Der Westen muss sich bewegen

Hunderttausende, nach anderen Quellen sogar Millionen Ägypter sind jetzt auf der Straße und fordern Mubaraks Abgang. Die Armee hat schon gestern verlautbart, sie werde auf die Demonstranten keinesfalls schießen. Ob das uns nun passt oder nicht: Hosni Mubaraks Regime ist höchstwahrscheinlich Geschichte. Der einzige Grund, warum der greise Diktator noch nicht in einem Flugzeug Richtung Saudi Arabien sitzt, ist die derzeit noch etwas chaotische Struktur der Proteste und die Desorganisiertheit der Opposition. Armeen mögen kein Chaos, die mögen klare Hierarchien und Befehlsketten. Und die ägyptische Armee hat auch Angst, genauer: All die Generäle und Offiziere, die bislang ein privilegiertes Leben geführt haben, fürchten um ihre Pfründe. So lange die Opposition also nicht eine Gegenregierung bildet, die auch den Militärs für diese akzeptable Vorschläge unerbreitet, wird die Armeeführung versuchen, das Unvermeidliche weiter hinauszuzögern. Dabei pokert sie freilich hoch, denn je länger sie zuwartet und die Massen sozusagen gegen eine Gummiwand rennen lässt, desto höher wird der Frust der Demonstranten, die einerseits merken, dass die Soldaten nicht auf sie schießen, andererseits aber sehen, dass die Armee weiterhin brav den Präsidentenpalast bewacht. Dass die Lage nicht klar ist, dass es Organisationsprobleme auf Seiten der Opposition gibt, daran trägt der Westen, der jetzt verunsichert auf Kairo blickt, eine große Mitschuld. Anstatt rechtzeitig und massiv die ägyptische Zivilgesellschaft zu unterstützen und demokratische Politiker zu fördern, hat man es sich bequem gemacht und einfach immer wieder neue Milliardenschecks an Mubarak ausgestellt. Man ist entgegen aller historischen Erfahrung und jeglicher Logik davon ausgegangen, dass die Diktatur am Nil niemals wanken werde, dass Mubarak ewig leben würde und eine arabische Demokratiebewegung undenkbar sei. Letzteres ist eine klar rassistische Denkfigur, und es ist nicht nur eine Schande für den Westen, so gedacht und gehandelt zu haben, es könnte auch sein Schaden werden, eine strategische Fehlleistung oberster Rangordnung. Dennoch besteht noch kein Grund für Pessimismus und Furcht. Die Chance, dass aus dem ägyptischen Aufstand eine rational handelnde Demokratie hervorgehen wird, mit der womöglich viele Probleme in der Region besser und kreativer gelöst werden können als mit dem versteinerten Mubarak-Regime, ist mindestens so hoch wie die Gefahr einer islamistischen Radikalisierung. Wohin der Zug fahren wird, wird nicht zuletzt auch davon abhängen, wie der Westen mit der Krise umgeht, ob die Zeichen richtig oder falsch interpretiert werden. Eines ist aber klar: Es ist weder moralisch vertretbar, noch dauerhaft praktikabel, Millionen Menschen die Demokratie vorzuenthalten und sie in Unterdrückung und materiellem Elend zu halten, bl0ß weil ein Diktator ein bequemer Sicherheitsgarant und Wirtschaftspartner zu sein scheint. Das geht eine Zeit lang gut, aber irgendwann bekommt man dafür die Rechnung präsentiert. Die arabische Welt ist in Bewegung. Wir müssen uns ebenfalls bewegen, oder wir werden auf der falschen Seite der Geschichte aufwachen.

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Ein Gedanke zu “Der Westen muss sich bewegen

  1. Das Volk in Ägypten daselbst steckt in einer Krise. Die Regierung hat das Volk ausgebeutet um seine Rechte als würdevolles Volk in Ägypten, nun wird sich das Volk als würdevoll behaupten müssen, eine menschenwürdige Demokratie in Ägypten einzuführen, welches als Solches sich nicht von Islamfaschisten auszubeuten verstehe, sich innenpolitisch wie auch außenpolitisch als würdiger Partner im Nahen Osten als versöhnendes Element zu Israel jene Friedenspolitik fortzusetzen, die Anwar-Al-Sadat vorlebte.

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