Hitze, Alkohol und Blues

Heiß ist es derzeit in Österreich, und die Menschen hierzulande kriegen eine Ahnung davon, warum man im Süden einen anderen Arbeitsrhythmus pflegt und vernünftigerweise Siesta hält. Dass die Temperaturen über viele Tage, ja Wochen hinweg über die 30 Grad kraxeln, ist man hierzulande nicht gewohnt, in Italien, Spanien, Portugal, Griechenland, Nahost und Nordafrika ist das hingegen nicht die Ausnahme, sondern die sommerliche Regel. Wer irgendwie kann sollte, um Hitzschlag, Kreislaufkollaps und Herzkasper zu entgehen, ein wenig von den sonst gerne als „faul“ verunglimpften Südländern lernen und nicht so tun, als wäre er eh ein ganz harter Hund, der auch bei 38 Grad im Schatten so hackeln kann als würde dieser Wert in Fahrenheit gemessen statt in Celsius. Gelassenheit ist das oberste Gebot, auch wenn dieses einzuhalten vielen Mittel- und Nordeuropäern schwer fällt. Wer sich hetzen lässt, wer um keinen Preis die Straßenbahn verpassen will, wer mit Fahrrad oder Auto rast statt mit angemessener Langsamkeit über den Glutteppich des Asphalts zu gleiten, wer sich mit dem Chef oder Kollegen oder Angestellten zankt, sich auch nur irgendwie stressen lässt, der kann die Hitze nur hassen, denn ihm oder ihr wird sie wie eine Strafe vorkommen. Dabei wird ja gar keiner bestraft, es ist bloß Sommer.

Alkohol ist dieser Tage auch ein Thema. Wer ein wenig in der Welt herumgekommen ist dem wird aufgefallen sein, dass sich die Trinkgewohnheiten gerne nach den Durchschnittstemperaturen richten. Sicher trinkt man auch im Süden gerne mal ein kühles Bier oder einen feinen Wein, harte Drinks passen aber nicht so recht zu brennend heißen Wüstenwinden, die in tagsüber fast ausgestorben scheinenden Oasen durch die Blätter der Dattelpalmen flüstern, oder zum Schönkörperherzeigen an den Stränden, zum Beach Volleyball und zu hübschen Menschen, die durch das Hitzeflimmern über den Straßen vorbeizuschweben scheinen wie Erscheinungen in Superzeitlupe, ja nicht einmal zu iraelischen Plattenbausiedlungen in der Negev, deren realsozialistischer Charme halt doch auch durch allerlei tropisches Gewächs und Olivenhaine und knapp bekleidete Menschen aufgelockert wird. Die passen eher zu Lappland, wo man Rentieren mit den Zähnen die Eier abbeißt, zu Eislochtauchen und Obdachlosigkeit bei minus 30 Grad. Natürlich gibt es rund ums Mittelmeer starken Stoff wie Grappa, Ouzo oder Arak, aber der wird dort selten in so rauen Mengen konsumiert wie die nördlichen Schnäpse in nördlichen Ländern.

Aber zurück zur Gelassenheit! Eine Hitzewelle ist genau die richtige Zeit, um sich mal gründlich abzuregen. Leider hat die Wärme auf viele Österreicher die gegenteilige Wirkung: Sie werden noch grantiger als sonst, sie sind hektisch, sie raunzen, sie werden streitsüchtig und aggressiv. Auf mich wirkt der Sommer anders. Die Hitze entspannt mich, sie lässt vieles von dem, was ich ansonsten unerträglich finde, in einem mildernen Licht erscheinen. Sogar materielle Not und Existenzängste wiegen plötzlich leichter, wenn man im Hinterkopf hat, dass man notfalls ja auch problemlos ein Bett im Kornfeld aufschlagen könnte, falls einem die Wohnung gekündigt würde. Ich verstehe derzeit zumindest annähernd, warum afrikanische Musik oft so fröhlich ist, obwohl gerade die Afrikaner allen Grund hätten, den Blues zu haben. Den haben einige von ihnen ja auch angefangenen zu singen, aber erst nachdem man sie in die amerikanische Sklaverei verschleppt hatte, wo stupide und brutale Schufterei selbst das schönste Wetter unerträglich scheinen ließ. Wobei: Der Blues wird ja oft missverstanden, der steht zwar sprichwörtlich für´s Traurigsein und Herzeleid und gar Depression, als Musik ist der aber oft verdammt lebenshungrig und aktiv und das Tanzbein animierend. Weil es eben letztlich auch afrikanisch beeinflusste Musik ist, also immer auch noch ein Stück von dieser „Das-Leben-ist-ein-Jammertal-aber-wer-nicht-singt-und-tanzt-dem-geht-es-auch-nicht-besser“-Haltung mitschwingt.

Aber nur weil mir der Hochsommer gefällt schwitzen die Menschen, die bei diesen Temperaturen hart arbeiten müssen, nicht weniger, schon klar. Ich kenne das ja durchaus nicht nur vom Hörensagen, ich habe auch schon im Juli am Bau gearbeitet und einmal gar eine Straße zu asphaltieren geholfen. Die Straßenbauarbeiter gehören ja wirklich zu den größten Helden der Arbeit, denn wo die schaffen, hat es locker 70 Grad, den ganzen Tag über. Als ich bei einem dieser Bautrupps dabei war, erlebten wir in vier Wochen sechs Ausfälle wegen Hitzschlag und Kreislaufzusammenbruch. Das waren die Überfleißigen, die ganz Harten, die auch noch meinten, ihre Härte dadurch unter Beweis stellen zu müssen, indem sie statt Wasser Bier soffen und tollkühn auf Kopfbedeckungen verzichteten. Die erfahrenen Arbeiter, und an die hielt ich mich, ließen es langsam angehen, nur ned hudeln, morgen ist auch noch ein Tag, und Bier trinken wir erst nach Feierabend. Man sieht, dass auch Körperarbeit unter diesen Bedingungen machbar ist, wenn man nur nicht den Oberhackler und Chefarschlochlecker spielen will.

Was natürlich nicht so schön ist an der Hitzewelle ist die Weigerung der Temperaturen, nachts auf schlaffreundliche Niveaus zu sinken. Eine aufgeheizte Stadtwohnung ohne Klimaanlage lädt eher zum stundenlangen Herumwälzen ein als zum friedlichen Schlummern. Aber man gewöhnt sich auch daran, womit wir zum größten Problem österreichischer Hitzewellen kommen: Sie dauern zu kurz. Kaum hat sich der Körper akklimatisiert, wird´s auch schon wieder kühler. Das suckt, denn diese Schwankungen belasten den Organismus stärker als die Dauerhitze. Je nach Alter und körperlicher Verfassung dauert es ungefähr vierzehn Tage, bis sich die Physiologie auf Hochtemperaturen eingestellt hat. Danach ist man zwar gegen die möglichen Gesundheitsgefährdungen durch tropisches Wetter nicht völlig gefeit, aber man fühlt sich besser und kann wieder durchschlafen. Fies wird es, wenn die gar nicht ungesunde trockene Hitze der vielen Sommerunwetter wegen in ein subtropisches Saunawetter umschlägt, in dem man wegen der hohen Luftfeuchtigkeit beinahe mit dem Schlauchboot aus dem vierten Stock schweben kann. Das ist dann tatsächlich nur mehr schwer zu ertragen, aber es winkt Trost: Bald ist der Sommer auch wieder vorbei und es folgen acht nasskalte Monate…

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2 Gedanken zu “Hitze, Alkohol und Blues

  1. Leider gibt es bei uns keine Kultur des gepflegten Müßiggangs, was ich ebenfalls sehr bedaure.

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