Im Renault auf dem „Highway To Hell“

Manchmal ist Arbeitslosigkeit ein Segen. Hätte der gelernte Bäcker Charles Chick Belford Scott im Schottland der Nachkriegszeit einen Job gefunden, wäre er wohl nie nach Australien ausgewandert, und sein Sohn Ronald Belford Scott, genannt „Bon“, hätte niemals die Gebrüder Angus und Malcom Young getroffen, ebenfalls Söhne von Auswanderern. Wir haben es also der beschissenen britischen Wirtschaftslage der frühen 50er Jahre zu verdanken, dass AC/DC eine musikalischen Autobahn zur Hölle gebaut haben, auf der wir noch heute gerne fahren.

Beginnings and Endings

Der junge Scott macht seine erste Bekanntschaft mit der Musik über den Klavierunterricht, den er aber nicht mag. Auch das Akkordeon kann den Nachwuchsmusiker nicht begeistern. Er trommelt lieber und pfeift auf dem Dudelsack seines Alten. Bald entdeckt er den Rock´n´Roll und ab diesem Zeitpunkt interessiert ihn nichts mehr anderes. Schule und anderen bürgerlichen Kram lässt er links liegen, genau wie seine späteren Kollegen Angus und Malcom Young. Mit diversen australischen Bands steigt er in die Welt der Profimusiker ein und schafft trotz diverser Rückschläge den Weg bis ganz nach oben. Noch ahnt er nicht, dass auf dem Gipfel Gevatter Tod auf ihn lauert. Er genießt, was das Leben einem jungen Musiker zu bieten hat: Drogen, Frauen und vor allem Alkohol in verbrecherischen Mengen.

Der 18. Februar 1980 ist ein verregneter Halbwintertag. Bon und sein Kumpel Alistar Kinnear gehen im Londoner Club „The Music Machine“ Scotts Lieblingsbeschäftigung nach: Sie saufen wie durstige Rindviecher. Bon hat schon einen Liter Bourbon im Blut, ist aber noch gut zu Fuß und flirtet mit ein paar Mädels an der Theke. Die Stimmung ist entspannt und Scott genehmigt sich noch einen weiteren Liter Whisky. Zwei Stunden später ist er wirklich streichfähig – man könnte auch sagen: breit wie ein irischer Dockarbeiter nach Feierabend – und klappt auf seinem Barhocker zusammen. Kinnear kann ihn nur mit Mühe zu seinem blauen Renault 5 schleppen. Als man vor der Wohnung von Alistar ankommt, ist Scott dermaßen blau, dass er nur noch wirres Zeug stammelt und nicht vom Fleck zu bewegen ist. Kinnear lässt ihn also im Renault sitzen und geht zu Bett. Acht Stunden später wacht er mit einem Mordskater auf und merkt, dass Scott noch immer nicht in der Wohnung ist. Er geht nachsehen und findet Bon auf der Rückbank des Autos. Überall ist Erbrochenes. Alistar will Bon wecken, doch bei dem setzt schon die Leichenstarre ein. Scott wurde 33 Jahre alt.

Die Rockwelt ist geschockt. Gerade erst hatten die australischen Hartbrettbohrer mit dem Album „Highway to Hell“, aus dem gleich drei Hitsingles ausgekoppelt wurden, den großen Durchbruch geschafft. Endlich Ruhm, Reichtum und das ganze Pipapo, und dann kratzt der Frontman ab! Auch Kollege Ozzy Osbourne (von Black Sabbath) ist entsetzt und verarbeitet seinen Frust in dem Song „Suicide Solution“, der ihm später noch viel Ärger mit dem amerikanischen Christen-gegen-Metal-Lynchmob einbringen sollte. Bon Scott hatte immerhin erreicht, was er sich vorgenommen hatte. Angus Young gegenüber hatte er nämlich mal erwähnt, dass er erst dann sterben wolle, wenn er berühmt geworden sei. Der Unfall hat vermutlich nur vorweggenommen, was ohnehin bald passiert wäre. Auch wenn Scott nicht in jener Nacht im Schlaf erstickt wäre, hätte es wohl nicht mehr lange gedauert, bis er den Löffel abgeben hätte müssen. Seine Leber war nach 15 Jahren Extremsaufen zerfressen, das Herz geschwächt. Freunde und Bekannte beobachten im Laufe des Jahres 1979 besorgt, wie sich Bons Gesundheitszustand rasant verschlechtert. Sein Hausarzt gibt ihm noch „zwei bis drei Jahre“ .

Living Rock´n Roll

Bon hat immer gefährlich gelebt. 1973 baut er in Australien mit seinem Motorrad einen Unfall und liegt drei Tage lang im Koma und monatelang im Krankenhaus. Dadurch verliert er seinen Job als Drummer bei der Bluesrock-Partie „Fraternity“, mit der er auch in England und Deutschland gespielt hat, und muss fortan von Gelegenheitsjobs leben. Er jobbt als Briefträger und Chauffeur. Unter anderem fährt er Bands zu ihren Auftritten, auch eine räudige junge Gruppe namens AC/DC, bei der damals noch Dave Evans hinterm Mikro steht, und deren Auftritte regelmäßig in Massenschlägerein enden. Als Evans mit dem Management nicht mehr klarkommt und sich mit den Youngs anlegt, wird er gefeuert. Scott sieht seine Chance – und ergreift sie; Malcom und Angus merken schnell, dass dieser tätowierte Typ der perfekte Frontman ist. Den Job hat er nicht nur wegen seines Talentes bekommen, sondern wohl auch deswegen, weil er den älteren Bruder von Angus und Malcom kannte, der als erster der Youngs ins Musikgeschäft eingestiegen war und später etliche AC/DC-Scheiben produzieren sollte. Die Tatoos hatte Scott übrigens nicht aus modischen Gründen, sondern weil er eine Zeit lang auf einem Fischkutter gearbeitet hatte, und wie wir alle wissen, haben Seeleute drei Hobbies: Gras rauchen, Tätowieren und Analsex.

Scott ist fast zehn Jahre älter als seine Bandkollegen und fungiert daher für diese als so etwas wie ein großer Bruder. Er legt den Youngs schon mal nackte Groupies ins Bett, um die Gitarristen „zu Männern“ zu machen, und verführt sie zu brutalen Trinkgelagen. Alkohol hin oder her – im Konzert gibt Bon alles, singt sich die schwarze Seele aus dem Leib, bläst den Dudelsack und trägt Angus auf den Schultern ins Publikum. Fast alle Showelemente, mit denen AC/DC noch heute glänzen, werden schon in den 70er Jahren entwickelt, vor allem die Eckpfeiler des Gleichstrom/Wechselstrom-Universums: No Bullshit, purer Rock, reine Lebensfreude. Das alles aufgebaut auf einem soliden Fundament granitharter Riffs und garniert mit augenzwinkerndem Lausbubencharme. Diese Mischung setzt sich in den späten 70ern trotz Disco-Sound im Äther und gegen die Kunststudenten, die sich als Punks verkleiden, durch. Das Publikum spürt, dass diese Band „echt“ ist, eine schuftende, schwitzende Ansammlung von Rockarbeitern. Das sind AC/DC bis heute geblieben, und Bon Scott, zur Linken Satans sitzend, schaut sicher mit Wohlwollen auf die coole Entwicklung seiner Band herab

Back In Black

Beim Begräbnis im heimatlichen Australien beschwören die Young-Brüder lautstark das Ende von AC/DC, doch sie haben nicht mit Mama Scott gerechnet. Die resolute Dame sagt den Jungs, dass sie gefälligst weitermachen sollen, denn Bon hätte es sicher auch so gewollt. Die Band heuert also Brian Johnson, Ex-Sänger der Gruppe „Geordie“ und notorischer Mützenträger, an, der nicht nur stimmlich, sondern aus als Textschreiber durchaus an Scott heranreicht. Dann kommt mit „Back in Black“ ein Meisterwerk heraus, das die Ex-Garagenband endgültig in den Götterhimmel des Hardrock katapultiert.

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