat mit Arafats PLO verhandelt und gebandelt, weil er sie für eine säkulare und letztlich rationale Bewegung hielt. Und Kreisy hat Arafat fallen gelassen, als er erkennen musste, dass der Geschirrtuchfetischist eben nicht rational und dadurch auch kein verlässlicher Gesprächspartner für Israel und die Internationale Gemeinschaft war. Eine lesenwerte Entgegnung zu Edlingers antiisraelischem Kreisky-Missbrauch hat Israels Botschafter Avir Shir-On, ebenfalls in der „Wiener Zeitung“, veröffentlicht.

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10 Gedanken zu “Antiisraelischer Kreisky-Missbrauch

  1. Ahm, ist es nicht etwas verharmlosend, Hamas und Hisbollah als „Frömmler“ zu bezeichnen? (Hat ja zur Stützung der hier intendierten Kreisky-Würdigung auch seinen Sinn, denn wenn Sie statt „Frömmlern“ „Antisemiten“ schreiben würden, würde der Unterschied zwischen diesen und der PLO nicht mehr so entscheidend sein und Ihre hier bemühte These, Kreisky habe Arafat anfangs für rational gehalten und sei später enttäuscht worden (die ohnehin jeder Grundlage entbehrt) würde in sich zusammenbrechen.)

  2. @ Dave DelMondo: Ich empfehle als kurze Einführung in die höchst komplexe Sachlage die Lektüre folgenden Artikels über den Briefwechsel zwischen Bruno Kreisky und Arafat: http://www.profil.at/articles/0446/560/97907/zeitgeschichte-mein-freund-bruno-kreisky-jassir-arafat-palaestina

    Selbstverständlich war Kreisky von Arafat enttäuscht, und nicht nur einmal. Selbstverständlich hat Kreisky Hoffnungen darauf gesetzt, die rationalen Kräfte in der PLO stärken zu können, und er warnte frühzeitig: „Eine Renaissance islamischer religiöser Ideen nebst allen politischen Implikationen ist zu befürchten“. Und Kreisky stellte 1983 öffentlich klar: „Arafat ist gescheitert“. Ich lege ihnen also das ans Herz, was Kreisky einst einem Journalisten riet: „Lernen sie Geschichte!“

  3. Fritz Edlinger nur als „Antizionisten“ zu bezeichnen finde ich ebenfalls etwas fehl am Platz. Einen schlimmeren Antisemiten als ihn gibt es in der gesamten FPÖ nicht. Und das sagt – so wie auch der Gotteskrieger Al-Rawi und die Islamistin Namaldi viel über die heutige SPÖ aus, finde ich.

  4. @ Umbra: Gesundheit! Tut die Dummheit, einen von den Nazis verfolgten Menschen, der fast seine gesamte Familie in den Vernichtungslagern verloren hat, mit Hitler zu vergleichen, nicht sehr weh?

  5. Schade, dass auch solche wie aronsperber von den fulminaten, gesellschaftspolitischen Fortschritten, die Kreisky mit seiner SPÖ erkämpft hat, profitiert … andererseits ging und geht es ja genau darum, dass jeder in der Gesellschaft profitiert …

  6. @ lindwurm:
    Nach Lektüre des Artikels, der tatsächlich viel enthält, was ich noch nicht wusste, muss ich mich etwas korrigieren: Kreisky war zweifellos von Arafat enttäuscht wegen seiner (terroristischen) Methoden und Strategien, die er im Dienste der palästinensischen Sache angewandt, unterstützt oder geduldet hat – aber er war mit ihm darin einig, dass es sich bei Israel um ein rassistisches Besatzerregime handelt, das die Palästinenser systematisch diskriminiert und womöglich physisch vernichten will (was sich auch daran zeigt, dass Kreisky gegen Arafats mehrfach geäußerten Vergleich zwischen Israel und Nazideutschland offenbar nichts einzuwenden hatte). Kreiskys wohlmeinende Ratschläge an Arafat, sich vom Guerillero zum Staatsmann zu wandeln, können vor dem Hintergrund seiner Aussagen in dieser Korrespondenz nur als Aufforderung zu schmerzlichen, aber in Hinblick auf die Erreichung des Ziels eines palästinensischen Staates eben notwendigen Zugeständnissen an den verhassten Unterdrücker verstanden werden, aber nicht als von der Einsicht getragen, dass die terroristischen Aktionen prinzipiell falsch (und nicht nur ungeschickt) waren. Wenn Kreisky vernommen haben will, dass Israel „nur auf einen Vorwand wartet, um eine militärische Aktion im südlichen Libanon zu beginnen“, wird diese Haltung deutlich: Israel ist und bleibt der Aggressor, dessen militärische Aktionen nicht etwa eine Reaktion auf reale Bedrohungen, sondern blinde, grundlose Gemetzel, für die es halt einen Vorwand braucht – den Arafat, bitte schön, wenn er gscheit ist, nicht liefern sollte.
    Die Kritik an Kreisky muss also tiefer ansetzen, nämlich bei seiner schlicht unwahren und infamen Einschätzung Israels als rassistisches Regime, die er mit Arafat teilte und ja auch offen aussprach: Er unterstellte Israel einen „mysteriösen Rassismus“, hielt den Zionismus für abwegig, weil die Juden nur eine Religionsgemeinschaft wären, die zur Schicksalsgemeinschaft (sic!) geworden sei, die Existenz eines jüdischen Volkes aber wissenschaftlich (!) nicht erweisen sei und warf einem israelischen Journalisten die berühmt gewordenen Worte „Wenn die Juden ein Volk sind, sind sie ein mieses“ nach (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41376698.html) – Ansichten, die – abgesehen davon, dass sie einigen Aufschluss über Kreiskys Verständnis von Kategorien wie Staat und Nation im Allgemeinen geben – nahe legen, dass Kreisky nicht verstanden hat oder verstehen wollte, was der Antisemitismus der Nazis, dem er selbst entkommen ist (er selbst sah sich wohl in erster Linie als politisch Verfolgter), war – nämlich keine (besonders grausame) Diskriminierung einer Religionsgemeinschaft, sondern das auf kollektivem Wahn beruhende, konsequent in die Tat umgesetzte Projekt der Vernichtung einer vorab als „Gegenrasse“ identifizierten Gruppe von Menschen. Vor diesem Hintergrund sind auch Kreiskys „Salonfähigmachung“ Friedrich Peters und seine Attacken auf Simon Wiesenthal keineswegs als unerklärliche „dunkle Flecken“ einer ansonsten nur von Lichtblicken geprägten politischen Laufbahn zu bewerten.
    Angesichts des hier Dargelegten bleibt die Frage: Wie soll das gehen – Kreisky antiisraelisch missbrauchen?

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