Going Underground?

Something´s happening here today

Was leben wir doch in interessanten Zeiten! Wir können live und in Farbe miterleben, wie das Kapital nach und nach alle Verträge und Kredite kündigt und seine Laufburschen, also das Politiker- und Expertengesindel, losschickt, um die Rechnungen einzutreiben. Staatsschulden in Relation zum Bruttoinlandsprodukt, die noch vor wenigen Jahren, ja Monaten als völlig normal galten, versetzen nun „die Märkte“ dermaßen in Aufregung, dass man ihnen Beruhigungspillen in Form von Sozialisierung privater Schulden, Sozialabbau, Lohndumping und „Schuldenbremsen“ verabreichen muss. Europa muss „sparen“, diktieren Deutsche Bank, IWF & Co, aber keinesfalls bei den aufgeblähten Bürokratien, bei Bankenhaftungen, bei Steuerprivilegien für Konzerne und Superreiche und bei Förderungen an die Agrarindustrie, nein, sondern allein bei den Arbeitnehmerinnen und den Alten und Kranken.

You’ll see kidney machines replaced by rockets and guns

Bislang sind mir keine Sparmaßnahmen bekannt, die nicht auf die Armen und Schwachen sowie auf die Mittelschicht zielen würden. Jene Apparate, die nicht zuletzt der sozialen Kontrolle dienen, werden nicht etwa zurückgestutzt, sondern ständig weiter ausgebaut. Für Militär, Polizei, Geheimdienste und Bürgerüberwachung gibt es immer mehr Geld. Jüngst hat man in Wien 300 Polizisten eingesetzt, um ein von ein paar Dutzend Menschen besetztes Haus zu räumen. Das veranschaulicht die Prioritäten des Systems ebenso gut wie der verschwenderische Umgang mit den Ressoucen von Polizei und Justiz bei der Jagd nach Cannabiskonsumenten und -produzenten. Mit Unsummen wird ein Verbrechen ohne Opfer bekämpft, während gleichzeitig die großen Wirtschaftskriminellen gut grinsen haben, weil Ermittlungen gegen diese wegen „Personalmangels“ so lange nicht vorankommen, bis die Taten verjährt sind. Und was erklären uns die „Experten“? Wie sollen wir nach deren Meinung die Krise, die von Banken und Spekulanten ausgelöst wurde, bewältigen? Indem wir gefälligst die Sozialausgaben kürzen und das Gesundheitssystem auf das Niveau von Drittweltländern zurückfahren! Alles und alle sind nur Ware und die Rendite muss stimmen, der Mensch mit seinen Bedürfnissen und Wünschen hat nicht mehr wichtig zu sein. Weil sich die Herren verspekuliert haben, soll der Pöbel die Rechnung bezahlen.

You’ve made your bed, you better lie in it

Europas Bürgerinnen und Bürger sehen dem wilden Treiben ratlos zu. Sozialdemokraten machten in den vergangenen 20 Jahren nahezu dieselbe Politik wie die Konservativen, Unterschiede gibt es nur noch in wenigen gesellschaftspolitischen Themenbereichen. Der Wähler kann darüber entscheiden, ob die Schwulenehe legal wird, bei der Wirtschaftspolitik hat er längst kein Mitsprachrecht mehr. Und so kommt es, dass mal die „Linke“, dann wieder die Rechte an die Macht gewählt wird, ohne dass dies für die Arbeitnehmer einen entscheidenden Unterschied machen würde. Trotzdem ist es natürlich originell, wenn in Reaktion auf die Umverteilung von unten nach oben ausgerechnet jene Parteien an die Macht geschwemmt werden, die schon programmatisch diesen Klassenkampf der Oberen Zehntausend gegen die Mittel- und Unterschicht unterstützen, also Gruppen wie die spanische PP, die griechische ND, die ungarische Fidesz  oder die österreichische FPÖ. In ihrer Ratlosigkeit und ihrem Frust wählen die Menschen genau jene Figuren, die alles nur noch schlimmer machen werden. Hauptschuld daran ist, neben der Dummheit der Leute, das totale Versagen der Sozialdemokratie, seit dort Figuren wie Schröder und Blair das Sagen hatten und haben. Diese Sozialdemokratie hatte mit ihren großen Mehrheiten in den 90er Jahren die einmalige Chance, die EU mit einheitlichen Sozialmindeststandards, Mindestlöhnen und Beschränkungen schädlicher Spekulationsgeschäfte vor dem nun eintretenden Absturz zu schützen, und in der Tat haben das ja einige Regierungschefs versucht, aber diese scheiterten an den Verrätern Blair und Schröder, die das dumme Mantra von der Perfektion des Marktes nachbeteten (und dafür ja auch nach Austritt aus der Politik mit tollen Jobs belohnt wurden).

We talk and we talk until my head explodes

Und mitten in diesem wütenden Klassenkampf wird viel gelabert und debattiert und verschwörungstheoretisiert, aber wenig gehandelt. Occupy Dingsbums, das ist alles, wozu man sich vielleicht noch aufraffen kann, aber was bringen diese Demos und Sitzstreiks ohne echte Ziele und ohne theoretisches Rüstzeug? „99 Prozent“, das stimmt ja nicht mal zahlenmäßig, das ist eine eigenartige Wohlfühlveranstaltung durch Rudelbildung und Ausschluss einer Minderheit, also de facto faschistoid. Was wir bräuchten, wäre ein koordiniertes Vorgehen der europäischen Gewerkschaften und all jener Parteien, die die Demokratie gegen die Diktatur des Kapitals verteidigen wollen. Denn die rechten Parteien und deren Financiers geben immer deutlicher zu erkennen, dass Demokratie eigentlich eine für sie lästige Sache ist und keineswegs ein Muss. Man blickt neidisch auf China, auf Russland und Ungarn und findet den autoritären Kapitalismus, der entweder ganz oder zum großen Teil ohne Mitspracherecht der Beherrschten auskommt, recht charmant.

Going underground

Was viele Vertreter der herrschenden Klasse übersehen, wenn sie so begeistert den Autoritarismus vorantreiben, sind die Gefahren, die auch auf sie lauern. Wer den Druck ständig erhöht, wird irgendwann Gegendruck zu spüren bekommen. Wenn man also immer mehr Menschen ein Gefühl von Alternativlosigkeit und Marktdiktatur vermittelt, könnten einige der unterdrückten Subjekte auf die Idee kommen, dass das Wählen und Verhandeln nichts mehr bringt und das es stattdessen einfacher und befriedigender wäre, nicht für die Verluste der Banken zu bezahlen, sondern diese auszurauben, und statt sich die ewig gleiche Leier von den Sachzwängen anzuhören lieber ein paar Attentate zu verüben. Auch bedenken sollte so mancher Industrielle und Vorstandschef, dass er in einem autoritärem System nicht immun sein würde. Ein genauerer Blick auf China oder Russland sollte Warnung genug sein, denn ein Willkürsystem wendet sich zwar vornehmlich gegen die schwächeren Teile der Gesellschaft, macht aber auch vor Oligarchen nicht halt. Schneller als er denkt kann sich dort ein sehr reicher Mann im Gulag oder vor einem Erschießungskommando wiederfinden. Auch die Oberklasse hat viel zu verlieren, wenn die westliche Demokratie in Aufruhr und Chaos versinkt und durch autoritäre oder totalitäre Herrschaftsformen ersetzt wird.

Advertisements

6 Gedanken zu “Going Underground?

  1. „die Politika“
    „die herrschende Klasse“

    Wer schon seit 20 Jahren über die Politik sudert ist zum Teil selbst schuld.
    Denn die Politik steht jedem offen.
    Ganz besonders hier in Ö ist es tatsächlich für jedermann/frau möglich „etwas zu werden“ – wie man ja oft genug sieht.

    Unsere Politiker sind ein Spiegel der Gesellschaft – klingt abgedroschen, stimmt trotzdem.

    Wer also auf die komplexen Probleme und Fragen mit einem Blick „nach oben“ antwortet, machht es sich viel zu leicht.

  2. Wie kommst Du auf die Idee das die Sozen – oder andere Linken – bei der Bürokratie sparen oder einen Mindestlohn fordern sollten ?

    Links sein bedeutet heute Teil einer priviligierten Klasse zu sein.
    Man hat auf Staatskosten studiert, und nach dem Studium einen guten Job bei Vater Staat oder einem größeren Konzern gefunden.
    Ganz sicher ackert man sich nicht im Niedriglohnsektor ab, das ist was für Prolls.

    Warum soll der Untergrund nur Industrielle oder Vorstandschefs aufs Korn nehmen ?
    Ist der Grundschullehrer der mein Kind auf die Hauptschule schickt weil die Eltern schon Arbeiter gewesen sind nicht ein viel besseres Ziel ?
    Ist der Beamte auf dem Arbeitsamt der seine Macht auskostet um mir das Leben schwer zu machen nicht ein viel besseres Ziel ?

  3. > Wir können live und in Farbe miterleben, wie das Kapital
    > nach und nach alle Verträge und Kredite kündigt und seine
    > Laufburschen, also das Politiker- und Expertengesindel,
    >losschickt, um die Rechnungen einzutreiben.
    Das hast Du schön gesagt!! So einen Satz muss man sich mit rosa Seide ins Kopfkissen sticken.
    Auch der Rest vom Artikel ist feinste Sahne.
    Pardon: Obers.

  4. Wir, und nicht nur wir, leben präsise gésagt, in einer
    Staats-Steuer,-Zoll- und -Zinssklaven – Demokratie.
    Es lohnt sich, über diese Begriffsbestimmung zu meditieren.
    Steuern und Zinsen werden miteinander verquickt, helfen sich gegenseitig. Wer Zinsen will, will stetige Verarmungsregeneration. Die Mittel dazu sind eben gewollte Krisen, Kriege, Kirchen, Katastrophen, Krankheiten, Kaiser, Könige, Kanzler.
    Das Wesen des Sklaven ist doch, dass er die Kosten für seine eigene Sklavenhaltung erwirtschaftet und zusätzlich das arbeitslose Einkommen für das Wohlleben seiner jeweiligen Herrschaft.
    Seine Herrschaft ist der Boden- und Geldadel geblieben und der Staat ist dessen Einzugsamt für arbeitslose Einkommen und zugleich der Knüppel für Versklavungsverweigerer.
    Pikant sozusagen, die Sklaven werden, wenn es d´rauf ankommt,
    stets mit ihren eigenen Steuern niedergeknüppelt.
    Das nennt man Vorfinanzierung.
    In Bürger- und Völkerkriegen kämpfen die Staats-Steuer-, -Zoll- und Zinssklaven einzig und allein für ihre wirtschaftliche, psychische und intellektuelle Weiterversklavung.
    Wobei es keine Rolle spielt, ob die Herrschaft ein anderer Boden- und Geldadel sein wird. Der siegreiche z. B..
    So gesehen, bietet das Konzept der Freiwirtschaftslehre mit den grundlegenden Wirtschaftsreformen – Freiland – und – Freigeld – die richtige Abhilfe gegen die dreidimensionale Versklavung!
    Es sind genau die passenden Mittel, mit welchen der Boden- und Geldadel der Welt einschließlich seiner Staaten in eigenem Interesse in Rente komplimentiert und nach ihrem friedlichen Ableben bestattet werden können.
    Die Welt, so wie sie ist und uns betrifft, erklärt sich aus der beharrlichen Freiwirtschaftsignoranz und -ablehnung infolge selbst finanzierter Verdummung durch die genannten Abgaben für
    – staatliche Einnahmen – für die Reichen und Superreichen des Boden- und Geldadels der Welt.
    Grüße von Gregor Gregorivic

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s