Gastkommentar: „Die Verbohlenisierung der Politik“

Hurra, bringt Sekt und Kaviarschnittchen, denn es gibt ein Novum im Lindwurm-Blog: Erstmals lasse ich einen Gastkommentator ran. Der deutsche Filmkritiker Markus Risser macht sich ein paar pointiert formulierte Gedanken zum Guttenberg-Fanboytum.

Kaum ist Guttenberg zurückgetreten, wollen ihn viele schon wieder zurück. Sicherlich wird die BILD-Zeitung, sobald sie sich vom Schock erholt hat, dass sich nicht alle vor ihren Karren spannen lassen und man durchaus auch GEGEN dieses Schmierenblatt „Politik von unten“ machen kann, auch in dieses Horn stoßen.

Und weiterhin frage ich mich: Warum?

Warum wollen auch Menschen, denen ich durchaus zutraue, ihren Kopf nicht nur als Hutständer zu benutzen (aber die natürlich auch, denn die BILD war schon immer gut darin, den „Pöbel“ zu mobilisieren), den Freiherrn zurück?

Denn was hat Guttenberg vorzuweisen? Welche „Leistungen“ sind es, die ihn angeblich, nach Meinung seiner Fans, auszeichnen? Fragt man konkret nach, folgt meist beredtes Schweigen, dann irgendwas mit „Bundeswehr“ und vielleicht noch, falls der Betreffende das Langzeitgedächtnis noch nicht zur Altkleidersammlung gegeben hat, noch düster was mit „Opel“ (für die Jüngeren unter den Mitlesern: ja, Guttenberg war tatsächlich mal Wirtschaftsminister. Ein Posten, für den seit den Bekenntnissen des Michael „ich wusste nicht mal, wo das Wirtschaftsministerium ist“ Glos öffentlich bekannt keinerlei Sachkunde erforderlich ist). Zu letzterem Thema sage ich als jemand, der jeden Tag mit Insolvenzen zu tun hat, dass ich es nicht für die Aufgabe der Politik halte, von ihrem Management an die Wand gefahrene Unternehmen zu retten (das gilt, bevor mich jemand darauf festnagelt, auch für Schröder und seine Holzmann-„Rettung“). Ich hab hier jeden Tag Schicksale auf dem Schreibtisch, vom kleinen Hartz-IV-Empfänger bis zum mittelständischen Unternehmen, denen niemand öffentlichkeitswirksam zur Seite springt und sie mit Geld zuscheißt, damit sie wieder auf die Beine kommen… Zu ersterem Thema kann ich nur feststellen, dass mir der Freiherr nicht unbedingt als ein Verteidigungsminister aufgefallen wäre, der durch Sachkompetenz geglänzt hätte.

Guttenberg kann eines: er kann sich selbst perfekt inszenieren. Da nimmt man dann schon mal zum Trip nach Afghanistan ein komplettes Sat1-Studio mit und hält eine Live-Audienz vor einem ergebenen Johannesbekerner. Er ist ein eitler Blender, der mit gegeltem Haar und seinem BUNTE-Lächeln darüber hinwegtäuscht, dass hinter dieser schönen Fassade keinerlei Substanz vorhanden ist.

Da muss man ja nur mal aufmerksam durch seinen Lebenslauf blättern – die Doktorarbeit ist, wie wir mittlerweile alle wissen und was von den Guttenberg-Fans ja als lächerliche Lappalie, wegen derer man sich nicht so haben soll, abgetan wird, ungefähr zur Hälfte kopiert (und die andere Hälfte wahrscheinlich ghostwritten, denn dass man sich knapp drei Jahre nach dem Fertigen einer 450-Seiten-Arbeit nicht mehr daran erinnern kann, dass man die 280 Seiten davon abgepinselt hat, könnte mir vielleicht Charlie Sheen erzählen, und der hat sich sein Hirn wenigstens ordnungsgemäß weggekokst). Leider, so sagt er, war er ein wenig überfordert damit, Doktorarbeit, Abgeordnetendasein und Familie unter einen Hut zu bringen. Na, das ist doch GENAU der Mann, den ich in Krisensituationen auf einem verantwortungsvollen Posten, der über Leben und Tod nicht nur von deutschen Soldaten, sondern auch (aktuell) afghanischen Zivilisten, entscheidet, sehen will! Das ist doch das Eingeständnis, unter Druck zusammenzubrechen. Und den wollt IHR, liebe Guttigroupies, zum Kanzler machen? Na, danke schön.

Seine Qualifikation für das Wirtschaftsministerium war die „langjährige Geschäftsführung eines mittelständischen Familienunternehmens“. Übersetzt in Real-Speak: Guttenberg stand als GF auf dem Briefbogen der familieneigenen Vermögensverwaltungs-Gesellschaft, die doch stolze drei Angestellte hat und einen kaum messbaren Umsatz aufweist – wie auch, sie ist ja schließlich nur damit beschäftigt, das Vermögen des Guttenberg-Clans zu verwalten. Das ist jetzt nicht gerade Industrie und Handwerk, das ist bestenfalls das Abzeichnen einer Bilanz.

Seine beruflichen Auslandsstationen? Pratika. Seine Zeit als freier Journalist? Praktikum.

Wir sehen: da bleibt nichts übrig außer „von Beruf Sohn“. Ein Mitglied einer protegierten, elitären Kaste, die sich von der Realität des „gemeinen Volks“ abgekoppelt hat, der sein Leben lang nie selbst etwas leisten musste, sich vollkommen darauf konzentrieren konnte, sich selbst im besten Licht darzustellen (inklusive attraktiver Trophäen-Gattin, die sich durch ihre Mitwirkung im bestenfalls gut gemeinten, aber moralisch verwerflichem RTL-2-Schund „Tatort Internet“ ebenfalls disqualifizierte), und es dabei irgendwie geschafft hat, sich als „volksnah“ und „einer von uns“ zu gerieren – dabei gehört er gerade zu der Machtelite, die „Volk“ im Sinne von „normale, arbeitende Bevölkerung“ allenfalls als Servicekräfte beim Sektempfang der Reichen und Schönen duldet.

Wäre Guttenberg nicht zufällig Politiker, würde man ihn „famous for being famous“ nennen – ein Terminus, den die Amerikaner für „IT-Girls“ wie Paris Hilton oder Nicole Richie verwenden. Sie leisten nichts, sehen aber gut aus, haben ’ne große Klappe und sind omnipräsent. Es ist die DSDS-Schule, womit ich kurz vor Schluss noch den Bogen zur Überschrift schlage, es ist die Lehre, dass Leistung, und vor allem eigene Leistung, nichts ist, bedeutungslos, ja, eher schädlich ist (da die Zeit, die man damit verwendet, eine eigene Leistung zu erbringen, von der abgeht, in der man dekorativ vor einer Kamera stehen und am eigenen Image feilen kann), dass Attraktivität, unbedingter Wille zur Selbstdarstellung, Verleugnung jeglicher anderer als der subjektiven Realität und Mediengeilheit völlig ausreicht, um Karriere zu machen und populär zu werden.

Wenn das aber wirklich der neue Maßstab ist, an dem sich auch unsere politische Kaste (und nicht falsch verstehen – ich halte das, was in Berlin rumsitzt, zu 90 % für Lügner und Betrüger und die restlichen 10 % für grob inkompetent) orientiert, dann können wir auch Sarah Knappik zur Verteidigungsministerin machen. Die hat ungefähr die gleichen Qualifikationen.

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8 Gedanken zu “Gastkommentar: „Die Verbohlenisierung der Politik“

  1. Ja Ja, 90% Lügner und 10 % Deppen.
    Am Besten NPD wählen, die räumen dann mit der ganzen Lügenpack auf, oder ?
    Solche Formulierungen sind kaum weniger Populistisch als das Auftreten unseres ehemaligen Verteidigungsministers, und dienen im Endeffekt nur all jenen, die schon immer der Meinung gewesen sind das es bessere Alternativen als ein Parlament gibt, z.B. eine ordentliche Diktatur.

    Ich persönlich gehe nicht davon aus das 90% der deutschen Politiker Lügner sind.
    Es ist weitaus schlimmer, IMHO sind fast 100% der deutschen Politiker… Politiker !
    Der Politiker hat grundsätzlich ein etwas elastisches Verhältnis zur Wahrheit.

    So kann man kaum einen Parteifreund öffentlich absägen, während man im Hintergrund nach einen Ersatzmann für seinen Ministerposten sucht.
    Oder glaubt ihr wirklich, das die Personalrochade zwischen CDU/CSU erst nach KTvG Rücktritt besprochen wurde ?

    Und was ist von einem Politiker zu halten der „rein zufällig“ die Doktorarbeit eines politischen Gegners überprüft und dann schockiert feststellt: Alles nur geklaut.
    Oder glaubt ihr wirklich, das ein Professor der eine der wichtigsten sozialistischen Think Tanks in Deutschland gegründet hat ist so naiv, die politischen Folgen nicht abzusehen ?
    Oder das es sich bei ihm nicht um einen Politiker handelt, nur weil er nicht gewählt wurde, sonder weil er sich darauf beschränkt der Linkspartei theoretischen Unterbau zu liefern ?

    Das Phänomen des Politikers der es ohne eigene Leistung – nur durch gutes Spiel mit dem Medien – zu politischen Spitzenämtern gebracht hat ist übrigens nicht nur auf Deutschland beschränkt.
    Man munkelt, das z.B. der eine oder andere auf diese Art und Weise sogar schon zum US Präsidenten und Friedensnobelpreisträger geworden ist…
    KTvG ist also nicht der einzige schwarze Hoffnungsträger, dessen Erfolg vor allem seiner Popularität geschuldet ist… 😉

  2. Es stinkt nach Moral, wie ungewaschene Füsse. Abrschreiben ist nicht gut, aber diese Empörungsflut, die noch dazu unehrlich und rein politisch ist, ist zum Kotzen!

  3. Beim ganzen Gewese um den adeligen von Guttenberg kommt der reiche von Guttenberg immer etwas zu kurz. Guttenberg lebt nicht nur auf einem Schloss, er lebt vor allen in Richistan. Er gehört zu jener Kaste der Superreichen, für die immer ein Logenplatz an den Futtertrögen reserviert ist, während sich der Rest um die Gemüseabfälle prügeln muss.
    Leute wie Klatten, Mohn oder Finck lassen Politik machen, sie betrachten sie als Dienstleistung, die man in Anspruch nehmen kann. Das jetzt ein reicher Schnösel es mal selber versucht und voll auf die Schnauze fällt statt andere auf die Schnauze fallen zu lassen, verschafft eine gewisse Genugtuung.

  4. Man kann dieses Ding nur als Pamphlet bezeichnen. Soviel Müll auf einmal liest man selbst über Guttenberg selten.

    „Guttenberg kann eines: er kann sich selbst perfekt inszenieren. Da nimmt man dann schon mal zum Trip nach Afghanistan ein komplettes Sat1-Studio mit und hält eine Live-Audienz vor einem ergebenen Johannesbekerner.“

    Hätte der Typ sich mal informiert, dass unter JUNG das ZDF und Kerner gefragt worden ist, ob man nicht einmal eine Sendung in Afghanistan das Leben der Soldaten machen könnte. Aber erst als Kerner zu Sat 1 ging, wurde das umgesetzt. Also von wegen eine Selbstinzinierung . Das soll der Schmutzfink Jung vorwerfen.
    In diesem Land stinkt es gewaltig, keiner ist hier in der Lage irgendein Maß zu halten, am besten man fordert noch die Todesstrafe für Gutenberg. Und am Schluss dann kommt noch ein Kommentar vom Neids vom Besitzlosen.

    „aber diese Empörungsflut, die noch dazu unehrlich und rein politisch ist, ist zum Kotzen!“

    Es ist vor allem krank und die Moralapostel, die die Moral für sich gepachtet haben, sind die größen Heuchler.

    Herr Risser, wie heißt es: Schuster bleibt bei deinen Leisten. Ich hoffe für Sie, dass Sie dort nicht auch derart versagen.

  5. @yael1

    Schön! Für dich wurde nach dem Absenden der Nachricht, sicher ein Platz in Walhalla fry.

  6. Oh, doch ein paar Kommentar… sorry, ich kuck hier nur alle zwei-drei Tage rein (hätte ich vielleicht ändern sollen, wenn schon ein Text von mir hier steht).

    @yael1
    Wenn mein Herumhacken auf der SAT1-Sendung dein Hauptproblem ist… ja, ich hätte einen Jung deswegen auch kritisiert, wenn sie so abgelaufen wäre wie bei Guttenberg. Ist ja nicht so, dass das eine Sendung über das harte Leben der Soldaten gewesen wäre, sondern die große bunte Gutti-Show. Hat er halt die Chance zur Selbstdarstellung dankend ergriffen – man könnte darüber diskutieren, ob die dafür eingesetzten Kosten nicht sinnvoller in vernünftiger Ausrüstung für die Truppe o.ä. hätten verbraten werden können.

    Aber mal ganz abgesehen davon, du bist ja offenbar da voll im Bilde. Welche Leistungen hat Guttenberg vollbracht, die die Popstar-Verehrung rechtfertigen? Für welche politischen Inhalte steht Guttenberg, also abgesehen von „Guttenberg“ (was immerhin mehr ist als bei Merkel, denn da steht „nichts“)?

    Ist die Rücktrittsrede (die Michael Müller bei schandmaennchen.de glorreich seziert – aber der Kerl ist Satiriker und demzufolge natürlich völlig unqualifziert) dem Amt und den Umständen der Demission des Guttenbergs angemessen?

    Welches Argument setzt du Pispers (Kabarettist, linke Bazille und damit mindestens Terrorist) entgegen, der richtigerweise sagt (paraphrasiert): „Entweder wusste er nicht, was in seiner Doktorarbeit steht, weil er sie nicht selbst geschrieben hat, dann ist er ein Lügner, oder er wusste es und hat sie bewusst so eingereicht, dann ist er Lügner und Betrüger, oder er glaubte, dass seine Arbeit so passt, dann ist er zu blöd, um überhaupt ein Amt auszuüben“ (Den genauen Wortlaut kannst du bei YouTube nachkucken, ich bin jetzt grad zu faul, den Link rauszusuchen)?

    Ich hab nix dagegen, Guttenberg sympathisch zu finden (auch wenn mir nicht aufgeht, wie man das könnte) – aber sympathisch ist auch mein Postbote, den mach ich deswegen noch lang nicht zum Minister. Ich hab nix dagegen, dass er schick aussieht (in der Tat, nach den Kohls, Kochs & Cos. ist’s schon entspannend, mal Politiker zu sehen, bei deren Anblick einem nicht gleich das Essen aus dem Gesicht fällt) – aber attraktiv ist auch Heidi Klum, die trotzdem nicht zur Kanzlerin taugt.

    Daher noch mal die wirklich ernst gemeinte Frage: wodurch rechtfertigt sich objektiv gesehen der Starkult um Guttenberg?

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