Immer diese Jugendlichen

„Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen„, urteilte schon Aristoteles, und nach ihm jede neue Generation von Menschen jenseits der 40, die die gerade Heranwachsenden mit einer Mischung aus Argwohn, Verachtung und Neid betrachtete. Immer war die jeweilige Jugend in den Augen pessimistischer alter Säcke die schlimmste aller Zeiten, die ganz gewiss den Untergang der Nation herbeiführen würde. Auch eine aktuelle österreichische Jugendstudie muss als Munition im Arsenal der Nachwuchsbasher herhalten. Die jungen Leute, heißt es da, seien zunehmend offen für rechtsextremes und, horrbile dictu, „neoliberales“ Gedankengut. Von Solidarität hielten sie nicht viel, dafür umso mehr von Ellenbogengesellschaft und der Ausgrenzung von Minderheiten. Das ist nun ohne Frage sehr übel und uncool, aber ganz sicher keine neue Besonderheit, die vorangegangenen Generationen fremd gewesen wäre. Klar sind sehr viele Jugendliche dumme Arschlöcher, die nix im Hirn haben außer ins Solarium zu rennen, den Körper zu stählen und auf die nächste Schönheitsoperation zu sparen. Und wenn sie mal das Maul aufmachen, erzählen sie putzige Fabeln über hinterhältige Ausländer, die „unser Sozialsystem ausnützen“. Oder dass die Juden die Welt beherrschen und Hitler auch seine guten Seiten gehabt hätte. Sie plappern halt nach, was sie Zuhause oder im Internet aufschnappen, und aufschnappen tun sie solcherlei Blödsinn von jener Generation, die scheinheilig einen auf besorgt macht, wenn sich herausstellt, dass die Jungen genauso missraten sind wie die Alten. Außerdem scheint kaum jemand wahrzunehmen, dass die Jugendlichen bloß auf den Sound der Zeit reagieren. Und wenn sie sehen, wie die Starken immer brutaler die Schwachen an die Wand drücken, wie rechte Ideologien in Europa Konjunktur haben, wie radikal alle Lebensbereiche durchökonomisiert werden und wie übel den Verlierern des Rattenrennens zugesetzt wird, dann kann man es ihnen ja wohl kaum verübeln, wenn sie versuchen, auf der Siegerseite zu stehen.

War es früher besser? Blicken wir doch mal zurück auf die 60er und 70er Jahre. Damals war der Zeitgeist ein linker, und ein gewisser Prozentsatz der Heranwachsenden gab sich ganz doll weltverbesserisch und revolutionär. Aber was war die Realität? Realität war, dass in den Kreisen der „Gegenkultur“, bei den Hippies und Linksradikalen genau dieselben darwinistischen Ausleseverfahren und verzweifelten Anpassungsversuche an diese stattfanden wie heutzutage. Den meisten Sex und generell die beste Zeit hatten jene, die sich in der jeweiligen Szene als besonders eifrig und zielstrebig erwiesen, also der Hippie mit den am kunstvollsten auf verwahrlost gestylten Haaren, der Linke mit dem größten Maul oder die Punkerin mit der dicksten Sicherheitsnadel in den Lippen. Man musste genauso dem Ideal von Schönheit und Erfolg entsprechen, wie heute, wollte man was erreichen als junger Mensch. Und so wie heute der Mainstrem eher rechts und wirtschaftsliberal ist, war er damals halt im weitesten Sinne links und „alternativ“, was die Jugend doch bloß widerspiegelt, statt es aktiv zu gestalten.

Dass der Vorwurf, die heutige Jugend tauge wenig und habe keine Ideale, bösartiger Quatsch ist, beweist übrigens auch ein Blick auf das Weltgeschehen. Wer geht denn für mehr Gerechtigkeit und Demokratie auf die Straßen von Peking über Teheran bis nach San Francisco? Wer riskiert dabei Freiheit, Gesundheit und Leben? Überwiegend junge Leute sind es, die demonstrieren und sogar Revolutionen anzetteln. Die Jugend war es, die in Israel die größten sozialen Proteste in der Geschichte des Landes ausgelöst hat. Die Jugend hat in Nordafrika Diktatoren gestürzt. Die Jugend lässt sich in den USA niederknüppeln, tränenbegasen und verhaften, weil sie, zwar diffus, aber doch, eine besser Welt will. Die Jugend protestiert in Griechenland, Spanien und Italien gegen den Amoklauf des Kapitals. Die Jugend von heute ist also kaum schlechter als jene von gestern. Nicht besser, wohlgemerkt, denn junge Menschen haben neben ihrer beneidenswerten Vitalität stets auch einen Mangel an Erfahrung und Wissen, der dazu führt, dass über Jugendbewegungen immer auch der Schatten der Barbarei schwebt. Aber schlechter als zB jene Jugend, die begeistert in zwei Weltkriege zog, kann die heutige gar nicht sein.

 

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4 Gedanken zu “Immer diese Jugendlichen

  1. Ein gelungener Artikel allemal. Pflichte Dir beinahe vollkommen bei.
    Ausnahme: Der Mainstream ist eher „rechts“ angesiedelt, sagst Du. Bis auf die berühmten Stammtische, nehme ich das so nicht wahr. Fakt ist mM nach:
    Die Politik und Mainstream-Medien sind eher links. Mein Bekanntenkreis ist eher links. Das einzig „Rechte“ in Österreich ist (mit Ausnahme von einigen wenigen „Nostalgikern“) die Menge, die zur gegenwärtigen Politik aus PROTEST in Opposition geht und nicht als Folge ihrer Weltanschauung. Und dies findet sich gleichmäßig verteilt in allen Altersstufen.

  2. >>> Immer war die jeweilige Jugend in den Augen pessimistischer alter Säcke die schlimmste aller Zeiten, die ganz gewiss den Untergang der Nation herbeiführen würde<<< Vorsicht, Du wirst auch einmal ein "alter Sack" sein…
    lG

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