Hallo Satan, Zeit zu gehen

Man kann wahrlich nicht behaupten, dass Robert Johnson am 8. Mai 1911 mit einem goldenen Löffel im Arsch geboren wird. Seine Großeltern waren noch jene Sorte Malocher, von denen bis heute mancher Arbeitgeberpräsident träumt: Sklaven, die sich auf den Baumwollplantagen ihrer weißen Eigentümer zu Tode hackelten. Seine Mutter hat sechs Töchter und zwei Söhne von zwei verschiedenen Männern, und von beiden wird sie sitzen gelassen. Die mittellose Frau unterschreibt einen Vertrag bei einer Leiharbeiterfirma (ja, das gibt´s schon damals) und schuftet sich fortan auf den Feldern im amerikanischen Süden den Buckel wund. Vier Jahre lang zieht sie mit ihrer Kinderschar von Farm zu Farm, untergebracht in denselben Baracken, in denen schon die Sklaven lebten.

1915 trifft sie Roberts leiblichen Vater wieder, der sich der Familie erbarmt und sie bei sich in Memphis aufnimmt. Als Kind wird Johnson Zeuge von Alkoholexzessen und sexuelle Eskapaden. Und von spontanen Musikeinlagen besoffener Freunde seiner Eltern. Als Teenager beginnt er sich für die Mundharmonika zu interessieren, nachts schleicht er sich raus, um in den berüchtigten und von den Weißen gefürchteten „Jook-Houses“ alten Schwarzen zuzuhören, die über Frauen, Schnaps und Marihuana singen. Zum ersten Mal hört der junge Mann den Lockruf des Blues, der ihm ein Leben jenseits der Schufterei auf den Plantagen und den Highway-Baustellen verheißt.

Zunächst versucht Robert Johnson aber, ein bürgerliches Leben zu führen. Er heiratet die 16-jährige Virginia Travis, mietet einen kleinen Schuppen, den er stolz „Farm“ nennt und will nichts anders als mit ehrlicher Arbeit Geld verdienen und mit seiner Liebsten viel Nachwuchs in die Welt zu setzen. Das kleine Proletarierglück zerbricht jedoch, als Virginia und ihr Baby im Kindbett sterben. Johnson schmeißt alles hin und haut ab nach Hazlehurst, Mississippi, einer Stadt, die trotz Rezession boomt, weil der Staat gerade Autobahnen in der Region baut. Es gibt Jobs und Männer, die genug Geld verdienen, um sich am Wochenende in den zahlreichen Bars der Stadt zu besaufen. Dort wird Livemusik geboten, ein perfektes Parkett für Johnson, um sein Talent auf die Probe zu stellen. Als er bei einem Auftritt mit seiner Harp auch zur Gitarre greift, wird er von der Bühne gebuht. „Du kannst einfach nicht spielen, Mann“, attestiert ihm ein Freund.

Da Robert Johnson kaum Geld mit seiner Musik verdient, setzt er sein gefälliges Aussehen ein und heiratet heimlich eine 20 Jahre ältere Frau, die ihn vergöttert, finanziell unterstützt und alle seine Verrücktheiten toleriert. Anfang 1930 bricht Robert zu einer Reise in den Süden Mississippis auf, angeblich, um seinen Vater zu besuchen. Als er nach Monaten zurückkehrt, spielt er Gitarre wie kein anderer, schreibt Songs mit Texten, die man einem Mann mit kaum vier Jahren Schulbildung nicht zutrauen würde und kriegt jede Frau rum, die er begehrt. Da man sich diese rasante Persönlichkeitsveränderung nicht erklären kann, geht bald das Gerücht um, Johnson habe im Süden seine Seele an den Teufel verkauft. Robert schweigt über diese Zeit und schreibt stattdessen den Song „Crossroads“, in dem es, oberflächlich betrachtet, darum geht, dass ein Kerl an einer Kreuzung steht und auf eine Mitfahrgelegenheit wartet. In der Mythologie des schwarzen Südens, die durchdrungen ist von christlicher wie auch von afrikanischer Volksgläubigkeit, ist allerdings genau die einsame Straßenkreuzung jener Ort, an dem man den Teufel beschwören kann.

Robert fördert das Gerücht mit Songs wie dem unsterblichen „Me and the devil blues“, einer Nummer, die wie kaum eine andere das raue Blues-Feeling einfängt („Me and the Devil / we was walkin‘ side by side / And I’m goin‘ to beat my woman / until I get satisfied “). Johnson wird zu einem begehrten Act der Bluesszene und 1936 darf er endlich eine Platte aufnehmen. Die Firma RCA zahlt ihm ganze zwölf Dollar pro Song. Zwischen 1936 und 1938 bannt der angebliche Satans-Jünger karge 29 Lieder auf Vinyl, aber die Quantität ist nicht entscheidend. Die Stücke sind voller poetischer Kraft und musikalischer Faszination, dass sie bis heute immer neue Generationen von Musikern in ihren Bann ziehen. Und Johnson hat ein Gitarristen-Talent, für das ein Eric Clapton glatt ein paar Finger eintauschen würde.

Nach den Plattenaufnahmen scheint der Weg für Johnson frei, als größter schwarzer Bluesmusiker Karriere zu machen. In einer heißen Julinacht 1938 tritt er gemeinsam mit Sonny Boy Williamson in einer Bar in Greenwood auf. Nach dem Gig flirtet der schwer bekiffte und schon angetrunkene Johnson trotz der Warnungen Williamsons heftigst mit der Frau des Barkeepers. Irgendemand stellt Robert eine offene Flasche Whiskey hin, und der gönnt sich sofort einen kräftigen Zug aus der Pulle. Willisamson warnt ihn noch davor, aus einer schon angebrochenen Flasche zu trinken, aber es ist zu spät. Robert wird schlecht, er beginnt zu halluzinieren, stürzt zu Boden, stößt ein unheimliches Geheule aus und bleibt schließlich regungslos liegen. Jemand hatte den Schnaps mit Strychnin versetzt. Der Mord wird nie aufgeklärt, die Verdächtigungen reichen vom eifersüchtigen Barmann bis hin zu einer verlassenen Flamme Johnsons. Die Aberglaubens-Fraktion ist sich natürlich sicher, dass der Satan in dieser Nacht die Seele des Blues-Musikers geholt hat. Die Polizei legt den Fall rasch zu den Akten, weiße Gesetzeshüter haben in den Südstaaten der 30er Jahre schließlich „besseres“ zu tun als den Tod eines „Niggers“ aufzuklären.

Was bleibt, sind 29 Songs und eine Vita, die den Maßstab für alle Möchtegern-Bluesmen gesetzt hat. Johnson hat vorgelebt, dass guter Blues immer zwei Seiten hat: Einerseits Befreiung und Triebabfuhr, anderseits Alkoholsucht, massiver Drogengebrauch, mörderische Frauengeschichten und grundsätzlich ein unbürgerliches Leben, dass recht oft ein kurzes sein kann. Robert Johnson wurde 27 Jahre alt.

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Ein Gedanke zu “Hallo Satan, Zeit zu gehen

  1. Da würde sich Johnson freuen, wenn er das lesen könnte. Wer weiß, ob ihm in unseren Breitengraden schon jemand derart anerkennenden Zeilen gewidmet hat. Wobei, Eric Clapton sollte doch lieber ein paar Zehen eintauschen. Mit verminderter Fingeranzahl wird er nicht besser.
    Es ist letzlich ohne Bedeutung, aber: Joplin, Hendrix, Winhouse, Johnson haben uns all mi 27 verlassen.

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