Gebildete Barbaren

Immer, wenn irgendwo ein weiterer Beweis dafür erbracht wird, dass der Mensch sich seit der Jungsteinzeit nicht nennenswert zivilisiert hat, also zum Beispiel wenn ein Rassist Türken erschießt oder Rechtsextremisten  Wahlen gewinnen, dann kommt verlässlich einer daher und fordert „mehr Bildung“, denn nur so könnten solch peinliche Vorkommnisse verhindert werden. Das ist natürlich Unsinn. Bildung allein nützt gegen Barbarei gar nichts, bringt der Gebildete nicht zusätzlich Intelligenz und vor allem Empathiefähigkeit mit. Man sehe sich nur all die gebildeten Dummköpfe an! Da schaufelt man Wissen in die Hohlbirnen und am Ende kommen doch nur Abmahnbriefschreiberinnen, Burschenschafter, Sportredakteure, Motivationstrainerinnen, Eventmanager und andere gescheiterte Existenzen dabei heraus. Nun sind solche Leute nicht immer auch Arschlöcher, aber doch recht oft. Akademiker zogen mit der gleichen Idiotie begeistert in den Ersten Weltkrieg wie Analphabeten, mancher Nazischerge las am Abend, nach getanem Mordwerk,  Lyrik, und der Gröfaz schluchzte in Bayreuth vor Rührung, wenn er Wagneraufführungen beiwohnte. Andererseits weigerten sich manche Arbeiter, auf ihresgleichen zu schießen, versteckten Leute, die Wagner nur als Berufsbezeichnung kannten, Menschen vor den Nazis, und ein sicher nicht schwer von Bildung belasteter Schreiner namens Georg Elser zog die einzig richtige Schlussfolgerung aus der Hitlerei, nämlich die, dass Hitler zu töten sei. Bildung macht einen Menschen also ebenso wenig zwingend zum Kulturmenschen wie Unbildung einen zum Barbaren macht.

Man kann nicht über Bildung reden ohne zu berücksichtigen, welchen Wandel der Bildungsbegriff durchgemacht hat. Unter Bildung verstand man früher mal, einem Menschen möglichst viel Wissen aus den verschiedensten Bereichen zu vermitteln. Als gebildet galt, wer  in einer Gesellschaft über Philosophie und Kunst mindestens ebenso gewandt reden konnte wie über Aktiendepots. Der zu bildende  Mensch sollte möglichst viel aus möglichst vielen Bereichen erfahren, auf dass er oder sie nicht nur moralisch gut gedeihe, sondern im späteren Leben auf einem halbwegs soliden Sockel aus Wissen seine weitere Laufbahn aufbauen könne. Dieser Ansatz ist noch nicht so veraltet, wie man heutzutage vermuten könnte, denn noch vor wenigen Jahrzehnten galt Allgemeinbildung als erstrebenswert. Schon als das Bürgertum reich und mächtig wurde, schickte, wer es sich leisten konnte, seine Kinder in Schulen, wo diese neue naturwissenschaftliche Erkenntnisse ebenso mitbekamen wie griechische Philosophie, Fremdsprachen ebenso erlernten wie Mathematik. Das Bürgerkind konnte so später, in der Theorie zumindest, selber aussuchen, ob es Advokat oder Archäologe werden wollte, Kunstkritiker oder Kriminalbeamter. Die Arbeiter- und Bauernkindern hatten diese Chance damals nicht. Für die war klar, dass sie dort bleiben würden, wo die Eltern bereits waren, und um Knecht, Dienstmagd oder Handwerker zu werden, bedurfte es keinen Musikunterricht und kein Latein. Erst viel später konnten auch Kinder aus den unteren Schichten in den Genuss höherer Bildung gelangen, was zum Teil ein Verdienst der Sozialdemokratie war, aber vor allem auch daran lag, dass die Wirtschaft Arbeitnehmer nachzufragen begann, die mehr wissen mussten als die richtige Bedienung des Dreschflegels. Dennoch blieben die höheren Bildungseinrichtungen überwiegend Ausbildungs- und Paarungsstätten der höheren Schichten, und das sind sie bis zum heutigen Tag.

Wenn Politiker oder Arbeitgeberverbandspräsidenten heute von Bildung sprechen, dann meinen sie stets Berufsausbildung. Es geht denen nicht darum, Menschen die Lektüre und das Verständnis großer Dichter und Denker zu ermöglichen, sondern um die Bereitstellung von Angebot für die Nachfrage nach Humankapital. Das ist weder böse, noch falsch, es ist so, und man sollte das Kind beim Namen nennen statt so zu tun, als ginge es um höhere Werte. Der Kapitalismus braucht Leute, die die richtigen Knöpfe an einem Schaltpult drücken können, dringender als Byzantinisten. Das ist schlecht für Byzantinisten und gut für gelernte Knopfdrücker. Sicher ist der Trend zum Fachidiotentum auch beklagenswert, doch wie ich oben bereits ausgeführt habe, waren die umfassend Allgemeingebildeten auch keine besseren Menschen und haben keine bessere Welt gestaltet. Der Verdacht hat sich in den vergangenen 100 Jahren doch stark erhärtet, dass der Mensch eine Drecksau ist, und das unabhängig von seinem Bildungsniveau. Sicher, mit dem Wissen um die Welt sind ein paar Sachen schon besser geworden, wenn auch nur vorübergehend, wie ich vermute. Offener Rassismus gilt zur Zeit ja eher als Hobby für die ganz Dummen, aber bevor jetzt jemand behauptet, das läge an der Bildung statt an den Bedürfnissen einer globalisierten Wirtschaft, sollte derjenige an jene Neorassisten denken, die zB das Gerede eines Thilo Sarrazin von angeblich genetisch bedingten Intelligenzunterschieden zwischen den Ethnien jauchzend miss- oder eben doch ganz richtig verstanden haben und ihre erbärmlich dummen Ressentiments nun in jedem zweiten Leserbrief laut in die Welt hinausbrüllen (natürlich immer mit dem für Rassisten typischen, jämmerlich weinerlichen Zusatz, dass es ganz schlimm sei, dass sie das, was sie eben öffentlich gesagt haben, nicht öffentlich sagen dürften). Rassismus gilt als unschick, aber nicht wegen der Dummheit und Menschenfeindlichkeit des Rassismus, sondern weil der Geschäftsmann Geschäfte machen will statt sich im Ausland für jene rechtfertigen zu müssen, die im Inland herumposaunen, seine Geschäftspartner seien minderwertig. Bei allem, was er sonst am Kerbholz haben mag, ist der Kapitalist auch in Sachen Antirassismus meist fortschrittlicher als die Antikapitalisten. Und wer noch immer glaubt, wir seien heute, da Bildung viel mehr Menschen offen steht als vor 70 Jahren, auch eine bessere Gesellschaft geworden, der vergleiche einmal das Mediengewitter, das losbrach, als ein Kreuzfahrtschiff vor Italien eine Panne hatte, mit der gespenstischen Stille im Angesicht von 1.500 im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlingen allein im Jahr 2011! Wir sehen: Bildung immunisiert nicht gegen Barbarei, Unbildung macht nicht automatisch menschenfeindlich und Kapitalismus ist, wenn man ihn lässt, gerne auch mal zivilisierend.

Advertisements

6 Gedanken zu “Gebildete Barbaren

  1. Bildung hat noch nie gegen Barbarei immunisiert. Sie gibt dir aber zumindest theoretisch die Möglichkeit (wenn man Bildung als hohe Allgemeinbildung und nicht als Ausbildung zum Fachidioten versteht), Barbarei als solche zu erkennen. Das einzige, was einen gegen Barbarei wirklich immunisieren kann, ist reflektierendes Nachdenken darüber, was diese bei anderen Menschen (also den Opfern) auslöst. Und das tun leider längst nicht alle Menschen.

  2. Bildung dient nur dazu das sich die Elite abgrenzen und ihre Privilegien verteidigen kann.

    Heute wie damals gehen die Kinder der Elite aufs Gymnasium und dann später zum Studieren.
    Natürlich dient das Studium der Bildung und nicht der schnöden Berufsausbildung, deswegen ist es auch nur gerecht wenn der Arztsohn auf Kosten des Steuerzahlers Medizin oder Architektur studiert, während die Kinder der Arbeiterklasse nach Haupt-und Realschule für ihre Berufsausbildung arbeiten und ihre Fortbildung zum Meister oder Techniker selber bezahlen müssen.

    Schließlich sind sie ja nicht so gebildet wie der Herr Doktor, sondern nur Fachidioten…

  3. @ Alreech:

    Gut, dann bleiben wir mal nur bei den Ärzten und ich denke jetzt einfach an meine früheren Schulkollegen:
    Die Bauerntochter, die heute Ärztin ist.
    Der Sohn eines Lokführers, der heute Arzt ist.
    Der Sohn eines Mindestpensionisten, der heute Arzt ist.
    Die Arbeitertochter, die heute Ärztin ist.
    Die Arbeitertochter, die heute Ärztin ist.
    Der Sohn eines Arztes, der heute Steuerberater ist.

    Aber vielleicht war das ja die Kuhdorf-Elite, für die auch noch der arme Steuerzahler aufkommen musste 😉

  4. Diese Kuhdorfelite hat aber das Bildungssystem missbraucht um einen Beruf, nämlich den des Arztes zu erlernen.

    Ein Studium – auch das der Medizin – soll dagegen der Bildung dienen, der Selbstverwirklichung. Und da Bildung ein Menschenrecht ist, darf dieses Medizinstudium auch nicht in Rechnung gestellt werden.

    Aber ich verstehe das auch nicht, wie manche Studien auf das Ergebnis kommen das die Kinder von Arbeitern seltener studieren weil sie von ihren Grundschullehrern trotz guter Leistung auf Haupt- oder Realschule abgeschoben werden.
    Die 6 Arbeiterkinder die mit mir auf dem Gymnasium gewesen sind, haben alle studiert, genau wie ihre 22 Mitschüler die aus Akademikerhaushalten kommen… 😉

  5. Natürlich ist das so und wird wohl immer so bleiben, weil (wahrscheinlich) in Akademikerhaushalten von klein auf ein anderer Bezug zum Studium vermittelt wird. Allerdings bliebt die Frage, inwieweit Arbeiterkinder überhaupt Möglichkeiten vorfinden aus dem vorgezeichneten Weg auszubrechen und je weniger Hindernisse (Studiengebühren etc.) es dabei gibt, umso besser in einem Land mit solch bescheidener Akademikerquote.
    Ausbildung geht ja grad noch, Bildung wird aber zumindest schief angeschaut (außer der Bub darf lesen, weil er zu schwach zum Arbeiten ist)
    Andererseits ist so mancher „Bildungsbürger“ ein Volltrottel in des Barbaren eitlen Kleidern. Wen wundert´s beim Inzestgraben unter den Ländern, den Strukturen, in denen man gerne unter sich bleibt.

  6. Gebühren sind seltsamerweise nur ein Hindernis wenn es um das Studium geht.

    Wer sich zum Handwerksmeister fortbildet, eine Technikerschule besucht oder Kurse bei der Industrie und Handelskammer belegt darf dafür auch zahlen, und keiner sieht das als Hindernis das Arbeiterkinder daran hindert aus ihren vorgezeichneten Weg auszubrechen.
    Vermutlich weil nur Arbeiterkinder diesen Weg gehen, und es der akademischen Elite egal ist ob Andere für ihre Berufsausbildung zahlen müssen…

    Im übrigen ist es ziemlich einfach die Akademikerquote zu erhöhen:
    Man senkt die Zulassungsbestimmungen zum Studium und schafft neue Studiengänge wie z.B. Kosmetik und Hairdressing.
    Nach sechs Semestern ist dann der frisch gebackenen Bachelor in Styling und Hairdressing fertig, kann zwar auch nicht mehr als ein Junggeselle des Friseurhandwerks ist aber immerhin gebildet und hat die Akademikerquote erhöht. 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s