Best Albums of 1971

Vor 41 Jahren war der Rock’n’Roll noch lange nicht tot, er begann ganz im Gegenteil erst damit, sich so richtig zu dem aufzuplustern, was wir heute als „Rockzirkus“ bezeichnen: ein Multimillionen-Business mit vollgefüllten, riesigen Konzerthallen, dekadenten Ausschweifungen, alten Großstars und neuen Talenten. Manche Sterne verglühten und andere gingen gerade erst auf. Ich hab mir die zehn besten Platten von 1971 noch einmal angehört.

 The Who: „Who’s Next?“

Nach „Tommy“ wollte Who-Mastermind Pete Townshend eine völlig neue Form der Rockoper entwickeln: das „Lifehouse“-Projekt, bei dem, so der größenwahnsinnige Plan, Computerprogramme die Persönlichkeiten von Konzertbesuchern in Töne verwandeln sollten, um so eine „Kakophonie des Nirvana“ zu erzeugen. Townshend, damals unter dem Dauereinfluss von Heroin, Speed und diversen Gurus stehend, gelang es freilich nicht, ein nachvollziehbares Konzept auf die Beine zu stellen. Einen Nervenzusammenbruch später beschloss die Band, die bereits komponierten Songs in einem konventionellen Album zu verwursten. Und was für ein Album das wurde! „Who’s Next“ ist die Platte, anhand derer man in 50 Jahren Musikstudenten erläutern wird, was das damals gewesen ist, diese Rockmusik, von der ein paar Greise immer noch schwärmen. Von der schmachtenden Ich-bin-eigentlich-sensibel-Ballade „Behind Blue Eyes“ bis zum Testosteron- und Feedbackoverkill „Won’t Get Fooled Again“- alles da, wovon sich Generationen Heranwachsender angesprochen fühlten.

Led Zeppelin: „IV“

Der vierte Streich der fidelen Satanisten war auch deren künstlerisch beständigster und kommerziell erfolgreichster. Überlebensgroß stapfen hier die Songs einher, wie geschrieben, um das Genre des Stadionrock zu definieren („Black Dog“), aber auch geerdet genug, um das Tanzbein zu animieren („Rock And Roll“), verführerisch genug, um den Teufel einen guten Mann zu heißen („Stairway To Heaven“), und fast trotzig beweisend, dass man auch als Schwermetaller guten Folkrock spielen kann („The Battle Of Evermore“). Das Aufklappcover mit mächtig mystischen Symbolen und einer Zeichnung, die, vertikal gestellt und in einem Spiegel betrachtet, allerlei Rätselspaß bot, beweist bis heute die sensorische Überlegenheit des Vinly über die CD und das böse MP3 und trug wohl neben der Musik dazu bei, dass diese LP die dritterfolgreichste aller Zeiten wurde (nach Michael Jacksons „Thriller“ und den „Greatest Hits“ der Eagles).

The Doors: „L.A. Woman“

Das einstige Sexsymbol Jim Morrison hatte bewiesen, dass man, entsprechende Lebensweise vorausgesetzt, auch mit 27 schon aussehen und klingen konnte wie ein 50-jähriger Schwerstalkoholiker, aber genau das machte den Schwanengesang der Doors zu einem Statement, das bis heute nachhallt, denn die Essenz dieser Band war immer das radikale Dagegensein, das Liebäugeln mit dem Tod und der Bezug auf den romantischen Mystizismus des Blues. Und „L.A. Woman“ war die bluesigste und düsterste aller Doorsplatten. Morrison starb nur drei Monate nach ihrer Veröffentlichung, aber kann es einen feineren musikalischen Abschied geben als das dunkel brodelnde, angejazzte „Riders On The Storm“?

The Rolling Stones: „Sticky Fingers“

Wie der Musik gewordene Albtraum der politisch Korrekten kam diese Scheibe über die frühen 1970er Jahre. Schon in der Eröffnungsnummer fällt Jagger und Richards zum Thema Sklaverei in Amerika ausgerechnet ein Sadomaso-Bezug ein („Scarred old slaver, he’s doing alright / Hear him whip the women just around midnight“), und „Brown Sugar“ meint sowohl schwarze Frauen, als auch Heroin. Macht aber nix, denn musikalisch ist dieser Longplayer einer der besten, den die Stones je auf den Markt gebracht haben, was nicht zuletzt an der Gitarrenarbeit von Mick Taylor liegt, der hier erstmals den dahingeschiedenen Brian Jones ersetzen durfte. So kompetent wie in dieser Phase sollten die Stones nie wieder spielen. Ach ja, Mick Jagger hat sich die menschliche wie ökonomische Sauerei geleistet, den von Marianne Faithful mitgeschriebenen Song „Sister Morphine“ ganz sich selbst zuzurechnen. Dadurch entgingen der Dame, die das Geld damals gut brauchen hätte können, ein paar hunderttausend Dollar. Aber wenn man den Meisterrocker „Can’t You Hear Me Knocking“ aus den Boxen krachen hört, kümmert einen auch das nicht mehr besonders.

David Bowie: „Hunky Dory“

Apropos politisch unkorrekt. In diesem für die Glamrock-Ära stilprägenden Werk spielt Bowie gleich mehrmals mit dem ideologischen Feuer, schwärmt von „Übermenschen“ ebenso wie von „Himmlers heiligem Traum“. Doch man kann Entwarnung geben, denn das war kalkulierte Provokation zum Zwecke des Auffallens um fast jeden Preis, und die „Übermenschen“, die Bowie im Sinn hatte, waren, wie andere Lieder der Platte zeigen, Bob Dylan und Andy Warhol, also so ziemlich die Gegenstücke zu dem, was sich die Nazis als Ideal vorgestellt hatten. Musikalisch wandert Bowie auf den Spuren der großen Velvet Underground, jedoch mit der Autorität eines Megatalents, denn so ein Songwriting, wie man es hier hört, begeistert auch nach 40 Jahren noch – und steht jenem von Lou Reed und John Cale kaum nach. Auf dem Cover posiert David als Edeltranse und leistet damit seinen Beitrag zur zweiten sexuellen Revolution, die nach der Akzeptanz der sexuellen Bedürfnisse der Frauen auch die Realität von Bi- und Homosexuellen als Normalität beförderte.

John Lennon: „Imagine“

Mit dem utopistischen Titelsong machte sich Lennon gleich nach seiner Beatles-Karriere ein zweites Mal unsterblich. Nicht nur Anarchisten zwischen New York und Wladiwostok werden bis heute von dem bewusst naiv getexteten Song zutiefst berührt. Aber John zeigte auf dieser Platte auch seine dunkle, gemeine Seite. „How Do You Sleep“ ist ein extrem verletzender Titel, mit dem Ex-Partner Paul McCartney gedemütigt werden sollte („The only thing you did was yesterday. . .“). Musikalisch betrachtet ist „Imagine“ eine der besten Platten, die je ein Beatle nach der Trennung veröffentlicht hat. Man höre nur „Jealous Guy“ . . .

Leonard Cohen: „Songs Of Love And Hate“

„Avalanche“ heißt der erste Beitrag dieser Liedsammlung – und wie eine Lawine kommt die geballte existenzialistische Trostlosigkeit, die der gebürtige Kanadier hier loslässt, über den Hörer. Viel trauriger, verbitterter und düsterer geht’s kaum. Hätte Depression einen Klang, er würde sich so anhören wie diese musikalische Suizidermunterung. Viele Musikkritiker halten diese Kollektion für den Höhepunkt der Singer-Sonwritertums, und spätestens wenn man bei „Joan Of Arc“ angelangt ist, diesem Exkurs über Leben und Tod, ist man geneigt, zuzustimmen. Nur unbedingt zu beachten: Schenken Sie diese Scheibe NIEMALS selbstmordgefährdeten Depressiven!

Fairport Convention: „Babbacombe Lee“

Sandy Denny war nicht mehr dabei, Richard Thompson nicht und auch Iain Matthews hatte die Band verlassen. Doch ausgerechnet die verbliebenen vier Musikanten produzierten eine der besten Platten der Gruppe und eines der besten Konzeptalben überhaupt. Basierend auf der wahren Geschichte des John „Babbacombe“ Lee, eines verurteilten Mörders im England des ausgehenden 19. Jahrhunderts, dessen Todesstrafe in lebenslängliche Haft umgewandelt wurde, nachdem der Galgen dreimal hintereinander versagt hatte, ist das hier eine der großen, fast vergessenen Perlen des Genres Folkrock. Vom Begleittext: From this terrible ordeal John Lee emerges with the cry „I am innocent“ still on his lips. And who that has suffered will not listen?

The Kinks: „Musswell Hillbillies“

Die typischesten Vertreter einer eingeständigen britischen Rockmusik nehmen hier Amerikanismen an und spielen eine über weite Strecken von Country- und Bluesversatzstücken angereichterte Musik. Kann das funktionieren? Oh ja, es kann! Ray Davies und seine Boys liefern eine hübsche Mischung aus Parodie und, wie bei guten Musikern üblich, musikalischer Interpretation ihrer Inspirationsquellen. Aber keine Sorge, die Kinks sind auch hier „not like everybody else“, immer noch sehr querköpfig und Davies’ Hass auf die modernen Zeiten wird so bitter und pointiert vorgebracht wie auf fast allen Kinks-Werken. Wer sonst würde sich trauen, Songs wie „Acute Schizophrenia Paranoia Blues“ auf ein nach Mitschunkelmaterial wie „Lola“ gierendes Publikum loszulassen? Der Kampf von Ray Davies gegen die Monster der Sozialbürokratie bricht hier voll durch, bis hin zur Drohung, Vertreter des Staates mit einer Pumpgun empfangen zu wollen. . .

The Allman Brothers: „At Fillmore East“

Das gab’s wirklich nur in den frühen 70er Jahren, dass ein Livealbum mit anspruchsvollen, bis zu 20 Minuten langen Bluesnummern zu einem Bestseller werden konnte. Die späteren Giganten des Southern-Rock spielen hier mit einer traumwandlerischen Sicherheit und Souveränität Chicagoblues mit Jazz- und Latineinflüssen, als hätten Gregg Allman und seine Bruderschaft an diesem Abend die Seelen aller großen schwarzen Musiker Amerikas gechannelt. Die Gitarrenarbeit vom kurz danach leider tödlich verunglückten Duane Allman und von Dickey Betts ist vom Feinsten, was die Saitenzunft zu bieten hat. Duanes Slidegitarre schwebt über Betts fein gesponnenen Jazzakkorden – und beide beweisen mit virtuosen Soli, dass sie zu den besten Musikern ihrer Zeit gehören, während Gregg Allman sexy Akzente mit der Hammondorgel setzt und der ganzen Sache eine angemessen verrauchte Gesangsstimme gibt. Wie bei den Grateful Dead an einem guten Abend, kommt auch hier in keiner Sekunde Langeweile auf, selbst die längste Nummer der Platte fesselt den Hörer dank des spieltechnischen Formats der Band von Anfang bis Schluss.

Weitere wichtige Alben 1971

Janis Joplin: „Pearl“.
Pink Floyd: „Meddle“.
Marvin Gaye: „What’s Going On“.
Yes: „The Yes Album“ und „Fragile“.
Jethro Tull: „Aqualung“.
Joni Mitchell: „Blue“.
Carole King: „Tapestry“.
War: „All Day Music“.
Black Sabbath: „Master Of Reality“.
Jimi Hendrix: „The Cry Of Love“.
Sly and the Family Stone: „There’s A Riot Goin’ On“.
Elton John: „Madman Across The Water“.
David Crosby: „If I Only Could Remember My Name“.
Cat Stevens: „Teaser And The Firecat“.
Beach Boys: „Surf’s Up“.
Alice Cooper: „Love It To Death“.
Traffic: „The Low Spark Of High Heeled Boys“.
Genesis: „Nursery Crime“.
Deep Purple: „Fireball“.
Santana: „Santana III“.
Van Morrison: „Tupelo Honey“.
Aretha Franklin: „Young, Gifted And Black“.
Isaac Hayes: „Shaft“.
Sandy Denny: „The North Star Grassman And The Ravens“.
Paul McCartney: „Ram“.

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9 Gedanken zu “Best Albums of 1971

  1. Schon seltsam: ich war damals erst 4, und doch kenne ich alles. Und mehr als die Hälfte davon hab ich auf Vinyl 🙂

  2. was ist los, lindwurm?
    kleine frühlingsdepri?
    back to the (musikalische) roots ist da ja ein beliebtes symptom …

  3. Danke für solche Erinnerungen wie Allman Brothers et al! Bei dieser geballten Ladung ist doch glatt mein Rechner abgestürzt…..
    Sosehr ich manche Deiner politischen Ansichten ablehnen mag, – in Sachen Musik pure Übereinstimmung!

  4. Da fällt mir doch spontan Creedence Clearwater Revival ein.
    Ich glaube, das ist nicht in der Liste.

  5. @tourix

    CCR ist sicher auch ein guter Tip, doch ich würde Suzie Q, I put a spell on you oder I heard it through the grapewine bevorzugen – da fühlst dich echt wie in den Sümpfen der Südstaaten, während Hey Tonight nur ein abgedroschener Hit ist – sorry.

  6. Hallo Lindwurm,
    da musst du etwas verwechseln. 1971 hatte CCR sogar 2 Platten veröffentlicht.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Creedence_Clearwater_Revival
    Es könnte natürlich sein, dass im Wiki wieder Mist steht und alle anderen das abgeschrieben haben.

    Hallo Magellan,
    CCR ist sicherlich damaliger Mainstream, aber der damalige Mainstream ist weitaus besser als vieles was heute veröffentlicht wird und besser als fast alles, was in den 90er erschienen ist.
    Suzi Quatro hatte vor allem am Anfang echten puren Südstaatenrock gemacht. Wenn ich mir ihren ersten Hit Can The Can (1973) anhöre, dann erinnert mich das ein kleines bisschen an die Hits von ZZ-Top. Und das obwohl sie aus Detroit kommt und in London gearbeitet hatte. Später wurde sie sanfter, langweiliger und abgeschliffener.
    Aber sie passt nicht zu dem Themenjahr 1971.

  7. @Tourix

    Wiewohl ich Dir in allem recht gebe, so liegt hier eine Verwechslung vor: Ich meinte den SONG „Susie Q“ und nicht die Suzi Quattro. Bei der CCR-Version von „I heard it through the grapewine“ ist zuerst auch nur Altbekanntes zu hören, doch in der 10-min-Version geht`s ab ca. Min. 3 so richtig ab – mit phantastischen Gitarreneffekten. Rockige Grüsse

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