Kreisky, Israel und das alles, Teil 2

Es gibt einige Menschen, die ich sehr schätze, die Bruno Kreisky bis heute nicht verzeihen können, dass er mit schlimmsten Untergriffikeiten gegen Simon Wiesenthal agiert hat, dass er israelische Politiker kritisiert hat, dass er Ex-Nazis mit Ministerposten betraut hat, dass er mit Todfeinden Israels diplomatischen Kontakt pflegte, dass er die NS-Kontinuität in der SPÖ nicht nur zu übersehen schien, sondern Kritikern daran das Leben schwer machte. Und ja, das alles und noch viel mehr war nicht sauber, war nicht sympathisch, nicht moralisch korrekt. Ausgeblendet wird von vielen aber die Alternative, die Kreisky im Naziland Österreich gehabt hätte: Nämlich eine ethisch blütenbreine Weste zu behalten und dafür auf jede Chance, das Land aus der antimodernen Stumpfheit herauszuführen, zu verzichten. Kreisky wusste, dass Österreich, dass die SPÖ und alle anderen Parteien braun durchtränkt waren, dass überall die ehemaligen NSDAP-Mitglieder und -läufer saßen. Hätte er so gehandelt,  wie es es die strenge Moral erforderte, wäre er niemals SPÖ-Chef geworden, und schon gar nicht Bundeskanzler. Er hätte die Verhältnisse wortgewaltig kritisieren, aber nicht verändern können. Er entschied sich für den anderen Weg, einen Weg, auf dem er zum Teil Hand in Hand mit dem Teufel wandelte, aber hätte er Österreich in die moderne Zeit führen können als, sagen wir mal, Botschafter in Schweden oder parlamentarischer Hinterbänkler? Hätte er die gewaltigen Reformen in den Bereichen der Justiz- , Sozial- und Frauenpolitik umsetzen können, wenn er sich nicht die Hände schmutzig gemacht hätte? Nein, hätte er nicht. In Wahrheit stand er vor der Wahl, entweder dem Stumpfsinn in Österreich aus einer moralisch noblen, aber wirkohnmächtigen Position aus zuzusehen, oder in den Sumpf hineinzugreifen und dabei auch in den Dreck zu langen. Er entschied sich, zu unser aller Glück, für Letzteres. Und da er ein Mensch war und keine Maschine, hat er auf die massive Kritik, die ihm deswegen entgegenschlug, nicht kalt professionell, sondern gekränkt reagiert. Selbstverständlich waren die Juden für den Juden Kreisky nicht wirklich ein „mieses Volk“, auch wenn er das einmal so sagte. Zu solchen Entgeleisungen riss es ihn hin, weil israelische Politker und rechtszionistische österreichische Juden seiner Meinung nach blind waren für die Opfer, die er brachte, um Österreich demokratischer und moderner zu machen, weil die Kompromisse, die er eingehen musste, um als Jude dieses Land zu verändern, ihm als Verrat ausgelegt wurden. Dass er auf die Kritik aus dem (rechten) jüdischen Lager unsouverän bis inakteptabel reagierte, ist für mich eher ein Beweis dafür, wie sehr es ihm an die Nieren ging, dass er, weil er zum Wohle der „Sache“ seinen persönlichen Hass auf die (Ex)Nazis zurückstellte, als „Verräter“ beschimpft wurde. Und, das sollte nicht unerwähnt blieben: Wie sehr er Nazis und Antisemiten verabscheute, hat er in privaten Gesprächen oft genug betont. Viele österreichische Juden haben das auch kapiert, denn dass der Großteil der jüdischen Community in Österreich trotz der massive Kritik, die Kreisky von Seiten Israels und zionistischer Kreise einstecken musste, auf seiner Seite stand und bis heute Präferenzen für die Sozialdemokratie hat, ist wohl kaum ein Zufall. Denn eines ist unbetreitbar: Seit und nach Kreisky lebt es sich in Österreich als Jude besser als vor der großen Modernisierung, die dieses Land Kreisky verdankt.

Veröffentlicht von

lindwurm

Der Lindwurm aus Klagenfurt

9 Gedanken zu „Kreisky, Israel und das alles, Teil 2“

  1. Weil diese Behauptung immer wieder auftaucht: Wann wurde Kreisky von jüdischer Seite explizit als „Verräter“ beschimpft – und nicht konkret als jemand, der mit (Ex-) Nazis kooperiert, einen Nazi-Aufdecker übel verleumdet und unhaltbare Vorwürfe an Israel richtet – was umso schwerer wiegt, da er selbst jüdischer Herkunft war -, scharf kritisiert? Dazwischen liegt nämlich ein entscheidender Unterschied…

  2. Wenn Kreisky von einem Vernichtungszionisten wie Menachem Begin als Verräter beschimpft wird, dann weiß man schon, dass er sehr viel richtig gemacht hat.🙂

  3. Meiner Meinung nach hätte die Modernisierung auch ohne antisemitische Sprüche durchgeführt werden können. Tatsache ist, in Frankreich war Leon Blum vor dem Krieg Ministerpräsident, und nach dem Krieg war es Mendes-France. Keiner von den beiden hat irgendetwas antisemitisches gesagt.
    Die österreichische Gesellschaft wäre reif gewesen für eine Wende.
    Und Franz Vranitzky hat sich richtig verhalten 1985.

  4. @ Karl Pfeifer: Das ist allerdings wahr.

    @Foo: So kann man den Begriff „Vernichtung“ auch relativieren. Und jetzt ab zum Bier mit deinen Burschenschafterkameraden!

  5. Ach, ein Mensch, der postuliert hat, Massaker an den Arabern waren für die Gründung des Staates Israel inhärent notwendig, der lässt sich nicht anders beschreiben. Lernts doch einfach mal Geschichte, und schauts euch die terroristische Vergangenheit von Menachem Begin genauer an. Daran gibts nichts zu beschönigen, denn daran hat er nicht mal in seinen eigenen Veröffentlichungen irgendetwas beschönigt, sondern ist voll und ganz zu seinen Taten gestanden. Zumindest der Teil bescheinigt ihm Charakterstärke.

  6. @Bertl
    „@Foo: So kann man den Begriff „Vernichtung“ auch relativieren. Und jetzt ab zum Bier mit deinen Burschenschafterkameraden!“
    Du tust den Burschenaschaftern gerade echt Unrecht, wenn Du den Foo in deren Runde schickst…😉

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