God, Sex & Work

Je seltener es eine Sache gibt, desto sturer behaupten die Menschen, sie sei allgegenwärtig. Nehmen wir die Göttlichkeit bzw das Göttliche. Das Göttliche ist nichts anderes als ein Erkenntnisschub, von mir aus nennt es ruhig Erleuchtung, ein Moment der Klarheit, in dem man die Größe und Schönheit allen Seins erblickt, eine Erfahrung, die das aufgeblasene Ego gesundschrumpft und die einen verändert zurücklässt, klarer, demütiger, und so gut wie immer auch netter und humaner. Der Mensch ahnt ja, dass es nichts Göttliches hat, wenn er seinesgleichen abschlachtet und ausraubt und vergewaltigt, daher schreibt er Bücher, die ihm bei entsprechender Auslegung genau das erlauben oder besser noch gar auftragen, zeigt sie mit gespielter Ehrfurcht herum und sagt: „Hat Gott gemacht“. Das Göttliche ist immer spirituell, aber selten religiös. Und das Göttliche ist kein Vatergott, der ja stets nur das Spiegelbild menschlicher Niedertracht ist, keine Person, kein Geistwesen, sondern ein Zustand der Seele. Die Abwesenheit des Göttlichen ist am stärksten dort zu spüren wo behauptet wird, man diene einer Gottheit, in Wahrheit aber bloß Religion praktiziert, also durch Gebote und Rituale eine Herrschaftsideologie stützt. Man könnte auch sagen: Je mehr Geschrei und Weihrauch und Bärte und Djihad und Glockengebimmel und Koschergetue, desto weniger Gott.

Silly Lovesongs

Mit der Liebe verhält es sich auch so. 90 Prozent aller Lieder und Bücher und Filme handeln von ihr – ein starkes Indiz für die Lieblosigkeit dieser Welt. Würden wir die Liebe nicht so schmerzhaft vermissen,  müssten wir uns  nicht dermaßen verzweifelt einreden, sie wäre überall um uns herum. Die Wirklichkeit auf dieser Welt sieht nun mal so aus, dass ein Großteil der Kinder nicht in einer liebevollen Umgebung aufwächst, dass die meisten Menschen arrangierte Ehen schließen oder Zweckpartnerschaften eingehen und außerdem fast alles, was so gerne unter dem Label „Liebe“ verkauft wird, sexuelles Begehren ist, das mal mehr, mal weniger aggressiv andere Menschen verletzt. Nicht zuletzt deshalb verletzt, weil so oft Besitzdenken mit Liebe verwechselt wird. Wahre Liebe nimmt aber immer nur den Liebenden oder die Liebende in Besitz, nie den Geliebten oder die Geliebte. So selten aber die wahre Liebe ist, so weit verbreitet ist die Liebe als Ware. Von den verschiedenen Formen der Prostitution über „Vernunftehen“ (die nicht selten eine Spielart der Prostitution sind) bis hin zu dieser gigantischen Industrie mit all ihren Romantic Novels, Popsongs und Hollybollywoodfilmchen und Pornographie – die Liebe ist ein Geschäft wie jedes andere, bloß profitabler als viele andere.

Boy will be boys and girls will be girls

Mit dem, was als „Liebe“ verkauft wird, wird natürlich nicht nur ein Geschäft, sondern auch Politik gemacht. Stellvertretend sei hier die romantische Komödie nach US-amerikanischem Strickmuster erwähnt. Kaum ein anderes Filmgrenre ist so schablonenhaft und reaktionär wie dieses. Die „RomCom“ steht unangefochten an der Spitze wenn es darum geht, patriachale Rollenbilder zu perpetuieren. Obwohl die moderne RomCom so tut, als würde sie Frauen einen Platz in gesellschaftlich und ökonomisch hoch stehenden Positionen zubilligen, und obwohl sie oft auch so tut, als könne zum Beispiel ein einfacher Arbeiter mit der Millionenerbin zusammenkommen, so muss sich doch im Laufe der Handlung der einfache Arbeiter mindestens zum erfolgreichen Geschäftsmann mausern, damit das Happy End stattfinden darf, und die erfolgreiche Frau muss „einsehen“, dass sie halt doch einen starke Schulter zum Anlehnen braucht. Fast immer werden Frauen dargestellt, die im Berufsleben stehen, aber die sind „natürlich“ unglücklich, bis sie endlich die „große Liebe“ treffen, selbstverständlich immer einen letztendlich sehr erfolgreichen und maskulinen Mann, und dieses Aufeinandertreffen endet immer mit der Traumhochzeit, die stets so aussieht wie den Fantasien kleiner Mädchen entsprungen: Ganz in Weiß, mit Hunderten Gästen, mit stolzen und weinenden Eltern und einem coolen Rabbi/Priester/Thetan 7. Grades. Interessantes Detail: In sehr vielen RomComs hat die weibliche Hauptrolle einen schwulen besten Freund, dessen Aufgabe es oberflächlich betrachtet ist, im Rahmen der Handlung der Frau die Augen dafür zu öffnen, welch tollen Mann sie da gerade abblitzen/verklagen/verjagen hat lassen. In Wahrheit ist der Job dieser schwulen Rolle natürlich der, die gesellschaftlich erwünschte „harte Männnlichkeit“ der männlichen  Hauptrolle zu konterkarieren und damit zu akzentuieren. Liebe, die über das strikte heterosexuelle Gefüge zwischen Mann und Frau hinausgeht, kommt hier nicht vor. Zwar gilt Homosexualität im amerikanischen Mainstreamfilm mittlerweile als tolerabel, aber nur dann, wenn sie dem Muster der erwünschten Norm der Monogamie folgt und brav zurückhaltend auftritt. Schon Bisexualität ist in dieser sauberen Traumfabrik kaum mehr mit der erwünschten Ideologieproduktion vereinbar, weshalb sie, wie alles, vor dem man sich fürchtet oder fürchten soll, nur als Witz vorkommt. Andere Formen der menschlichen Sexualität und des menschlichen Zusammenlebens werden ausgeblendet oder dämonisiert. Die Singlefrau, die ihre Sexualität nach Möglichkeit auslebt, und das mit wechselnden Partnern,  muss entweder zum monogamen Glück gezwungen werden, oder sie stirbt einsam und verbittert, so die Hollybollywoodregeln. Der Singlemann, der mit möglichst vielen Frauen schläft, ist zwar ein toller Hecht, der die Fantasien des Publikums auslebt, aber auch so ein Hecht muss eingefangen und per Hochzeit zum einzig wahren sozialverträglichen Dasein kastriert werden. Sadomasochisten sind Witzfiguren oder satanische Ritualmörder. Freie Sexualität in Gruppen wird schlicht ausgeblendet in dieser Filmwelt. Obwohl es die doch ganz eindeutig gibt. Sie passt aber nicht zu einer ideologischen Kulturproduktion, die in Wirklichkeit nicht das Glück, sondern die Frustration der Konsumenten zum Ziel hat. Der Mensch im Kapitalismus soll nicht zufrieden sein mit sich und seinem Körper und seiner Sexualität, er soll unerfüllbaren Träumen hinterherjagen, damit er brav Leistung bringt und jeden Dreck konsumiert. Er soll auf keinen Fall  ein (Sexual)Leben führen, das ihn befriedigt, denn man braucht seine Aggressionen und Frustrationen, um ihn bei Bedarf für Kriege im Aus- und Inland mobilisieren zu können.

Work. The most important thing is work

Religionen und Populärkultur richten den Menschen also zu und ab, aber wofür? Um sie gefügig zu machen für ein Leben im Dienst der Menschenfeinde. Wer sind die Menschenfeinde? Ganz einfach, das sind alle, die den Menschen nur als Zahl in einer Statistik oder einer Bilanz wahrnehmen wollen. Menschenfeinde sind die, die den Menschen kein Glück in dieser Welt und in diesem Leben zubilligen, sondern sie auf das Jenseits oder eine ferne Utopie vertrösten, wohl wissend, dass jeder Mensch nur ein Leben und damit nur eine Chance auf Glück hat. Menschenfeinde erkennt man immer daran, dass sie in der Arbeit einen Wert an sich sehen oder zu sehen vorgeben. Menschenfeinde können Kapitalisten sein, Pfaffen, Sozialdemokraten, Kommunisten oder Nazis, es eint sie die Vergötzung der Arbeit und ihre Abscheu gegen den Müßiggang. Obwohl Arbeit doch ganz eindeutig und während der gesamten Menschheitsgeschichte ein Mittel zum Zweck war, behaupten diese Herrschaften, sie sei für sich allein schon wertvoll, wo sie doch vornehmlich nur Wert schöpft. Und obwohl der Mensch seit der Sesshaftwerdung und dem Einsetzen der Spezialisierung an schweißtreibender monotoner Arbeit verzweifelt und diese daher gerne Sklaven aufbürdete, wenn er konnte, sind sich auch viele Linke nicht zu blöd zu behaupten, Arbeit schände nicht. Natürlich kann Arbeit schänden, und gerade diejenigen, die am lautesten das Hohelied auf die Arbeit singen, also Kommunisten und Nazis, wissen das ganz genau und stecken Menschen, die sie demütigen oder vernichten wollen, in Arbeitslager. Hier muss ein kleiner Einschub her, damit wir uns nicht verirren: Trotz der gemeinsamen Neigung von Kommunisten und Nazis, Menschen in Arbeitslagern zu Tode zu bringen, gibt es selbstverständlich fundamentale Unterschiede zwischen diesen Ideologien, was die Menschensicht betrifft. Für die Nazis galt, dass arbeitsunfähige Menschen „unwertes Leben“ seien. Zu Hunderttausenden haben die Nazis daher Kranke und Schwache ermordet. Trotz der Arbeitsverherrlichung der Kommunisten und deren Einteilung der Menschen in „Arbeiter und Parasiten“ war es nie Teil der roten Ideologie und Praxis, Arbeitsunfähige umzubringen. In den meisten so genannten realsozialistischen Staaten konnte man, wenn nicht gerade Hungersnot oder stalinistische Säuberungswelle war, auch als Arbeitsunfähiger oder -unwilliger sein Auskommen finden, solange man politisch nicht aufmuckte. Arbeitsunfähige bekamen Renten, wer keinen Bock auf Arbeit hatte, und den hatten im „Sozialismus“ viele nicht, da persönliche Initiative ihnen nichts oder nur Scherereien brachte,  der ging halt morgens in die Fabrik, in die Kolchose oder ins Büro und schob eine ruhige Kugel. Nur wer ganz offensiv gar nicht arbeiten wollte, also nicht mal so tun als ob, musste mit Sanktionen rechnen. Anders bei den Nazis, wo schon die normale menschliche Bocklosigkeit verdächtig war und viele Menschen, die nicht begeistert so taten, als würden sie liebend gerne schuften, ganz schnell als „asozial“ und „arbeitsscheu“ galten, und das war dann oft genug ein Todesurteil.

All we lived for was to get out of the factory

Interessanterweise waren und sind diejenigen, für die Arbeit so etwas Großartiges ist, dass sie sogar behaupten, sie könne Menschen „bessern“, selbst nie Mitglieder der Arbeiterklasse. Es waren und sind immer Pfaffen, Intellektuelle, Journalisten, Politiker und Richter, die andere Menschen zur Zwangsarbeit verpflichten. Wer am eigenen Leib erfahren hat, was körperliche Schufterei bedeutet, ist meist weniger anfälliger dafür, seinen Sadismus als Tugend zu tarnen oder unrealistische Vorstellungen von den Auswirkungen der Arbeit zu haben. Zwar sind Menschen, die hart arbeiten, oft stolz auf ihre Leistungen (und das mit mehr Recht als zum Beispiel Finanzspekulanten), doch sie romantisieren die Arbeit selten und wenn doch, dann nur deswegen, weil kein Mensch sich gerne eingesteht, dass er etwas tut, was eigentlich gegen seinen Instinkt geht . Generationen von Arbeitern haben unter anderem deshalb so hart geschuftet, um ihren Kindern ein anderes Leben mit weniger harten Arbeitsbedingungen zu ermöglichen. Auch wenn im paternalistischen Kapitalismus oft genug die Söhne in derselben Fabrik arbeiteten wie die Väter war es doch das Anliegen der Elterngeneration, dass der Sohn zumindest einen besseren Posten in eben dieser Fabrik ergattern sollte, wenn es schon unrealistisch schien, dass er den Klauen des lokalen Räuberbarons ganz entkommen würde. Die Arbeiterinnen und Arbeiter wussten immer, dass vergleichsweise schlecht bezahlte, ungesunde Arbeit eben keinen Wert an sich darstellt, sondern bloß ein Mittel war, um zu überleben. Wer es irgendwie schaffte, ließ die Fabrik oder das Bergwerk hinter sich. Das gilt bis heute. Es ist ja kein Zufall, dass die Menschen Unsummen in Lottoscheine investieren. Das tun die nicht, weil sie so gerne hackeln, sondern weil sie eben genau wissen, dass Arbeit ein Übel ist, das man nur in Kauf nimmt, weil man keine Alternative hat.

Mister, you´re just brainwashed

Religionen und Ideologien und Schulen und Populärkultur sind wie Cesar Millan. Er ist der „Hundeflüsterer“, sie sind die „Menschenflüsterer“. So wie Millan mit allerlei Tricks Hunde dazu bringt, sich so zu verhalten, wie es den Herrchen und Frauchen passt, richten diese Institutionen die Menschen ab, damit sie sich mit ihrer Ausbeutung und ihrer Unfreiheit abfinden, nein, das sogar gut finden. Seit Jahrhunderten unterziehen sie die Menschen einer Gehirnwäsche, die allein dazu dient, aus Menschen Menschenmaterial, Humankapital zu machen, und die die Menschen vor allem anderen davon abhalten soll, die entscheidende Frage zu stellen: „Warum darf ich nicht hier und heute glücklich sein?“ Die Gehirnwäsche wird intensiv betrieben und ohne Unterlass, denn man weiß nur zu gut, dass die Menschheit in gewissen Abständen bockig wird und Veränderungen zu ihren Gunsten einfordert. Und das nicht morgen oder übermorgen oder nach dem Tod, sondern jetzt gleich. In der Tat sind solche Eruptionen des Bewusstseins, in denen die Menschen kurz mal zu sich selber finden und erkennen, was sie eigentlich brauchen würden, meist sehr positiv für die Lebensqualität aller, also nicht nur jener der Aufbegehrenden. Nehmen wir die „68er“ als Beispiel. Bis heute gelten diejenigen, die in den 60er Jahren rebelliert haben gegen den gesellschaftlichen Mief der Konservativen und Rechten, diesen als Feindbilder, dabei profitieren bis zum heutigen Tag gerade auch die davon, dass ihre Wertvorstellungen nicht mehr die allein gültigen sind. Zum Beispiel sollte jeder geschiedene und zum dritten Mal neu verheiratete CSU-Politiker oder ÖVPler bedenken, dass seine Karriere schon lange beendet worden wäre, hätte es die 68er und den durch sie angestoßenen Wertewandel in unserer Gesellschaft nicht gegeben. Und jede Politikerin einer rechten Partei sollte wissen, dass sie heute keine Politik machen würde, hätten die „68er“ nicht für die Befreiung der Frau gekämpft. Sicher, dem Kapitalismus hat der Modernisierungsschub am meisten genützt, da erst die Forderungen nach mehr individueller Freiheit und das Aufbrechen der starren alten familären und sozialen Strukturen die Errichtung einer 24/7-Globalwirtschaft möglich gemacht haben, aber deswegen will ich noch lange nicht zurück in eine Zeit, in der sich Vermieter, in deren Wohnungen sich Unverheiratete liebten, der Kuppelei schuldig machten und Homosexuelle und Frauen, die abgetrieben hatten, in den Knast gesteckt wurden. Klar, der Schrei nach Freiheit, der in den 60ern erschallte, wurde sehr schnell umgedichtet in einen Lobgesang auf die Freiheit, zwischen 50 Deosprays wählen zu dürfen, aber unsere westlichen (halbwegs) aufgeklärten Gesellschaften wären ganz anders und wesentlich glücksfeindlicher, hätte damals keine Öffnung stattgefunden. Diejenigen, die unter dem Pflaster den Strand vermuteten, haben diesen zwar dann doch nicht freigelegt, aber sie haben statt den überkomnenen Werten „Bravsein“, Gehorchen, Maulhalten und Malochen das Streben des Individuums nach Glück wieder salonfähig gemacht. Keine geringe Leistung für ein paar Langhaarige.

Rock around the clock

Heute sind die positiven Errungenschaften der bislang letzten großen gesellschaftlichen Transformation weitgehend pervertiert und in Gefahr, rückabgewickelt zu werden. Aus der Lust an der Befreiung aus einer starren Arbeitswelt ist ein entgrenztes Zurverfügungstehen des Menschen für die Wirtschaft geworden. Man will ja gar nicht mehr mit Leuten auf ein Bier gehen, weil die alle paar Minuten auf ihr Smartphone gucken um nachzusehen, ob der Boss eine Mail geschickt hat oder wie die Aktienkurse stehen oder was ein Konkurrent gerade auf Facebook schreibt. Früher mal hat man seine acht Stunden heruntergerissen, hat sich beim Ausstempeln gedanklich von der Arbeit verabschiedet und sich dann um das eigentliche Leben gekümmert. Heute leben immer mehr Menschen wirklich nur mehr um zu arbeiten statt umgekehrt, wie es eigentlich sein sollte. Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Auch ich hatte einen Beruf, in dem es keine Arbeitszeiten mehr gab, sondern eine 24-stündige Bereitschaft. Damals gab es zwar noch keine Smartphones, aber Handys und mobiles Internet waren schon erfunden. Die Rund-um-die-Uhr-Erreichbarkeit und das Rund-um-die-Uhr-Arbeiten galten als selbstverständlich, auch im „Urlaub“, den zu nehmen man sich ohnehin nicht für länger als ein paar Tage getraute. Nach wenigen Jahren mit diesem Arbeitsrhythmus war ich fertig mit der Welt, wurde krank und habe mich bis heute nicht wieder davon erholt. Andere halten länger durch, aber alle zahlen irgendwann die Rechnung für diesen unnatürlichen Lebenswandel. Doch das Tempo wird nicht zurückgenommen, es wird im Gegenteil noch erhöht, und wer nicht mehr mitkommt, der wird ausrangiert, der gilt als unzuverlässig und schwach und schädlich für den Götzen der totalen Arbeit. Diese ins Extreme beschleunigte Arbeitswelt hinterlässt immer mehr Kollateralschäden, rechts und links neben dem Highway der Produktivität kann man sie liegen sehen, die ausgebrannten menschlichen Wracks. Die Politik reagiert darauf, indem sie das Leben für die Opfer des entfesselten Marktes noch schwerer macht, denn mittlerweile hat die Ideologie des faschistoiden Kapitalismus, wonach nicht essen solle, wer nicht arbeite, ihr Comeback gefeiert.

Jailhouse Rock

Die solidarische Gesellschaft, in der auch Kranke und Behinderte zumindest überleben konnten, hat nach Meinung entscheidender Teile der politisch-ökonomischen Eliten ausgedient. Dabei war sie ein Erfolgsmodell. Der Sozialstaat westeuropäischer Ausprägung war die bislang vielleicht humanste Inkarnation des Kapitalismus, und sie war auch wirtschaftlich sehr effektiv. Es ist doch kein Zufall, dass sich die Krisen stetig verschärfen, seit der Wohlfahrtsstaat in immer mehr Ländern zurückgefahren wird. Wenn ich die Menschen durch Sozialabbau zur Akzeptanz von Lohnkürzungen gefügig prügele, hat das natürlich nur kurzfristig eine positive Auswirkung auf die Bilanzen vor allem der exportorientierten Wirtschaft, makroökonomisch setzt das eine Abwärtsspirale in Gang, eine Art ökonomischen Krebs, der sich von den direkt betroffenen Arbeitnehmern zum Einzelhandel und letztlich bis ins Zentrum des Kapitalismus, den Finanzinstituten nämlich, durchfrisst. Und gesellschaftlich wie moralisch ist es natürlich verheerend, wenn man immer größere Teile der Bevölkerung ins Elend stürzt. Manche Vertreter der Eliten meinen, man solle Europa zu einer zweiten USA umbauen und von dort auch den Umgang mit den Armen und Ausgestoßenen übernehmen. In den USA funktioniert das ja, sehr vereinfacht gesagt, so: Man erhöht den Druck auf die Unterschicht immer weiter, mit Kürzungen aller öffentlichen Leistungen wie auch durch Stigmatisierung, und gleichzeitig baut man ein extrem drakonisches Justizsystem auf, wozu auch gehört, immer mehr läppische Gesetzesübertretungen zu Kapitalverbrechen zu erklären („war on drugs“ anyone?). Das Resultat: Nirgendwo sonst in der „Freien Welt“ sind so viele Menschen unfrei, sitzt ein dermaßen hoher Anteil der Gesamtbevölkerung hinter Gittern. Damit sind diese Menschen aus allen Armuts- und Arbeitslosenstatistiken raus, man hat sie von der Straße geschafft und gleichzeitig bietet man immer mehr anderen Armen Jobperspektiven im Justizvollzug an. Die eine Hälfte der Armen sitzt ein, die andere Hälfte passt auf, dass sie nicht ausreißt. Überdies kann man die Gefangenen auf das trefflichste wirtschaftlich ausbeuten. Kaum ein großer amerikanischer Konzern, der nicht von billiger (Zwangs)Arbeit in den Gefängnissen profitieren würde. Und die geschäftstüchtigsten Firmen verdienen an dieser Variante eines Gulagsystems mehrfach, indem sie die Knäste gleich auch selber bauen, bewachen oder beliefern. Oder sogar betreiben. Ist das die Zukunft auch für Europa? Einiges deutet darauf hin. Wenn wir nicht aufpassen, wird die kurze Periode relativer Freiheit, die wir im Westen genießen durften (auch in den USA bis in die 80er hinein), bald Geschichte sein.

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