Autowaschfimmel

Heute wollte ich den Dreck von meinem Auto waschen, denn der hatte sich als hart gewordene Schneematschpampe schon zentimeterdick auf dem Lack festgesetzt. Zu diesem Zweck steuerte ich also eine Selbstbedienungsautowäsche an, ihr wisst schon, wo man 50 Cent oder mehr einwirft und dann mit einem Schlauch eigenhändig die Karre sauber spritzen kann, doch das Wetter war schön, und diesen Faktor hatte ich unterschätzt. Schönwetter bedeutet nämlich, dass im hartkotigen Autonarren der Sauberkeitsfimmel erwacht, und so stauten sich die Waschwütigen vor den Waschboxen. Und diese Leute sind nicht wie ich. Ich wähle das billigste Programm, spüle den Dreck vom Auto und fertig. Die Menschen vor mir aber hantierten mit Schwämmen und Lederfetzen und warfen Münze um Münze in den Automaten, spülten und spülten noch mehr, bohnerten und wienerten und polierten, dass einem Angst und Bange werden konnte. Und sie sahen dabei nicht fröhlich aus, nicht so wie Menschen, die gerade etwas tun, was ihnen Spaß macht und dies aus Liebe zu ihrem Auto. Liebe war überhaupt das falsche Wort, denn mit Liebe oder Freude schien die Beziehung der Putzteufel zu ihren Autos wenig zu tun zu haben, es war mehr wie der eifersüchtige Stolz des Eroberers, der seine Kiste zwar nicht gerade in einem Feldzug geraubt, dafür aber durch intensives Kredit- oder Leasingratenzahlen bzw. durch extremes Butter-vom-Brot-Sparen sich mühsam angeeignet hatte. Entsprechend ernsthaft ging es zu. Die Waschmännlein blickten grimmig drein und sahen sich misstrauisch um, ganz so, als könne jeden Moment der böse osteuropäische PferdeAutodieb hinter der Ecke hervorspringen. Man sieht: In Österreich ist Autopflege serious business. Die Fetischierung des Automobils dürfte wohl nur in Deutschland noch tiefere Spuren in der Psyche der Mobilisten hinterlassen haben.

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5 Gedanken zu “Autowaschfimmel

  1. Putzmännlein möchte eben gern dazugehören und sein Image pflegen, doch hängt er nicht nur sein Fähnlein in den Wind, sondern stellt auch seinen Skoda da hin, wo andauernd frischer Staub auf das Glanzgrau geweht wird. Aber das stand nicht im Prospekt und deshalb weiß er das nicht, steht da und müht sich vergeblich ab, weil bereits beim nächsten Startvorgang schmutzige Rußwolken übers Heck ziehen, die ihn daran erinnern, dass regelmäßig die Raten für das Statussymbol bezahlt werden müssen, weshalb sich leider, leider nur der Diesel ausgeht.

    Weit, weit weg davon und in der eigenen Garage kann es natürlich Freude bereiten die Kiste aufzupolieren, allerdings funktioniert das nur bei Autos, die beim Fahren Spaß machen und mit keinem Komplexkompensator ausgestattet sind.

  2. Gebe Ihnen vollinhaltlich Recht, der Autofetischismus ist fast schon beängstigend in unserem Land… Manche pflegen den Lack ihres geliebten Autos mehr als die eigene Haut, wortwörtlich, und in den Motor schütten sie das Super-Spezial-Premium-Öl um 49 Euro den Liter dagegen in den eigenen Körper das billigste Salatöl vom Diskounter…

    Und seit jeher wählt man lieber den Strache („Freie Fahrt für freie Bürger!“), weil vor den Grünen hat man Angst wegen dem Benzinpreis… krankes Land!

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