Ägyptische Impressionen

-Im Nachrichtensender „Bloomberg“ fragt der Moderator den Chef des größten ägyptischen Telekomunternehmens, ob der sich angesichts der Talfahrt, die seine Aktien an der Londoner Börse seit den Unruhen angetreten haben, Sorgen mache. Seine Antwort: „What ist the price for freedom? There is no price for freedom. Freedom is priceless“.

-Der ORF bringt am Dienstag in der Sendung „Weltreport“ ein Portrait über Hosni Mubarak. Und zwar eines, das Al Jazeera gestaltet hat. Der Film ist zwar nicht schlecht oder offen parteiisch, aber im aktuellen Konflikt ist der Sender aus Katar sehr wohl klar auf der Seite der Gegner Mubaraks. Und man merkt dem Bericht an mehreren Details doch an, dass er vom „arabischen CNN“ stammt. So wird etwa der israelische Angriff 1967 auf die ägyptische Luftwaffe wie eine Art Naturkatstrophe geschildert. Über den Grund des Angriffs verliert Al Jazeera nicht mal einen Nebensatz. Ganz egal, wie man zu Mubarak und den Ereignissen im Land am Nil stehe mag: Es ist ein Armutszeugnis für den öffentlich rechtlichen ORF, ausgerechnet bei diesem Thema einfach einen Al-Jazeera-Film zu übernehmen, statt ein eigenes Mubarak-Protrait zu senden.

-Reporter der BBC besuchen den Kairoer Nobelvorort Heliopolis, wo Ägyptens ökonomische und politische Elite wohnt, und treffen dort auf etwas, das im Rest der Stadt verschwunden zu sein scheint – uniformierte Polizisten. Und auf zornige Verteidiger des Regimes, die die Anti-Regierungsdemonstranten als „ungebildet“ beschimpfen. „If those uneducated people  take over, Egypt is lost. Do you want to lose Egypt?„, fragt ein Bewohner die Journalisten. Kurz darauf wird das BBC-Team von der Geheimpolizei festgenommen, mit verbundenen Augen abgeführt und drei Stunden lang verhört.

-Apropos: Pro-Mubarak-Demonstranten und Sicherheitskräfte in Zivil greifen immer wieder Reporter an, verprügeln diese, zerstören deren Kameras und klauen ihnen sogar die Armbanduhren. So schüchtert man zwar die Weltpresse ein, gewinnt aber ganz sicher keine Sympathien und schon gar nicht die Propagandaschlacht.

-Die Fernsehbilder von der Nacht auf Mittwoch haben etwas beinahe Surreales. Es ist die Nacht der Molotowcocktails, die zunächst vom pro-Mubarak-Lager zum Einsatz gebracht werden, später aber auch von den Regierungskritikern. Die überall auflodernden kleinen Brände verbreiten Endzeitstimmung.

-Ein britisch-ägyptischer Schauspieler, der seit Tagen an den Anti-Regierungsdemonstrationen teilnimmt, kämpft während eines Interviews mit der BBC mit den Tränen. Der plötzliche Gewaltausbruch und die Entschlossenheit der Mubarak-Truppe, mit allen Mitteln an der Macht zu bleiben, haben ihn überrascht. Während des Telefoninterviews hört man im Hintergrund den furchteinflößenden Sound von MP-Salven.

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6 Gedanken zu “Ägyptische Impressionen

  1. Ja die Rolle vom „arabischen CNN“ (eigentlich wäre die Bezeichnung „arabisches FoxNews“ passender) – ist wirklich etwas dubios in der ganzen Geschichte. Wenn man sich die Live-Berichte von Al Jazeera anhöhrt, dann hört man immer wieder „allahu akbar“ Rufe im Hintergrund, die man auf denselben Bildern von BBC nicht hört. Die Rufe wirken so als wären sie nachträglich aus dem Off eingefügt worden um den Eindruck zu verstärken als wäre die „Revolution“ eine Islamische Revolution.

  2. Seien wir ehrlich, ein „Allah hu akbah“ krieg sogar ich hinter einen BoneyM-song kopiert oder retuschiert und das auf meinem Pimperl-PC. Das regt mich nicht sehr auf.
    Was mich jedoch verwirrt ist, dass die Türkei unter Erdogan, der Iran unter Achmadinejad diese Revolution unterstützen und, dass der Standard derartig tendenziös für Mubarakgegner schreibt. Es verwirrt mich, weil weder Erdogan, noch Achmadinjad, noch der Standard auch nur im geringsten einer Meinung mit mir sind, was den Nahen Osten betrifft. Es schrillen einfach die Alarmglocken bei Sympathiekundgebungen von diesen Seiten, obwohl ich weiss, dass Mubarak ein Diktator ist.

  3. @ oren1

    Da kann man sich mit einem kleinen Trick helfen:
    Man versucht zu akzeptieren, dass es nicht gut und böse, sondern gut/böse/noch böser gibt – und dazwischen noch ein paar Graustufen.

    Der Mörder Saddam war ja auch kein feiner Kerl – allerdings ein Bollwerk gegen die Islamisten.
    Erdogan/Achmadinejad/derstand. wünsche ich eine astreine Demokratie in Ägypten.

    (Man kann jetzt schon beobachten, dass der derstand. vor lauter „Ägypten“ darauf vergisst, täglich irgendeinen Israel-Müll zu „berichten“)

  4. jenseits von Gut und Böse wird die Muslimbruderschaft ohnehin den Friedensvertrag mit Israel auflösen, das ist sekundäre Stimmung des Volkes, der Islam wird den Glauben in Ägypten, aber nicht die Menschenwürde des Volkes erretten, und den Nahen Osten schon gar nicht!

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