Ägypten, Gaza und der ganze Rest

Jetzt ist es offiziell: Mubarak ist am Ende. Mit seiner Ankündigung im TV, er werde im September nicht erneut für das Präsidentenamt kandidieren, hat er den Weg frei gemacht. Für wen und für was, ist noch nicht klar. Wie auch immer, Israel sollte die Gelegenheit nutzen und endlich den blöden Gazastreifen loswerden! Also die Verantwortung für diesen, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen. Vielleicht als Freundschaftsgeschenk an die neue Regierung in Kairo, die dann beweisen kann, wie sehr ihr Herz wirklich für die „arabischen Brüder“ in Gaza schlägt? Natürlich mit der dezenten Warnung, dass terroristische Übergriffe an der neu gezogenen israelisch-ägyptischen Grenze bzw. an der Grenze zwischen Israel und dem ägyptischen Protektorat Gaza ein Kriegsgsgrund wären und man sich in diesem Fall gezwungen sehe, den Sinai zurückzuerobern. Das wäre doch die Gelegenheit, diese groteske Situation, in der Israel zwar Nahrung, Energie, Medikamente und andere Güter nach Gaza liefert, aber trotzdem als Buhmann dasteht, zu beenden! Sollen sich doch ENDLICH die Araber selbst mit Hamastan herumschlagen statt bloß kostenloses Solidaritätsgeblöke und Israelbashing von sich zu geben! Aber wer weiß, vielleicht tut es das Volk in Gaza den Tunesiern und Ägyptern gleich und wartet erst gar nicht darauf, dass andere seine Probleme lösen und über sein Schicksal bestimmen? Die Hamas wird schon einen Grund haben, warum sie derzeit jede noch so kleine öffentliche Kundgebung mit brutalster Gewalt niederknüppeln lässt. In der ursprünglichen Fassung des „Manifests der Jugend von Gaza“ hieß es „Fuck Hamas! Fuck Israel“! Erst auf Druck vor allem westlicher „Soli-Kreise“ wurde die Reihenfolge in „Fuck Israel! Fuck Hamas!“ geändert. Das ist ein feiner, aber nicht unwichtiger Unterschied, und zeigt, dass die jungen Leute in Gaza besser als die Würstchen von der ach so wohlmeinenden westlichen Wohnzimmerintifada wissen, wer an ihrer elenden Lage die Hauptschuld trägt. Behirnte junge Araber wissen genau, dass es zwar Scheiße ist, hinter Checkpoints und Zäunen leben zu müssen, dass dies aber gar nicht nötig wäre ohne die Wahnsinnigen, die außer Krieg und Terror gegen Israel nix im Schädel haben.

Aber zurück zu Ägypten und zum Ernst des Lebens: Zur Zeit melden sich allerorten die Schwarzmaler zu Wort, die in Kommentaren und „Analysen“ die paranoide Sicht verbreiten, ein Post-Mubarak-Ägypten hätte nichts dringenderes vor, als umgehend den Friedensvertrag mit Israel aufzukündigen, dass ein „islamistischer Dominoeffekt“ drohe und nach Ägypten auch der zweite Friedenspartner Jordanien bald in die Hände judenmordgieriger Fanatiker fallen werde. Das kann natürlich passieren, und das wäre unangenehm, aber selbst wenn man vom Schlimmsten ausgeht, sollte man doch nachprüfen, wie groß die Gafahr dann wirklich sein würde. Ägypten zum Beispiel verfügt über eine starke, mit westlichem High-Tech ausgerüstete Armee. Aber glaubt jemand ernsthaft, die USA oder andere westliche Staaten würden auch nur ein einziges Ersatzteil für die extrem wartungsbedürftige militärische Hochtechnologie liefern, falls in Ägypten antiwestliche, antiisraelische Hitzköpfe an die Macht kämen? Es wäre eine Frage von Monaten, bis diese völlig von amerikanischer Technik abhängige Kriegsmaschinerie auf einen Papiertiger zusammenschrumpfen würde. Außerdem gebe ich zu bedenken, dass die Ägypter nicht zu Millionen auf die Straße gegangen sind, weil ihnen die Politik gegenüber Israel, den USA und Europa nicht gepasst hat, sondern weil sie einfach genug hatten von der jämmerlichen wirtschaftlichen Inkompetenz des Regimes und den daraus folgenden ökonomischen, sozialen und politischen Ungerechtigkeiten. Eine neue ägyptische Regierung wäre extrem von den Spendierhosen des Westens abhängig, so sie nicht alsbald das Schicksal der Mubarak-Administration erleiden möchte. Ist es realistisch, dass es so eine neue Regierung wirklich wagen würde, sich Sanktionen und Isolation einzuhandeln? Würde eine Bevölkerung, die zu einem großen Teil vom Tourismus lebt, stillhalten, wenn eine islamistische Führung dafür sorgt, dass sich kaum jemand mehr traut, die Pyramiden zu besichtigen oder eine Nilkreuzfahrt zu unternehmen? Ich denke nicht. Noch bevor die Bärtigen „Allah ist groß“ brüllen könnten, würden sie sich neben Mubarak im Exil wiederfinden – oder an den Laternenmasten. Noch mal zum Mitschreiben: Möglich ist alles, auch das Schlechteste, aber wenn die derzeitigen Ereignisse in der arabischen Welt uns eine Lektion erteilen, dann die, dass es rassistischer Quatsch ist, zu meinen, die Araber seien nur dann in Wut zu bringen und zum Aufstand zu bewegen, wenn es gegen Mohammedkarikaturen, Israel oder Amerika geht. Araber sind, zur Überraschung der Rassisten, Menschen wie alle anderen, die aufbegehren, wenn die Herrschaft zu frech und das Brot zu teuer wird. Und weil sie Menschen wie alle anderen auf diesem Planeten sind, sind sie weder Engel, noch Dämonen. Sie sind für das Gute empfänglich und für das Böse, aber derzeit vor allem für Werte, die uns bekannt vorkommen müssten: Demokratie, Freiheit, Gerechtigkeit. Wenn wir den Arabern, den Ägyptern von vorneherein absprechen, es damit ernst zu meinen, dann sollten wir mal in den Spiegel schauen. Vermutlich erblicken wir darin dann die versteinerten Fratzen zynisch und faul gewordener alter Säcke, denen „Stabilität“ über alles geht, auch wenn diese „Stabilität“ auf Kosten hunderter Millionen Menschen geht.

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7 Gedanken zu “Ägypten, Gaza und der ganze Rest

  1. „Ägypten zum Beispiel verfügt über eine starke, mit westlichem High-Tech ausgerüstete Armee. Aber glaubt jemand ernsthaft, die USA oder andere westliche Staaten würden auch nur ein einziges Ersatzteil für die extrem wartungsbedürftige militärische Hochtechnologie liefern, falls in Ägypten antiwestliche, antiisraelische Hitzköpfe an die Macht kämen? Es wäre eine Frage von Monaten, bis diese völlig von amerikanischer Technik abhängige Kriegsmaschinerie auf einen Papiertiger zusammenschrumpfen würde. “

    Ach Lindwurm, Du uebersiehst, dass es noch ein paar andere Lieferanten von Kriegsmaterial gibt. Wie z.B. ist es Hisbollah gelungen, sich nach dem Krieg 2006 noch besser zu ruesten?

    „Sie sind für das Gute empfänglich und für das Böse, aber derzeit vor allem für Werte, die uns bekannt vorkommen müssten: Demokratie, Freiheit, Gerechtigkeit. “

    Und wie kannst Du das mit den Ergebnissen von PEW unter einen Hut bringen? http://pewglobal.org/2010/12/02/muslims-around-the-world-divided-on-hamas-and-hezbollah/

  2. Vielleicht bin ich ja paranoid aber mir fällt auf, dass mit Andauer der „Revolution“ der freiheitsliebenden Menschen das Wort Israel immer öfter zu hören ist. Und wie? Natürlich negativ besetzt. Schon wieder melden sich sogenannte Nahostexperten, schon wieder hört man, „Israel muss jetzt“,“ Israel sollte“, „es ist an der Zeit, dass Israel endlich“ usw usf. Natürlich kommt niemand dieser Nahostexperten auf die Idee, dass vielleicht auch die anderen einmal sollten müssten usw.

  3. ich sehe vor allem viel Schadenfreude…

    dass sich die Israelis vor einer möglicherweise islamistischen Zukunft Ägyptens sorgen, betrachten viele mit Häme.

    niemand wünscht den Ägyptern, nicht in Freiheit und Demokratie zu leben, die Stärke der Muslimbruderschaft gibt jedoch Anlaß zur Sorge.

    dass die linke Haaretz diese Sorgen ausnutzt, um Stimmung gegen die rechte israelische Regierung zu machen, ist symptomatisch…

  4. Alter Verwalter, früher war Ägypten noch für viele ’n nettes Urlaubsressort und jetzt wird es schon zum schlimmsten(sic!) aller Regime erklärt…

    „dass die linke Haaretz diese Sorgen ausnutzt, um Stimmung gegen die rechte israelische Regierung zu machen, ist symptomatisch…“ Die Haaretz macht linke Hetze….business as usual…

  5. Ich würde mir auch wünschen eine verantwortungsvolle Regentschaft des ägyptischen Volkes, welche nicht mehr von dem politisch wie auch geistig unterbemittelten Palästinenserstaat geführt wird, auch nicht von OSTdeutschen Linksparteilern, denen „Gaza“ ein gefundenes Fressen gegen Israel ist, sondern ein demokratisches Volk von Ägyptern, die den Palästinensern mal zeigen, was vernünftig organisierte Demokratie im Nahen Osten bedeutet.

    Ich befürchte, sie werden Israel um Rat fragen müssen.

  6. @marcus prebridge: also wirklich diese OSTdeutschen, die werden schön langsam zur „supermacht“ – zumindest in ihrem kopf.

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