Verstrahlte KTZ

Esoterik boomt, denn, wie es ein Schweizer Freund des Lindwurms so treffend ausgedrückt hat, „Dummheit boomt“. An dem Boom will auch die einst sozialdemokratische „Kärntner Tageszeitung“ mitnaschen, und so finden wir in der Ausgabe vom 7. August diese Story im Blatt:

Welch tragische Geschichte! Obwohl dieses Kärntner Privatgenie nichts weiter braucht, als „Pickerl“ (Aufkleber), um Häuser, ja ganze Landstriche zu „entstrahlen“, reagiert der böse etablierte Wissenschaftsbetrieb nicht auf die bahnbrechenden „Erfindungen“ des ehemaligen Supermarktfilialleiters.

Zum Glück kann man aber Strahlen auch einfach nur  „wegschmeißen“:

Nun ist dieser verstrahlte Kärntner nicht der erste und sicher nicht der letzte „Privatgelehrte“, der Abhilfe gegen erfundene Bedrohungen verspricht. Richtig ungut wird die KTZ-Story aber durch den begleitenden Kommentar des Journalisten Gerhard Klinger, der vor Unwahrheiten und schlichtem Blödsinn nur so strotzt:

Es gab natürlich niemals einen „direkten Zusammenhang“ zwischen „Wasseradern“ und Krebs, schon gar keinen „nachgewiesenen“. Schauen wir mal, was das Naturmagazin „Geo“ über „Wasseradern“ schreibtMag sein, dass Rutengänger einen sechsten Sinn haben. Aber an Wasseradern schlägt ihr Spürgerät definitiv nicht aus – denn die gibt es so gut wie nirgends. Normalerweise verteilt sich Grundwasser in der Fläche. Es sammelt sich also nicht in unterirdischen Bächen oder Flüssen. Regenwasser sickert vom Boden durch die Schwerkraft tief ins Erdreich, bis es auf eine wasserundurchlässige Schicht wie etwa Ton trifft. Dann fließt es langsam in großer Breite durch Hohlräume im Boden in den nächsten oberirdischen Bach, See oder Fluss. Gerade weil der Untergrund großflächig davon erfüllt ist, finden Rutengänger zwar tatsächlich häufig Wasser. Aber „lineare Wasserkörper“ wie Wasseradern vermuten Geologen nur in verkarstetem Gestein oder zerklüftetem Fels. Derart abseits von üblichem Baugrund können sie schlechterdings nicht die Gesundheit von Hausbewohnern bedrohen, wie „Radiästheten“ behaupten.

Es gibt keinen einzigen wissenschaftlichen Nachweis, dass Wünschelrutengänger etwas anderes aufspüren könnten als ihre eigenen Fantasiestrahlen. Und dass „Wasseradern“ (die es, wie oben gezeigt, ohnehin fast nirgends gibt) oder „Erdstrahlen“ (für die es ebenfalls keinen einzigen wissenschaftlichen Beleg gibt) für Krebs oder andere Erkrankungen verantwortlich sein sollten, ist schlicht und ergreifend Quatsch, von findigen Geschäftemachern erdacht, um verunsicherten oder auch nur gelangweilten Menschen das Geld abzujagen (was ich dem im obigen Artikel erwähnten älteren Herrn nicht vorwerfe, denn der glaubt wohl wirklich an seine Theorien). KTZ-Redakteur Klinger schreibt dennoch, unbeirrt von allen wissenschaftlichen Erkenntnissen, von einem „eindeutigen“ und „nachgewiesenen Zusammenhang“ zwischen Wasseradern und Krebs. Das ist nicht nur Volksverblödung und -verängstigung, das ist auch gefährlich, kann es doch verzweifelte Kranke dazu bewegen, ihr gesundheitliches Heil bei Quacksalbern statt bei der echten Medizin zu suchen.

Dass die „Kärntner Tageszeitung“, die früher mal der Aufklärung und dem Fortschritt verpflichtet war, in den unseligen Chor der Abergläubigen einfällt, ist zwar deprimierend, aber in Zeiten, in denen sich sogar SPÖ-Bürgermeister als „Wunderheiler“ anpreisen, nicht mehr wirklich verwunderlich…

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3 Gedanken zu “Verstrahlte KTZ

  1. Daumen hoch für deinen Artikel! Genau das ist nämlich das Problem mit den Pseudowissenschaften: Wer Hilfe dringend nötig hätte, kommt vielleicht in die Versuchung, sie bei den Scharlatanen oder Selbsttäuschern zu suchen – mit oftmals fatalem Ausgang.

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