Communism ain´t gonna work

In diesen Tagen, in denen das kapitalistische System ächzt und kracht und viele Menschen sich nach Alternativen umsehen, hat „Standard“-Kolumnist Hans Rauscher einen wichtigen Kommentar geschrieben, in welchem er daran erinnert, wie systemimmanent verrottet der „Real Existierende Sozialismus“ war. Mangel, Misswirtschaft, Unterdrückung, Gulag – so könnte man das traurige Ergebnis der Oktoberrevolution, an die doch so viele Hoffnungen auf eine bessere Welt geknüpft waren, zusammenfassen. So charmant die Sache theoretisch auch sein mag: Kommunismus hat nicht funktioniert, nirgendwo, und wird es auch nie. Dennoch gab es neben den Parteibonzen und den Drittweltdespoten, die sich ihre Hintern entweder von der einen, oder der anderen Seite vergolden lassen konnten, auch andere Profiteure der damaligen bipolaren Welt. Zum Beispiel die westliche Arbeiterschaft, die sich eine akzeptable Beteiligung am von ihr mit geschaffenen Wohlstand erkämpfen konnte, unter anderem eben mit der unterschwelligen Drohung, dass man ja auch mal die Kommunisten wählen könnte, falls die Lohnabschlüsse nichts taugen.

Die Sowjetunion und ihre Satelliten waren aber noch etwas anders, nämlich eine gewaltige Leinwand, auf die die Träumer und Schwärmer und alle, die unter den Zumutungen der Marktwirtschaft litten, ihre Hoffnungen projizieren konnten. Hoffnungen auf eine andere Welt, eine gerechtere Welt, eine rationalere Welt. Obwohl jeder wissen konnte, wie schlecht es den Menschen, die unter der Knute kommunistischer Diktaturen leben mussten, ging, war der Mythos und der Wunsch, die Wirklichkeit möge sich dem Traum anpassen, doch in vielen Menschen sehr stark, wenn sie an den Ostblock dachten. Und als das dortige System zusammenkrachte unter seiner eigenen Unfähigkeit, empfanden das gar nicht wenige westliche Menschen als ein schweres Trauma. Exemplarisch sei hier die Langspielplatte „Exotica“ des amerkanischen Jazzmusikers Kip Hanrahan erwähnt, auf der er 1992, tief traurig, Zeilen vortrug wie „oh how sweet was that red star“ (gesungen hat Jack Bruce, geschrieben hat´s Hanrahan). Für die Menschen in Osteuropa eröffnete sich eine neue Welt, für viele westliche Intellektuelle brach eine zusammen.

Und es war natürlich gut, dass jene Welt, jenes riesige Gefängnis, zusammengebrochen ist. Und wer darüber in Trauer verfiel, der hatte noch nie mit Menschen gesprochen, die den Kommunismus am eigenen Leib erlebt hatten und etwas erzählen konnten davon, wie Strom und Heizung rationiert wurden, wie erfinderisch sie beim Kochen sein mussten angesichts leerer Geschäfte, wie überall Spitzel darauf lauerten, einen wegen jeder Kleinigkeit zu denunzieren, wie Menschen in den Knästen der Geheimpolizei verschwanden und nie mehr wieder kamen, wie absurd viele Ressourcen an den grotesk anmutenden Personenkult um die „Genossen Führer“ verschwendet wurden, wie alles, was Spaß machen könnte, verboten oder zumindest als westlich dekadent verdammt wurde. Das Experiment Kommunismus endete für Millionen Menschen in Elend und Tod, und das kann kein Mensch, der über einen Funken Moral verfügt, entschuldigen oder gar begrüßen.

Dies alles bedeutet natürlich nicht, dass man die Entgleisungen und Verbrechen des Kapitalismus nicht kritisieren dürfte. Solange dieser nicht in der Lage ist, jedem Menschen ein würdiges Auskommen zu sichern, muss er hinterfragt werden, muss man die soziale Frage stellen, muss man versuchen, ihn zu humanisieren. Linke Werte sind mit dem Untergang des „Real Existierenden Sozialismus“ nicht obsolet geworden, ganz im Gegenteil. Vor allem wenn man mitdenkt, dass die eigentlichen linken Grundwerte, das Streben nach Gerechtigkeit, Freiheit und Fortschritt, mit dem Kommunismus gar nicht kompatibel sind. Aber trotz allem ist da auch in mir immer noch eine Sehnsucht, eine Hoffnung auf einen neuen roten Stern, der aufgehen möge.

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Ein Gedanke zu “Communism ain´t gonna work

  1. Der naive Schlenker „aber links und sozialistisch muss doch irgendwie gehen“ zum Schluss klingt etwas deppert. Da versuchst die roten Scherben nochmal notdürftig zusammenzukleben Amsonsten schöner Artikel.

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