Der Israelknacks der Linken

Ich habe mir gerade das 10-Punkte-Programm der griechischen Syriza durchgelesen und fand da neben allerlei sympathischen Vorschlägen auch diesen: „Beendigung der militärischen Zusammenarbeit mit Israel“. Das ist keine Überraschung, aber einmal mehr frage ich mich, warum keine einzige europäische Linkspartei ohne Israelfeindschaft auszukommen scheint. Und sage keiner, das hätte etwas mit dem politischen Rechtsruck zu tun, der Israel seit der Jahrtausendwende heimsucht! Schon als in Jerusalem noch fast kontinuierlich die Arbeitspartei regierte und in den Kibbuzim mehr Sozialismus war als irgendwo sonst auf der Welt hatte sich die westeuropäische Linke im Gleichschritt mit den realsozialistischen Staaten Israel als Feindbild herausgepickt und sich weitgehend kritiklos auf die Seite der Araber geschlagen. Ist es vielleicht genau das, dieses aus dem Kalten Krieg stammende Lagerdenken, das die Position der Linken zu Israel immer noch bestimmt? Weil Israel halt ein Verbündeter der USA war? Oder ist es die Unfähigkeit vieler Linker, sich in die Sonderposition Israels hineinzudenken, eine Position, die eine zionistische sein muss, so das Land überleben will? Ist es diese dümmliche Gleichsetzung von einem in Europa sinnlos gewordenem Nationalismus mit dem Bestreben der Juden, auf dieser ganzen großen Welt und inmitten dieser großen arabischen Länder wenigstens einen Staat zu haben, in dem sie bestimmen, was passiert und nicht eine mal mehr, historisch betrachtet aber meist eher weniger freundlich gesonnene nicht jüdische Mehrheitsbevölkerung? Ist es das Unvermögen vieler Linker zuzugeben, dass Pazifismus nicht immer die Lösung ist, vor allem dann nicht, wenn man es mit irrational agierenden und vernichtungwilligen Gegnern zu tun hat? Ist es enttäuschte Liebe, weil das Objekt der Begierde sich nicht zu Tode umarmen lässt und so viele gut gemeinte Ratschläge frech nicht umsetzt, sondern mehr der eigenen Erfahrung vertraut als „Israelkritikern“, die tausende Kilometer weit weg im Trockenen sitzen und noch nie erlebt haben, wie sich eine Terrorkampagne anfühlt? Ist es schlicht Denkfaulheit und die intellektuelle Trägheit, einmal eingelernte Klischees wie jenes von den armen unterdrückten Arabern und den imperialistischen Israelis zu überdenken? Es ist wohl eine Mischung aus all dem, garniert noch mit einer Prise althergebrachtem Antisemitismus, die die Position fast aller linken Parteien gegenüber Israel so schwer erträglich macht. Nun wird der Nahostkonflikt so ziemlich das Letzte sein, was die griechischen Wählerinnen und Wähler in diesen Tagen beschäftigt, aber wie erfrischend wäre es doch, würde wenigstens EINMAL eine linke Partei auf das „Feindbild Israel“ verzichten! Man muss ja nicht gleich den Lieberman mögen oder die Siedler toll finden, es würde schon reichen, nicht indirekt die Zerstörung des jüdischen Staates voranzutreiben, indem man diesen zu dämonisieren versucht und sich ausgerechnet als Linker mit mit ultrareaktionärem Gesindel wie der Hamas auf ein Packerl haut.

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11 Gedanken zu “Der Israelknacks der Linken

  1. „Ist es das Unvermögen vieler Linker zuzugeben, dass Pazifismus nicht immer die Lösung ist“

    Vielleicht ist es die Erkenntnis, dass Pazifismus die einzige Lösung ist, die den Namen verdient.

  2. „Und sage keiner, das hätte etwas mit dem politischen Rechtsruck zu tun, der Israel seit der Jahrtausendwende heimsucht! “
    Seit? Israel war schon immer rechts.

  3. Ist leider nichts Neues mit den Linken und Sozialdemokraten…

    Auf der einen Seite den ganzen Tag Anti-Faschismus und Anti-Rassismus predigen, aber wenn es um Israel geht, dann plötzlich Hand in Hand mit türkischen Rechsextremen und vorgestrigen Faschisten/Hamas-Sympathisanten demonstrieren…!

    Schon komisch, dass heutzutage die einzigen Parteien in Europa, die eine pro-Israel Linie pflegen, aus dem rechten Spektrum kommen. Das Problem dabei ist halt nur: meinen sie das auch wirklich so oder ist es nur eine Fassade?

  4. Israel hat sicher einen Sonderstatus, aus dem letztlich resultiert, dass
    QUOD LICET IOVI NON LICET BOVI. Selbst das Abschieben von 60.000 Afrikanern – aus Liebe zum Land – muss unter diesem Gesichtspunkt zu tolerieren sein.
    ABER: Österreich ist auch nicht gerade groß. Doch hier ist die Liebe zum Land verpönt und jede einzelne Abschiebung (von kriminellen und/oder illegal Eingereisten) wird von den (selbsternannten) „Pazifisten“ angeprangert, wenn nicht überhaupt verhindert. Wenn es zum Schaden der Einheimischen UNSERES (darf man das in Österreich überhaupt noch sagen, ohne als Nahtzieh bezeichnet zu werden??) Landes ist, dann ist Lindwurm mit diesen hier Kritisierten wieder einer Meinung.
    Und was ist mit dieser Fassade, Herr/Frau Alexis?

  5. @Wahlheini:

    Ich prangerte nur die Heuchlerei vieler Linken an, siehe oben.

    Das ein winziges Land wie Israel keine 60.000+ Afrikaner beherbergigen kann und soll, liegt ja wohl auf der Hand. Es existieren beinahe 60 riesige, islamische Staaten in der nahen Region. Da stellt sich mir die Frage: Warum gehen die (95% muslimischen) Afrikaner dann ausgerechnet zum „Erzfeind aller Erzfeinde“?

    Das mit der Nazikeule in allen westeuropäischen Staaten (am allermeisten in Deutschland) exzessiv übertrieben und missbraucht wird, stimme ich voll und ganz zu. Derzeit rennen ja sogar irgendwelche Irren herum und reißen Deutschlandflaggen von Autos (für die EM) herunter und werfen den Besitzern Nationalismus und Rassismus vor. Wie krank ist das denn bitte?

    Das man Kriminelle abschieben soll, ist auch völlig logisch. Man richte doch mal bitte den Blick in Länder wie z.b. Australien. Unter Umständen (Kontrolle) wird man dort sogar nicht einmal mehr als Tourist hineingelassen, wenn man eine mehr als 12-monatige Haftstrafe verbüßt hat.

    Mit der Fassade meinte ich, dass rechte Parteien in Europa möglicherweise nur nach der alten Taktik „Der Feind meines Feindes ist mein Freund.“ agieren. Man weiß nicht genau, ob die pro-Israel/Juden Linie nur als Mittel zum Zweck dient oder nicht. Ist alles etwas undurchsichtig.

  6. @alexis

    Schön, dass Sie auf meinen Kommentar so detailliert antworten – passiert eher selten im Web :-).
    Was die ehrliche Einstellung der sogenannten Rechten zu Israel und zu Juden betrifft, bin ich der Meinung, dass sie durchaus geteilt ist. Wie der Prozentsatz sich verhält, kann ich nicht einschätzen – wahrscheinlich niemand.
    Doch diejenigen, die sich judenfreundlich äußern, meinen es ehrlich. Denn sie betrachten Israel als einziges Bollwerk gegen den Islamismus. Ein echter Antisemit würde es einfach nicht über seine Lippen (Tastatur) bringen……außer er wäre ein Agent Provocateur, von denen es im Netz sicher etliche gibt.

    Eine antisemitische Schnittmenge zwischen ‚rechts & links‘ findet sich unter den Thruthern, die jüdische Hegemoniebestrebungen und das dahinterstehende Finanzkapital als Ursache der aktuellen Fehlentwicklungen definieren.

    Darum schreibe ich auch ‚rechts & links‘ unter Apostroph, weil diese Kategorien nicht mehr wirklich aussagekräftig sind.

  7. Die Linke bekämpft die Starken und Erfolgreichen, da Stärke und Erfolg Ungleichheit impliziert und Ungleichheit für die Linke immer illegitim ist.

    Das sieht man auch an deiner Argumentation, Lindwurm, denn du verteidigst Israel im Namen seiner angeblichen Schwäche.

    Die Linke ist überall dort pro-nationalistisch, wo sie die fragliche Nation als schwach und unterdrückt einschätzt. Also wird z.B. Nationalismus in Lateinamerika unterstützt (wider dem Einfluss der USA und internationaler Konzerne) und in Tibet. Oder eben, je nach Einschätzung, wer denn nun schwächer ist, der Nationalismus der Araber in Palästina und anderswo, oder eben der der jüdischen Israelis.
    Falls die Araber in Israel die Macht übernehmen, wird sich die Linke bestimmt sofort wieder auf die Seite der dortigen Juden schlagen.
    Aktuell haben wir aber eine anhaltende Pattsituation im Nahost-Konflikt. Die vielfältige Komplexität realer Machtverhältnisse passen aber nicht in ein einfach gestricktes Weltbild, das der Linke gerne hätte.

    @alexis: Israel hat heute mehr Einwohner als Österreich vor der Masseneinwanderung. 2002 kamen alleine 40.000 Asylwerber in einem Jahr nach Österreich. 60.000 ist im westlichen Vergleich gar nichts.

  8. @alexis:
    Unter Umständen (Kontrolle) wird man dort sogar nicht einmal mehr als Tourist hineingelassen, wenn man eine mehr als 12-monatige Haftstrafe verbüßt hat.
    LOL. Australian war ja mal eine Kriminellen-Kolonie.
    Dazu gibt es einen guten Witz:
    Australian Immigration Officer: „Do you have a criminal record?“
    Applicant: „No, is it still a requirement for entry to have one?

    Mit der Fassade meinte ich, dass rechte Parteien in Europa möglicherweise nur nach der alten Taktik “Der Feind meines Feindes ist mein Freund.” agieren. Man weiß nicht genau, ob die pro-Israel/Juden Linie nur als Mittel zum Zweck dient oder nicht. Ist alles etwas undurchsichtig.

    Linken Islam-Apolegeten wird auch häufig vorgeworfen, ähnlich zynisch in Bezug auf den Islam zu denken. Ich neige hier immer zur einfachen Interpretation, solange es keine Belege für eine doppelbödige Strategie gibt.

    Genauso wie oben beschrieben, gibt es auch bei Rechtsnationalen unterschiedliche Auffassungen zum korrekten Freund-Feind-Schema. Die einen wollen den Schulterschluss mit dem Islam und den Arabern gegen das „Weltjudentum“, die anderen gemeinsam mit Israel-Nationalisten gegen den Islam und Araber ankämpfen.
    Es handelt sich um unterschiedliche Lager, die sich auch vehement bekämpfen, genauso wie man das auch innerhalb der Linken sieht.

    In jedem Fall sind die komplexen linken und rechten Freund-Feind-Schemen häufig eine Konstruktion, die auf andere projiziert und allerhöchstens ausgenutzt werden. Eine echte Zusammenarbeit zum beiderseitigen Nutzen sehe ich in keiner Kombination von Linken und Rechten mit Muslimen und Zionisten.

    Muslimische Gelehrte sprechen ihre doppelbödige Strategie hingegen ganz bewusst aus und sie ziehen auch konkreten Nutzen aus dieser Politik.

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