Israel und die Mumie

Dass man in Israel die Entwicklungen in Ägypten mit einer gewissen Sorge verfolgt, ist völlig verständlich. Schließlich wäre ein islamistisches, gar dschihadistisches Kairo ein sicherheitspolitischer Albtraum für den kleinen Staat, der sich zu Recht davor fürchtet, nach dem langen Frieden mit Ägypten und der guten sicherheitspolitischen Zusammenarbeit mit dem Mubarak-Regime in eine potentiell existenzbedrohende Zange zwischen dem Iran und dessen Vasallen sowie einer schlimmstenfalls radikalislamisch geprägten Regionalgroßmacht Ägypten zu geraten. Freilich sind das worst-case-Befürchtungen, und ob es besonders klug ist, am angezählten Mubarak festzuhalten, wie es Israel offensichtlich tut, darf bezweifelt werden. Denn welche Botschaft entnehmen die demonstrierenden Massen in Ägypten dem israelischen Betteln bei den USA und europäischen Regierungen, doch bitte den greisen Mubarak weiter zu unterstützen? Doch wohl nur die: „Den Israelis sind wir egal, denen geht es nur um ihre eigenen Interessen“. Das ist kein guter Start für die Beziehungen zum Post-Mubarak-Ägypten, und das ist auch sicherheitspolitisch nicht sehr weitsichtig. Meint man in Jerusalem etwa, Mubarak würde ewig leben und ewig herrschen? Kann es sinnvoll sein, sich die ägyptische Opposition  gleich mal zum Feind zu machen, ohne dass abzusehen ist, was sich aus dieser Opposition genau entwickeln wird? Nun geht es für Israel sicherlich vor allem anderen um Sicherheit statt um Sympathiewerte, was angesichts der regionalpolitischen Lage und Geschichte völlig verständlich und in Ordnung ist. Doch scheint es mir, als würde Israel (und natürlich auch die USA und die EU-Staaten) letztlich genau dadurch ein massives Sicherheitsrisiko eingehen, indem man den antiisraelischen und antiwestlichen Hetzern, die es in den Reihen der ägyptischen Opposition auch gibt, Munition liefert. Statt an einem untergehenden Regime festzuhalten, sollten Israel und der Westen viel mehr massiv um neue Freunde unter jenen Menschen in Ägypten und in anderen arabischen Ländern werben, die wirklich Demokratie anstreben, die keinen Gottesstaat errichten wollen. Und selbst wenn es der Muslimbruderschaft gelingen sollte, in Ägypten die Macht an sich zu reißen, bedeutet das noch lange nicht automatisch, dass diese Leute so fanatisch und dumm sind, gleich wieder auf Kriegskurs gegen Israel zu gehen. Viele Beobachter gehen davon aus, dass die ägyptischen Muslimbrüder längst nicht mehr so radikal sind, wie sie es noch vor 30 Jahren waren. Wichtiger erscheint mir aber die Tatsache, dass auch in Ägypten eine neue Generation herangewachsen ist. Eine Generation, die im Internetzeitalter lebt und ganz andere Vorstellungen von der Zukunft hat, als für Allah zu sterben. Diese junge Generation will Freiheit, mehr und besser verteilten Wohlstand, will die Vorzüge einer Demokratie westlichen Stils genießen, will weder von Militärdiktatoren, noch von bärtigen Frömmlern herumgeschubst und um ihr Leben betrogen werden. Diese Leute gilt es zu unterstützen statt einer Mumie, die ihr Ablaufdatum überschritten hat, die Stange zu halten. Man halte bitte die Ägypter nicht für bescheuert. Die große Mehrheit dort weiß ganz genau, dass das Land Tourismus und gute Beziehungen zu den Nachbarn und zum Westen braucht, und dass dafür Frieden und Stabilität notwendig sind. Und man sollte die Lektion aus den jetzigen Ereignissen beherzigen: Keine Diktatur kann sich auf Dauer als Partner und Verbündeter eignen. Diktaturen haben die Eigenschaft, dass sie fallen können, und wenn so eine Diktatur fällt, dann ist die gefallene Herrscherclique nachhaltig diskreditiert – und mit ihr auch deren ausländische Verbündete. In einer Demokratie kann ein Verbündeter zwar abgewählt werden, aber er wird immer noch eine politische Rolle spielen. Für den Fall Ägypten ist es eigentlich ganz klar, was der Westen und damit Israel jetzt zu tun haben: Nicht dem greisen Diktator nachweinen, sondern die Opposition beim Wort nehmen und von ihr im Falle eines Machtwechsels die Einhaltung demokratischer Spielregeln, der Menschenrechte sowie der Vertragstreue einfordern – und nach Möglichkeit dazu beitragen, dass Bevölkerung aus ihrer furchtbaren Armut befreit wird, denn wer am Wohlstand partizipiert, wer von Frieden und bilateralen Wirtschaftsbeziehungen profitiert, wer die Vorzüge einer freien demokratischen Gesellschaft kennenlernt, der wird sich nicht dafür begeistern lassen, sich in einen Panzer zu setzen und gen Israel zu holpern.

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4 Gedanken zu “Israel und die Mumie

  1. Der Judenhass ist immer der kleinste gemeinsame Nenner. Man muss sehr unterscheiden zwischen offiziellen Statements zu Israel und wie die Bevölkerung in Ägypten zu Israel und Juden steht. Mir standen damals die Haare zu Berge, wie tief verwurzelt der Hass in der Bevölkerung ist und ich hatte nur Kontakte zu Ägyptern. Freunde gibt es dort kaum, daher ist es schwer welche überhaupt zu finden.

  2. „Anders als er beobachten die koptischen Christen in Ägypten diese Entwicklung mit Sorge. „Die Muslimbrüder verstärken jetzt massiv ihre Propaganda, und sie bereiten sich intensiv auf die Zeit nach Mubarak vor“, sagt die leitende Redakteurin der Kairoer Wochenzeitung „Watani International“, Samia Sidhom. „Wir fürchten, dass die Bruderschaft an die Schalthebel der Macht in Kairo gelangen könnte.“

    http://www.welt.de/politik/ausland/article12410340/Die-gefaehrliche-Ideologie-der-Muslimbrueder.html

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