Growing old

Mit dem Altwerden ist das auch so eine Sache. Verhindern kann man´s nicht, allenfalls, wenn man eitel ist, ein wenig kaschieren mit Botox und Joggen und Hormonspritzen und auf die Glatze transplantiertem Schamhaar, und solcherlei Unsinn greift ja wirklich epidemieartig um sich, vom 50-jährigen Ibizadauerurlauber, der mit gegeelter blonder Mähne und verwegenen Piercings in Ohren und Stellen, von denen ich gar nichts wissen möchte, den Gute-Laune-Kasper für Abiturentinnen macht, über die Ärztin, die bei ihren Kollegen aus der plastischen Chirurgie viel Geld lässt bis hin zu italienischen Ministerpräsidenten, von denen man nicht mit Sicherheit weiß, ob sie nicht schon längst Klone oder Hologramme sind, die da anstelle der längst dahinsiechenden oder schon toten Originale zwischen Regierungsgeschäft, Konzernleitung und Kinderschänderparties hin und her hetzen. Unsereiner, der sich den ganzen anti-aging-Quatsch nicht leisten kann, guckt sich das wilde Treiben halt von den Zuschauerplätzen aus an und redet es sich schön, wenn man plötzlich von den Twentysomethings, zu denen man sich, so rein gefühlsmäßig, doch eben noch irgendwie zugehörig gefühlt hat, respektvoll mit „Sie“ angeredet wird, und man steckt es tapfer weg, dass irgendwelche amerikanischen Studentinnen, die man auf „Chatroulette“ trifft (einmal und nie wieder) in hysterisches Kichern ausbrechen und einen „gramps“ schimpfen. Das ist normal, immerhin rast man ungebremst auf die 40 zu, und das, obwohl man sich mit 17 geschworen hatte, ein kurzes, aber dafür super intensives und weltbewegendes Leben zu führen und es keinesfalls dazu kommen zu lassen, einst mit körperlichem und geistigem Bauchansatz, beständig schütterer werdendem Haar und weitestgehend abgeklärt immer mehr Abende in Feinrippunterwäsche und mit einer Bierflasche in der Hand vor dem Fernseher zu verbringen. Hölle, diese Vorstellung wäre mit 17 fast ein Grund zum Selbstmord gewesen, aber was wissen 17-Jährige schon, außer dass das Leben beschissen sei und ganz dringend eine Weltrevolution gemacht werden müsse und man ganz anders werden wolle als diese schrecklichen alten Säcke ab 30? 17-Jährige  wissen gar nix, und das ist einerseits ein Segen für sie, andererseits aber auch ein böser Fluch, denn wie hat Ronnie Wood diesen finsteren Scherz des Lebens auf den Punkt gebracht? „I wish I knew what I know now when I was younger“

Aber leider spielt es das nicht, das Zurückgehen in die Vergangenheit mit dem Wissen von heute, um so all den Blödsinn, den man gemacht hat, vermeiden zu können. Sehr schade eigentlich, denn ich gehöre nicht zu denen, die, wohl wissend um die Unmöglichkeit, die Vergangenheit zu ändern, scheinaltersweise behaupten, sie würden, bekämen sie die Chance dazu, alles noch einmal genau so machen, wie sie es eben gemacht haben. Nein, ich würde vieles anders angehen, träfe ich einen Magier, der mich 20 Jahre zurück durch die Zeit in meinen Spätteenagerkörper schicken könnte. Da wären vor allem mal die Frauen, um die sich doch so viel dreht im Leben und die einem ab Einsetzen der eigenen Geschlechtsreife zum Wahnsinn treiben – was sie aber nur deswegen tun können, weil man ein junger Idiot ist, der noch nichts kennt. Hätte ich damals gewusst, was ich heute weiß, wäre meine Jugend um einiges amüsanter und befriedigender verlaufen, als sie es tat. Und dann die Berufswahl. Journalist! Was für eine schwachsinnige Art des Broterwerbs! Was Anständiges lernen hätte ich sollen, zum Beispiel Lobbyist, Devisenspekulant oder Zuhälter. Damals habe ich Leute, die auf solcherlei Karrieren zusteuerten, verachtet, und heute muss ich von einer der wenigen noch öffentlich zugänglichen Sitzbänke am Wörtherseeufer zuschauen, wie diese Figuren mit Motorbooten, bepackt mit Prostituierten vom Erfolg angezogenen schönen Frauen, Kokain und Viagra an mir vorbeizischen, hin zu Parties, wo diese Menschen die Sau rauslassen und wo Leute wie ich schon mit Türsteherwatschen rechnen müssen, wenn sie sich dem Ort der Festivitäten auch nur nähern.

Aber beneide ich diese Typen wirklich? Nun, manchmal tue ich es, das gebe ich zu, aber spätestens dann, wenn ich eine dieser Gestalten ihr selten blödes Maul aufmachen höre, oder wenn gar eines dieser (Möchtegern)It-Girls, mit denen sich die männlichen Ausgaben dieser Gattung schmücken, einmal mehr unter Beweis stellt, dass das Silikon unter ihrer Bluse mehr Gehalt hat als ihr Hirn, lässt der Neid stark nach und ich fühle mich wieder ganz okay und liebe mich selbst wieder ein bisserl mehr. Soooo schlecht war das Leben bislang ja gar nicht zu mir. Okay, der Krebs hätte nicht sein müssen, auf Depressionen und Angsterkrankungen hätte ich ebenfalls gut verzichten können und die ständigen Geldsorgen waren nun auch nicht etwas, was ich extrem prickelnd fand, aber: Ich musste nie Hunger leiden, hatte hin und wieder Geschlechtsverkehr, hatte einige ordentliche Exzesse, mannigfaltige Erfahrungen legaler und illegaler Art, fuhr mit einem 7er V-12-BMW durch Osteuropa, schrieb schon mit 20 Leitartikel und Seite-1-Glossen, durfte einige wirklich großartige Menschen kennenlernen und manche davon meine Freunde nennen, war politisch nicht völlig wirkungslos aktiv und erreichte schließlich doch das, was schon mit 17 mein Lebensziel gewesen war: Solange schlafen können, wie ich will, dann arbeiten, wann ich will, niemandes Sklave zu sein. Die Bilanz meiner ersten 40 Jahre ist, alles in allem, gar nicht so übel. Freilich wäre es ein netter Zug vom Weltgeist, wenn er mich noch jene Frauen beschlafen ließe, von denen ich früher mal recht ungesund besessen war, und sei es bloß damit ich feststelle, dass ich da gar nicht so viel versäumt habe, weil die eh nicht solche Granaten im Bett sind, wie ich mir das einst zusammenfantasiert habe…

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5 Gedanken zu “Growing old

  1. Guter Text, da dieser literarische bzw. künstlerische Qualität aufweist. Insbesondere der letzte Satz ist vortrefflich formuliert. Ich gebe mal 10 Punkte ••••••••••

  2. Unglaublich wie zutreffend dieser Text doch ist. Wenn nicht im Detail, so doch in der grundsätzlichen Aussage. Wir scheinen ein ähnliches Alter zu haben.

    Und an dem letzten Satz arbeite ich heute noch und bin wohl kurz davor ihn zu verwirklichen. 😉

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