It´s the class war, stupid

Einmal davon abgesehen, dass Slavoj Žižek mit einem argentinischen Unterwäschemodel namens Analia verheiratet ist und daher unser aller missgünstigsten Neid verdient, und die Tatsache vernachlässigend, dass der Mann viel schwätzt und meist nur blendet, sagt er hin und wieder auch etwas Wahres. Zum Beispiel wenn er in einem Interview mit der „Zeit“ konstatiert: „Das wirkliche Erfolgsmodell ist heute nicht mehr die westliche Demokratie, sondern Kapitalismus plus autoritäre Regierung. (…) Er ist heute die größte Gefahr für Demokratie und Menschenrechte. Es ist außerordentlich ironisch, dass heute, nach dem Triumph des Kapitalismus über den Kommunismus, die Kommunisten, die an der Macht blieben, die besten Manager des Kapitalismus sind.“

Wir sehen, dass der exaltierte Großverdiener unter den zeitgenössischen Philosophendarstellern schon kurz nach der richtigen Feststellung, dass die derzeit größte Gefahr für Freiheit und Menschenrechte vom autoritär verwalteten Kapitalismus ausgeht, begrifflich ins Schleudern gerät, denn die chinesische KP als kommunistisch zu bezeichnen, bloß weil dort eine längst sinnentleerte rote Fahne über einem Land flattert, in dem eine gigantisch große Unterschicht in Sieben-Tage-Wochen ohne Anrecht auf Arbeitslosengeld schuftet, während die reichen Chinesen Firmen wie Ferrari, Rolls-Royce, Bentley, Mercedes und Maserati  fast im Alleingang das Überleben sichern, ist einfach nur falsch. Dennoch: In Zeiten, in denen das Kapital auch in Weltgegenden wie Europa oder Nordamerika den einst mit dem westlichen Proletariat im Kampf gegen den Ostblock geschlossenen Vertrag, dessen Inhalt es war, dem Pöbel genug Brotkrumen zukommen zu lassen, um ihn gegen die sozialistische Versuchung zu immunisieren, einseitig aufkündigt und die durch Späßchen wie Sozialstaat und Gesundheitsversorgung entgangenen Milliarden nun mit Enteignung („Privatisierungen“), Pauperisierung durch Maßnahmen wie Hartz IV und „bedarfsorientierter Mindestsicherung“, Zwangsauslagerung von Renten und Krankenversicherung an Konzerne und Börsen sowie mit ganzen Staaten auferlegten „Sparmaßnahmen“ wieder einzutreiben sucht, geht beim denkenden Teil der Produktionsmitteleigentümer und Kapitalbesitzer natürlich die Angst um, das Humankapital könnte sich seiner selbst wieder bewusst werden oder zumindest angesichts der immer frecher werdenden Raubzüge der zehn Prozent gegen die anderen 90 Prozent in blinder Rage ein paar Villenviertel verwüsten. Anders gesagt: Jetzt, wo die Upper Class dem „Scum“ nicht einmal mehr Tittytainment gönnen will, blickt man neidisch auf autoritär oder gar totalitär gelenkte Staaten, wo jeder, der eine unabhängige Gewerkschaft gründen will, im Gulag verschwindet.

In Europa macht Ungarn unter Viktor Orbán den Vortänzer in diesem nur oberflächlich betrachtet neuen Ballett, das schon an anderen Bühnen in einer anderen Zeit aufgeführt wurde. Mit Streikverboten, Arbeitslagern, Pressekontrolle und radikalem Sozialabbau tänzelt Orbán hin zum Autoritarismus, und Europas Industrielle schauen aufmerksam zu, ob das was wird. Sollte der Versuch nicht glücken, hat man ja mit den offen  neofaschistischen Parteien immer noch einen weiteren Pfeil im Köcher, weshalb man diese auch bereitwillig finanziell unterstützt. Im fälschlicherweise als „Wirtschaftskrise“ oder „Finanzkrise“ bezeichneten Klassenkampf von oben nach unten kommt eben alles gerade recht, sei es eine Tea Party, deren vornehmste Aufgabe es ist, im Interesse ihrer Financiers den ärmsten Schweinen schmackhaft zu machen, noch das letzte Hemd ausgezogen zu bekommen, oder seien es Nazis und, warum denn nicht, „Kommunisten“ fernöstlicher Prägung, mafiöse Beutelschneiderbanden wie jene von Putin oder, was ja schon zu beobachten war, arschglatte und korrupte Blair-Schröder-Sozialdemokraten sowie, was immer bedeutsamer wird, Grüne, die dem Volk unter Vorspiegelung edler ökologischer Ziele die Lust auf Verzicht einreden – wichtig ist bloß, dass das Geld von unten nach oben fließt und während dieses Vorgangs niemand die Möglichkeit hat oder, besser noch, gar nicht auf die Idee kommt, den Gedanken zu denken und in die Tat umzusetzen, dass es auch anders rum laufen könnte.

In Wirklichkeit sind wir bereits voll auf dem Weg hin zum autoritären Kapitalismus, ja wir sind schon mitten drin. Um dies zu begreifen, reicht ein Blick auf die Gefängnisse in unserer ach so freien Welt. Die werden vor allem von Kleinkriminellen bevölkert und zunehmend auch von Menschen, die mit den immer strenger werdenden Sexualgesetzen in Konflikt geraten. Und natürlich von Herstellern und Händlern der harmlosen Droge Cannabis, denn eine illiberale Prohibitionspolitik auf reaktionärer Moralbasis eignet sich vorzüglich einerseits zum Kriminalisieren devianter Bevölkerungsgruppen und andererseits auch für die Stärkung des mörderischen Arms des Kapitals, der Mafia. Als sehr nützlich für die Verblödung und Narkotisierung der Menschen hat sich auch, wie seit jeher, die Fraktion der Spiritualitätsverkäufer erwiesen. Zwar haben die christlichen Kirchen viel von ihrem einstigen Einfluss verloren, aber an ihre Stelle traten rasch das Wünschelrutengesindel, die Geistheilerabzocker, tibetische Faschobuddhisten und seit einiger Zeit verstärkt die antiaufklärerische Spielart des Islam. Wer in Kirchen oder Moscheen hockt oder in Schwitzhütten Trommeln misshandelt, der macht keine Revolution. Das ist die Freizeitgestaltung der gerade noch Gutverdienenden. Übrig bleibt darunter ein orientierungsloses Jungvolk, das sein Heil in Djihad, ziellosen Riots und völlig verdummtem Linksextremismus sucht und so doch wieder nur genau das tut, was der Herrschaft nützt. Gerne frönt man auch wieder der dämlichsten aller Reaktionen auf erfahrenes Ungemach, nämlich dem Hass auf Juden und auf Israel. Gerade viele „Linke“ sitzen der wahnhaften Vorstellung auf, sie würden progressiv handeln, wenn sie sich im Kampf gegen eine kleine Demokratie mit den übelsten Barbaren verbünden. Und während sich diese „Linke“ Israels Kopf zerbricht, werden in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft Menschen delogiert, entlassen und ins Elend gestürzt. Es ist also von linker Seite keine ernsthafte Gegenwehr gegen den autoritären Kapitalismus zu erwarten, da man sich in diesen Kreisen mehr mit Nahostpolitik und der Liebe zu „Edlen Wilden befasst statt mit dem tobenden Klassenkampf vor Ort. Den überlässt man den Rechtsextremen, die mit Slogans wie „unser Geld für unsere Leute“ die Stimmen der Verzweifelten einsammeln.

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8 Gedanken zu “It´s the class war, stupid

  1. Dennoch: In Zeiten, in denen das Kapital auch in Weltgegenden wie Europa oder Nordamerika den einst mit dem westlichen Proletariat im Kampf gegen den Ostblock geschlossenen Vertrag, dessen Inhalt es war, dem Pöbel genug Brotkrumen zukommen zu lassen, um ihn gegen die sozialistische Versuchung zu immunisieren.
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    Sorry, aber das sehe ich anders:
    In den westlichen Industriestaaten haben sich die Arbeiter diese Rechte erkämpft, und die Versorgung wurde immer weiter ausgeweitet.
    Nicht um sie gegen sozialistische Versuchungen zu immunisieren. Das hat ganz allein schon der Eiserne Vorhang um den real-existierenden Sozialismus erreicht.

    Die Arbeiter haben sich diese Rechter erkämpft, weil ihre Arbeitskraft nachgefragt wurde und sie den Preis bestimmen konnten. In der alten Industriegesellschaft hat das auch ungelernten Arbeitern genutzt, die später durch ungelernte Arbeiter aus dem Ausland ersetzt wurden.
    ( Der eiserne Vorhang der die Konkurrenz in Ostblock abgehalten hat ist da auch teilweise ein Grund gewesen ).

    Den mit steigenden Einkommen und fortschreitender Technisierung der Industrie stieg auch der Ausbildungsgrad der Arbeiter. Die Ausbildung eines Facharbeiters hat heute höhere Ansprüche als vor 25 oder 50 Jahren, gleichzeitig stieg durch die Massenuniversitäten die Zahl der Ingenieure.
    Die gut Ausgebildeten Facharbeiter & Ingenieure sind aber nicht die typische Gruppe von Hartz IV Beziehern.

    Da sind z.B. in erster Linie alleinerziehende Mütter drin, oder ungelernte Arbeiter die im Niedriglohnsektor gearbeitet haben.
    Denen ging es vor Hartz IV auch nicht besser, im Gegenteil. Für jeden Scheiß durfte man einen Antrag bei Sozialamt stellen, statt einer Krankenversicherung musste man die Rechnung beim Sozialamt vorlegen.

    Wer durch Hartz IV schlechter gestellt wird ist der gut verdiende Facharbeiter oder Ingenieur der früher mit 53 % seines Nettoverdienstes im Falle einer Arbeitslosigkeit jahrelang ein Arbeitslosengeld beziehen konnte das deutlich über dem Niveau der Sozialhilfe lag.
    Das hat damals keine als unfair betrachtet, schließlich war man ja besser als der Pöbel… Solidarität mit dem Pöbel gab’s da nicht.

    Auch in China hat die Arbeiterklasse momentan die Chance sich höheres Einkommen zu erkämpfen.
    Ich habe öfters die Gelegenheit mit Menschen zu reden die in China Vertrieb und Kundendienst machen. Ein großes Problem für die dortigen Firmen ist die Abwanderung der Arbeiter zur Konkurrenz, sobald diese mehr Geld bietet.

  2. Großen Konzerne und Banken ist nicht so sehr an Demokratie gelegen, sie können sich mit einer autoritären Struktur sehr gut anfreunden, sofern mit ihr die Geschäfte stimmen. Diktaturen wurden meist durch jemanden finanziert, hatten Unterstützer und Wegbereiter mit Einfluss und Kapital. Und sei es nur, um die Diktatoren in der Dritten Welt als Marionetten gegen andere einsetzen zu können und den Weg zu Rohstoffen frei zu machen. Das Problem, wenn man Kriminellen erlaubt, woanders auf der Welt alle kriminelle Energie einzusetzen, weil der Zweck die Mittel heiligt, ist nun mal, dass diese Kriminellen irgendwann auch im eigenen Land ihre Opfer suchen. Verluste von Banken zu vergesellschaften ist ein Beispiel dafür.

  3. Wirklich guter Kommentar!
    Und jetzt wird die nächste Krise herbeigeredet – sozusagen pünktlich zur Lohnverhandlungsrunde………

  4. “ […] und zunehmend auch von Menschen, die mit den immer strenger werdenden Sexualgesetzen in Konflikt geraten.“ Welche Gesetze meinen Sie?

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