Reaktionäre SPÖ-Wähler?

Ja, die Umfrageergebnisse bezüglich der gesellschaftspolitischen Einstellung der österreichischen Wähler, die die „Wiener Zeitung“ präsentiert, sind teilweise erschreckend. Aber nicht überraschend. Dass konservatives bis reaktionäres Denken in Österreich weit verbreitet ist, kann jeder wissen, der auch mal mit Menschen von außerhalb des akademischen Betriebs in Kontakt tritt. Manche Blogger und Vidcaster wundern sich vor allem über die hohe Zustimmung, die der Satz „im Grunde bin ich mehr für Stabilität als für Veränderung“ unter den SPÖ-Wählerinnen und -Wählern findet, die früher mal eine progressive Truppe waren. Dabei ist das nur allzu verständlich, denn seit mehr als 20 Jahren hat gerade die SPÖ-Stammklientel, also die Arbeitnehmerschaft, erfahren müssen, dass, sobald von Veränderungen oder „Reformen“, gar „dringenden Reformen“ die Rede war, stets Verschlechterungen und Rückschritte für sie, also für die so genannte Unterschicht, damit gemeint waren. Längst vorbei die Zeiten, als man sich als Arbeiter noch auf eine Reform freuen konnte, als Reformen nämlich noch bedeuteten, dass man den Arbeitnehmern ein etwas größeres Stück des erwirtschafteten Kuchens zugestand.  Schon kurz nach der Ära Kreisky kaperten konservative und wirtschaftsliberale Kräfte den Begriff Reform, und seither zittert jedes Mitglied der Unter- und Mittelschicht aus gutem Grund, wenn mal wieder von „Reformen“ die Rede ist, denn gemeint ist damit nun stets: „Wir nehmen euch was weg“. Ob diverse „Pensionsreformen“, „Arbeitsrechtsreformen“ oder die „Reform“ der Sozialhilfe – immer gab´s in den vergangenen Jahren bloß Verschlechterungen und Umverteilungen von unten nach oben. Die Ergebnisse der „Reformen“ der vergangenen Legislaturperioden: Die Löhne, Gehälter und Pensionen stagnierten oder sanken und aus der Sozialhilfe wurde ein zynisch „Mindestsicherung“ getauftes Enteignungsmaßnamenpaket, während die Produktivität, die Unternehmensgewinne und die Gehälter der Manager in nie gekannte Höhen kletterten. Menschen, die sich krank geschuftet haben und nach Jahrzehnten endlich eine Rente kriegen, werden als Sozialschmarotzer verunglimpft, während man Abzocker, Provisionseinstreicher und Finanzsystem-an-die-Wand-Fahrer als „Leistungsträger“ verherrlicht. Solcherlei Sachen verbinden viele Österreicher heutzutage mit dem einst so verheißungsvollen Begriff „Reform“, weshalb sie als bockige „Reformverweigerer“ gelten, obwohl sie doch nur erkannt haben, dass eine Umwertung der Begriffe stattgefunden hat.

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2 Gedanken zu “Reaktionäre SPÖ-Wähler?

  1. Innerhalb des akademischen Betriebs tarnt sich das konservative und reaktionäre denken als vereinfachte Kapitalismus & Technologiekritik.

    Alles neu ist erstmal verdächtig und gefährlich und muß am Besten verboten oder zumindest vom Staat stark kontroliert werden.
    Und Manager sind Menschen mit minderwertiger Moral, die ausschließlich von niederen Motiven wie Gier oder Geilheit angetrieben werden.

    Und warum soll der Arbeiter nicht reaktionär sein ?
    Die Arbeiterklasse ist es, die den Wohlstand schafft den der Staat über Steuer abgreift und den die akademischen Eliten so gerne umverteilen.
    Eine echte Reform die der Arbeiterklasse nützt müsste ihr wieder mehr Mitspracherecht einräumen.
    Beispielsweise in dem nicht mehr der Arbeitgeber die Steuern und Sozialversicherungsbeträge abliefert, sondern in dem der Arbeiter zu bestimmten Stichtagen zahlt.
    Damit würde sich für ihn das Mittel des fiskalischen Generalstreiks eröffnen. Wenn sich große Teile der Arbeiterschaft weigern würden die Steuern zu zahlen könnten sie jede gegen sie gerichtetet Politik verhindern.

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