Verständnis für Papandreou

„Es reicht: Griechen raus!“ So brüllt die Titelseite von Österreichs auflagenstärkster Tageszeitung „Krone“ in Reaktion auf die Ankündigung des griechischen Ministerpräsidenten Giorgos Papandreou, die Griechen über das EU-Rettungspaket abstimmen zu lassen. Nahezu alle europäischen Politikerinnen und Zeitungskommentatoren verdammen Athen dafür, und allzu viele simple Gemüter fühlen sich in ihren Ressentiments bestätigt, wie man mit einem Blick auf die Leserbriefseiten leicht feststellen kann. Diese simplen Gemüter sind den Propagandafloskeln auf den Leim gegangen und wiederholen diese brav, ohne ihr Gehirn einzuschalten. Die Propaganda geht ungefähr so: Die faulen Griechen haben sich zu viel Geld geborgt und über ihre Verhältnisse gelebt. Und jetzt müssen wir braven und fleißigen Mitteleuropäer deren Schulden zahlen. Das ist natürlich Blödsinn. Griechenland wurde mit Handkuss in die Eurozone aufgenommen, da sich die großen Industrienationen, allen voran Deutschland, ausrechneten, exzellent an das nunmehrige Hartwährungsland exportieren zu können. Das Geld für die vielen VW und Porsche und Mercedes, die plötzlich im Straßenbild Athens auftauchten, wurde bereitwillig von europäischen Banken verliehen. Eine echte Risikoabschätzung wurde von den Banken nicht durchgeführt und war politisch auch nicht erwünscht. Die griechische Wirtschaft war durch den Wegfall von Währungsabwertungsmöglichkeiten zwar konkurrenzunfähig geworden, doch verdienten Firmen, die nach Griechenland exportierten, Unsummen. Kurz: Die Banken finanzierten die Exportgewinne Deutschlands (und anderer), da man einfach davon ausging, dass die EU-Staaten mit den Geldern ihrer Steuerzahler schon einspringen würden, wenn der (absehbare) Tag der Rückzahlungsunfähigkeit Griechenlands kommen würde. Und so war es dann auch. Die drohenden Verluste der Finanzinstitute wurden einfach größtenteils sozialisiert. Hier muss man zwischendurch auch mal eine grundsätzliche Frage stellen: Wer hat sich schuldiger gemacht? Die Banken, die den Griechen Kredite geradezu nachgeworfen haben? Oder diejenigen, die diese Kredite in Anspruch nahmen? Dass der Schuldner grundsätzlich die Alleinverantwortung trüge, ist eine primitive Verallgemeinerung küchenökonomischer Binsenweisheiten.  Ein Kreditnehmer ist kein Bankräuber, er ist Geschäftspartner, und wenn man die Bonität seiner Geschäftspartner mutwillig oder auf Anweisung der Industrie/der Politik außer Acht lässt, sollte man sich überlegen, ob man für das Geschäftsleben geeignet ist.

Giorgos Papandreou hat jedenfalls mein Verständnis dafür, das Volk zu befragen. Wer könnte es ihm verübeln, dass er nicht allein den Sündenbock geben will? Natürlich haben die Griechen in der derzeitigen Situation nur die Wahl zwischen einem Übel und einer Katastrophe, denn wenn sie gegen das EU-Rettungspaket stimmen, geht das Land wohl pleite, mit allen möglichen Folgen bis hin zu einem Militärputsch. Aber gerade in einer so verzweifelten Lage ist es angebracht, das Volk mit entscheiden zu lassen, denn mit der Last einer solch gravierenden ökonomischen Krise auf den Schultern kann vielleicht ein Diktator ruhig schlafen, ein Demokrat kann es nicht.

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Ein Gedanke zu “Verständnis für Papandreou

  1. du hast bei vielen Punkten recht.

    eine Volksabstimmung müsste allerdings sofort stattfinden.

    bis Jänner weiterzuzahlen, um dann denn Stinkefinger präsentiert zu bekommen, wäre wohl nicht OK.

    für Griechenlands Pump-Politik, die alle bis zum bitteren Ende alle zufriedengestellt hatte, werden allerdings sowieso auch alle büßen müssen

    die Griechen, egal ob reich oder arm, die euopäischen Steuerzahler und die europäischen Banken

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