Burn, neighbour, burn

Interessant zu beobachten, wie derzeit viele Leutchen versuchen, die Krawalle und Plünderungen in Großbritannien politisch zu instrumentalisieren. Da sind einerseits die Rechten und Rechtsextremisten, die billig und reichlich verzweifelt in Blogs und ein paar wenigen Zeitungskommentaren verbreiten, die „Riots“ seien „linksextrem“ oder „links“  oder hätten mit dem bösen „Multikulti“ zu tun, weil sie meinen, sie seien nach dem Massenmord in Norwegen ungerechterweise als geistige Brandstifter angepatzt worden und die brandschatzenden englischen Kids wären nun der perfekte Vorwand, um den Spieß mal wieder umzudrehen, wozu ihnen kein Argument zu fadenscheinig ist, um es an noch so dünnen Haaren herbeizuziehen.

Auf der anderen Seite gibt es ein im weitesten Sinne linkes Milieu, nicht selten im leicht muffigen Biotop der Soziologie zuhause, das die Ausschreitungen überanalysiert und als Kommunikationsversuch eines sprachlos gemachten Prekariats zu erklären versucht, zumeist ohne weiter darüber nachzudenken, dass die Räubereien und Brandschatzungen und Diebstähle und Überfälle, wenn man sie wirklich als „Kommunikation“ sehen will, allenfalls Selbstgespräche der Täter sind, da diese sich ja gegenseitig beklauen und abfackeln, und dass auf eine „Kommunikation“ dieses Niveaus üblicherweise mit ebenso sprachimpotenter Polizeigewalt geantwortet wird, da sich ein Rechtsstaat gar nichts anderes erlauben kann.

Und dann gibt es noch die Trottelfraktion unter den Linken, welche die Krawalle als „Aufstand“ oder gar als Vorboten der kommenden Revolution fehldeutet und die Wirklichkeit ausblendet. Realität ist, dass nichts Progressives daran ist, wenn marginalisierte junge Leute die Autos, Geschäfte und Häuser ihrer ebenso marginalisierten Nachbarn abfackeln. Es ist kein „Aufstand“, im kleinen Laden nebenan, der von einem täglich ums wirtschaftliche Überleben kämpfenden Menschen betrieben wird, Handys und Fernsehgeräte zu stehlen. Es ist keine Revolution, wenn man Arbeiterautos, für die sich diese Arbeiter lange die Butter vom Brot gespart haben, anzündet. Es ist nicht links, ohne Sinn und Verstand das eigene Wohnviertel in Schutt und Asche zu legen, da dies allenfalls die Baufirmen und Gentrifizierungsgewinner freut. Ziellose Randale ohne konkrete Forderungen ist im Gegenteil reaktionär, zumeist und vor allem im konkreten Fall ein Ausdruck machistischer Bandenmentalität, die keine Vorstellung von Klassenkampf hat, sondern bloß eine von Drogen, Smartphones und Goldschmuck. Es war ja auch nichts davon zu hören, dass bei den „Riots“ ein Vertreter der Upper Class zu Schaden gekommen wäre. Die Toten und Verletzten kommen ausschließlich aus den Reihen der Unterschicht (das soll nicht heißen, dass ich der Oberklasse Böses wünschen würde, es soll bloß verdeutlichen, wie unpolitisch das alles ist). Nicht die Banken brennen, sondern der Tante-Emma-Laden. Und wer wird, abgesehen von den Kriminellen, die sich im Durcheinander ein paar Luxusgüter unter den Nagel gerissen haben von den Ereignissen profitieren? Weder die Arbeiterklasse, noch das Subproletariat, noch die Migrantenszene und schon gar nicht die perspektivlose Jugend. Profiteure werden rechte Schreihälse und der militärisch-polizeiliche Überwachungsapparat sein.

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8 Gedanken zu “Burn, neighbour, burn

  1. @Anonymous
    Falls Sie die Rechtsphobie von Torsch meinen gebe ich Ihnen recht. Aber diese dürfte angeboren sein und ist daher nicht überzubewerten. Ansonsten finde ich den Beitrag sehr realistisch.

  2. Guter Beitrag, aber was haben Arbeiterklasse, Subproletariat, Migrantenszene und perspektivlose Jugend miteinander zu tun ?

    Innerhalb der Arbeiterklasse gibt es weder ein Subproletariat, noch eine Migrantenszene noch perspektivlose Jugendliche.
    Der Arbeiter ist durch den Produktionsprozess diszipliniert und definiert sich über seine Arbeit.

    Die Migrantenszene ( was ist das eigentlich für pi-deutsch ? 😉 ) definiert sich über ethnische Kriterien.
    Und die perspektivlosen Jugendlichen sind bislang nicht Teil des Produktionsprozesses, häufig liegt ihre mangelnde Perspektive auch daran das ihnen eben der Arbeitsethos der Arbeiterklasse fehlt.
    Warum arbeiten, wenn man eh keine Chance hat ?
    Warum sich bilden, wenn man eh keine Chance hat ?
    Warum sich in die Arbeiterklasse integrieren, wenn man Pakistani, Muslim, Hindu, Chinese oder xxx ist und deswegen eh benachteiligt ist ?

    Warum nicht die Läden und die Autos der Arbeiter anzünden und plündern, wenn sich die Gelegenheit ergibt ?
    Aus Solidarität, ? Solidarität mit den Leuten denen es besser geht ?

    Mit dem Subproletariat ist keine Revolution zu machen. Die Krawalle in England bestätigen das auch wieder.
    Und sollte die Arbeiterklasse jemals eine Revolution machen währen vermutlich weder die gut meinenden Salonsozialisten noch das Subproletariat sonderlich ihre Freude daran haben.
    Aber warum sollte die Arbeiterklasse revoltieren ? Wir haben die 35 Stundenwoche, mehrere Wochen bezahlten Urlaub im Jahr, Anspruch auf Sozialleistungen die über dem Wohlfahrtsniveau liegen…
    Die bösen Manager und Konzernchefs die von Salonsozialisten gerne geschmäht werden stammen meist selber aus der Arbeiterklasse.

    Warum soll ich revoltieren und die Produktionsmittel unter meine Kontrolle bringen, wenn ich dann nachher neben meiner Arbeit noch die Verwaltungsarbeit meines Chefs machen darf ?

    – und mir dann noch vermutlich von irgendwelchen Menschen die noch nie gearbeitet haben anhören muß das trotz Revolution sich die Wirtschaftspolitik nicht geändert hat und die Arbeiter keinen Bock darauf haben dem Subproletariat oder irgendwelche gut meinenden Salonsozialisten aus Kunst, Wissenschaft und Lehre mehr von ihrem erwirtschafteten Wohlstand abzugeben…

  3. Ich hab ja Mu-Ku und den Sozialogie-Armutblabla zusammengeworfen, is‘ eh das selbe…

    „Profiteure werden rechte Schreihälse und der militärisch-polizeiliche Überwachungsapparat sein.“ Ich wusste schon vor dem Lesen, wie’s Märchen ausgeht … langweilig.

  4. […] Freilich, Plünderung und Brandschatzung, Gewalt bis hin zum kaltblütigen Mord sind keine Ereignisse, die man in irgendeiner Form romantisieren sollte. Das Geschwätz vieler Linke, in England irgendeine Form von Klassenkampf hineinzufiebern, ist zynisch gegenüber den Opfern. Umgekehrt ist es natürlich auch zynisch von den Rechten, aus den sozial begründeten Riots nun eine Art “Rassenkrieg” zu interpretieren, wie man derzeit auf einschlägigen Blogs lesen kann. Die Wahrheit liegt dazwischen. Es sind nun mal die Ausländer in England, die vom Wohlstand weitestgehend ausgeschlossen sind. Denen durch Vorurteile und Gentrifizierung, vor allem aber durch das Bildungssystem schlechte Aufstiegschancen beschert sind. Eine rassistische Londoner Polizei, die Schwarze 24 Mal häufiger kontrolliert als Weiße, kommt noch hinzu. Trotzdem rechtfertigt all dies keinen mordenden und plündernden Mob. Das sagen andere Blogger: Realität ist, dass nichts Progressives daran ist, wenn marginalisierte junge Leute die Autos, Geschäfte und Häuser ihrer ebenso marginalisierten Nachbarn abfackeln. (Lindwurm) […]

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