Ich vermisse Helmut Kohl

Es kommt mit nur schwer über die Tastatur, aber: Mir fehlt Helmut Kohl. Der deutsche Ex-Kanzler war nämlich ein überzeugter Europäer und hätte bei dem Populismuswettbewerb, bei dem sich zur Zeit Konservative, Rechte, Liberale und Linke gegenseitig in Sachen Euro(pa)-Bashing zu übertreffen versuchen, nicht mitgemacht. Der stammte noch aus einer Politikergeneration, die aus der blutigen Geschichte des Kontinents die einzig richtige Lehre ziehen wollte, nämlich dass die europäischen Staaten wirtschaftlich und politisch zu einer Einheit zusammenwachsen müssen, auf dass sich Europa nie wieder in ein Schlachthaus verwandle. Doch diese Politikergeneration ist weg vom Ruder und statt ihrer regieren nun fast überall Kleingeister und Feiglinge, die entweder nichts begreifen und sich daher allein von Meinungsumfragen leiten lassen, oder nicht den Mut haben, ein klares Bekenntnis zur Europäischen Union abzulegen. Falls sie nicht gleich bestochene Erfüllungsgehilfen diverser Kapitalfraktionen sind. Zu einem klaren Bekenntnis zu Europa gehörte natürlich auch klipp und klar zu sagen: „Europa ist eine Union und die wird daher nicht zulassen, dass eine ihrer Regionen pleite geht“. Hölle, man ist ja nicht einmal in der Lage, der Anti-ESM-Propaganda etwas entgegen zu halten. Oder den ökonomischen Analphabeten, die herumposaunen, die Rückkehr zu nationalen Währungen sei in dieser globalisierten Weltwirtschaft sinnvoll. Ist es so schwer, den Menschen zu vermitteln, dass die einzigen, die von einem Comeback von Schilling, Lira, Drachme, Peso usw profitieren würden, Währungsspekulanten wären? Oder dass, wenn morgen die spanischen Banken pleite gingen, übermorgen die österreichischen und deutschen folgen würden? Dass es nicht darum geht, „unser Geld“ zu „verschenken“, sondern das System zu stützen, dessen Zusammenbruch in kürzester Zeit zu Massenelend, Hunger, Aufständen und Krieg führte? Was sind das für Politiker, die da in den Parlamenten ESM und Stabilitätspakt beschließen, aber dann zu maulfaul oder zu blöd sind, das auch zu argumentieren und lieber wortlos dabei zuschauen, wie eine bizarre Allianz aus extremen Rechten, Linken und Ultraliberalen mit einfach gestrickten Parolen das Volk verblödet? Ist wirklich jede Hoffnung vergebens, dass statt den Merkels und Faymanns und Straches und Stronachs und Barrosos mal wieder Kohls, Mitterands, Kreiskys und Palmes die politische Bühne betreten werden?

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8 Gedanken zu “Ich vermisse Helmut Kohl

  1. Mag (wird) schon stimmen, dass Merkel, Barroso und Faymann nicht das ganz große politische Format haben, aber Str.. und Str.. mit ihnen in einem Satz zu nennen halt ich persönlich nicht für angebracht. Ansonsten kann ich dem Artikel viel abgewinnen. Wenn die Jugend keine Arbeit hat, „derpack ma“ das Ganze sowieso nicht, in Anbetracht der gewalttätigen Exzesse, die dann auf uns zu kommen. Meine ich.

  2. Nach den recht guten Artikeln zu Straches antisemitischen Ausfällen, leider wieder ein sehr falscher Artikel zum Thema Europa.
    Es wird so getan als sei Helmut Kohl gegen Spekulanten und viele Kapitalfraktionen und habe aus internationalen Gedanken heraus den Euro mitbegründet. Aber das Gegenteil ist der Fall: Kohl hat den Euro mitgeschaffen, um die deutsche Vormachtstellung in Europa zu untermauern und den Nachbarstaaten Deutschlands ihre finanz- und geldpolitische Souveränität zu nehmen. Somit war also der Euro grade im Interesse großdeutscher Europa-Nationalisten und der expansionistischen Kapitalfraktionen der deutschen Exportindustrie.
    Ein weiterer Fehler des Artikels ist zu sagen, daß man den Euro erhalten müsse, damit keine Region der EU pleitegeht. Aber der Euro ist keine Lösung, sondern ein Teil des Problems. Der Euro ist zu einem großen Teil Schuld an der schlimmen Situation, in der Spanien, Italien und Griechenland stecken. 1) Er schuf viel zu niedrige Zinssätze, die für einen kurzzeitigen Hausau-Boom sorgten, der aber nicht realwirtschaftlich gedeckt war, sodaß 2009 diese Blase platzte und hohe Verschuldung und Verarmung hinterließ. Der Euro hat also zum Schuldenmachen animiert, durch die künstlich niedrigen Zinssätze 2) Der Euro nahm Griechenland die Möglichkeit, eine eigene Geldpolitik zu betreiben, denn Wechselkurse und Zinssätze wurden in Frankfurt festgelegt. Daher konnte die deutsche Exportindustrie Griechenland mit billigen Waren überfluten und die griechische Wirtschaft konnte sich durch Abwertung nicht wehren und war daher nicht mehr konkurrenzfähig. Somit wurden wichtige Teile der griechischen Exportindustrie (u. a. Landwirtschaft, Fischfang usw.) totkonkurriert. 3) Der Euro hat durch die zu hohen Preise die wichtigsten Bereiche der griechischen Wirtschaft runiniert: Landwirtschaft und Tourismus. Der fürs Land zu starke Euro machte die Landwirtschafts-Exporte zu teuer, sodaß diese einbrachen und international nicht konkurrenzfähig waren. Auch die Preissteigerungen in Griechenland machten das Land für Touristen unattraktiv, die jetzt lieber in die günstigere Türkei fahren.

    Kohl hat also durch die Schaffung des Euro einen desaströsen Fehler gemacht, der ganz Europa schwer geschadet hat. Ich vermisse eher Thatcher, die zwar eine verfehlte Sozialpolitik machten, aber bei EU und Euro immer recht hatte. Sie sagte schon früh, der Euro sei ein Mittel Deutschlands, um den Kontinent wirtschaftlich zu unterwerfen. Sie sprach sich für mehr geldpolitische Kooperation unter Beibehaltung der nationalen Währungen aus. In einer Rede warnte sie bereits 1990 vor einer Einheitswährung und einer Europäischen Zentralbank, die niemandem rechenschaftsplichtig sei. Sie sagten, wenn es nach ihr gehe, gäbe es „keine Europäische Zentralbank, die niemandem verantwortlich ist, am wenigsten den nationalen Parlamenten. Denn diese Art von Europäischer Zentralbank bedeutet keine Demokratie, die Wegnahme von Befugnissen jedes einzelnen Parlamentes und würde fähig sein eine Einheitswährung und eine Geldpolitik unter einem Zinssatz zu machen, der uns jeden politischen Einfluß nimmt.“

    Der Euro bedeutet somit Zentralismus und weniger Demokratie. Aber die Tradition und Stärke Europas war der Dezentralismus, die vielen unabhängigen Staaten, die miteinander kooperierten und konkurrierten und viele Erfindungen und Innovationen teilten, gleichzeitig aber mit aller Welt handelten und daher stieg Europa ab 1500 zu Weltbedeutung auf, während große, starre zentralistische Großreiche wie die chinesische Ming-Dynastie oder die Osmanen nach 1500 immer weiter herabsanken, denn die waren isolationistisch und zentralistisch.
    Ich erinnere mich an ein wichtiges Zitat von dem großen liberalen Ökonomen und Nazi-Gegner Wilhem Röpke, der eine enge Zusammenarbeit der europäischen Staaten unter Beibehaltung ihrer Souveränität und Unabhängigkeit befürwortete: „Dezentrismus ist in der Tat ein wesentliches Stück des europäischen Geistes. Wenn wir daher versuchen wollen, Europa zentralistisch zu organisieren, einer planwirtschaftlichen Bürokratie zu unterwerfen und gleichzeitig zu einem mehr oder weniger geschlossenen Block zu schmieden, so ist das nichts weiter als Verrat an Europa und am europäischen Patrimonium … Wir zerstören gerade das, was wir zu verteidigen haben und was uns selber Europa ebenso liebenswert wie der ganzen Welt unersetzlich macht.“
    Er nannte die Idee, einen Europäischen Superstaat zu schaffen, einen Verrat an Europa und einen Verrat, der umso schlimmer sei, wenn er in Europas Namen ausgeführt werde.

    Eine Rückkehr zu den eigenen Währungen eines jeden europäischen Landes ist daher die einzig richtige Lösung der Krise. Das wäre nicht nur für Südeuropa heilsam, sondern auch für die Niederlande, die richtung Rezession schlittern. Mit der Wiedereinführung der Drachme hilft man Griechenland am meisten und bei diesem Schritt sollte man die Griechen dann auch finanziell unterstützen, weil dies dann kein Faß ohne Boden mehr ist, sondern eine wirkliche Chance auf wirtschaftlichen Wiederaufstieg bietet, wie das in Island nach der Krise 2008 der Fall war. Durch eigene Währungspolitik hat sich Island aus der Krise manövriert und hat jetzt wieder ordentliche Wachstumsraten.
    Innerhalb eines gemeinsamen Wechselkursverbundes nach Vorbild des EWS mit dem ECU als Verrechnunseinheit und geringen Schwankungsbreiten zwischen den europäischen Währungen, würde es auch kein großes Spekulationsproblem geben, denn die europäischen Währungen wären aneinander gebunden. Die Spekulantenhatz ist nur Panikmache und enspringt oft dem Gedanken, daß die böse Wallstreet den tollen Euro kaputtmachen wolle.
    Aber schauen wir uns doch die nationalen Währungen in Europa an: Krone, Zloty, Franken, Pfund usw. Keine dieser Währungen hat momentan unter großer Spekulation zu leiden, die meisten funktionieren sehr gut und lassen Länder wie Norwegen, Schweiz, Tschechien und Polen prosperieren. Polen rutschte als einziges Land ab 2008 in keine Rezession und hat noch immer gute Wachstumsraten dank dem Zloty.

  3. statt der angepriesenen sozialunion kam dann -auch durch solche aus kohls lager- die wirtschaftsunion.
    und wie man jetzt sieht, steht selbst diese auf dünnem eis. denn mit schwachen mitgliedern solidarisch sein und diesen aufhelfen … so „unioniert“ sind nichteinmal die banken und konzerne.
    wie so oft: gute (absolut notwendige) idee – schlecht umgesetzt

  4. Wenn etwas für Hunger, Elend und Kriege sorgen wird, dann ist es diese EU-Abzocke großen Stils. Ganz im Sinne von „Alle Menschen müssen gleich werden“ …… GLEICH ARM.
    Und da Ausnahmen die Regel bestätigen, sind die reichsten aller Familien von dieser Gleichmacherei ausgenommen.

    Eine (naive) Frage noch: Darf man das auch nicht mehr – gegen die Globalisierung sein? Denn schließlich ist diese kein Naturgesetz, wie uns von allen Seiten eingeredet wird. Und Du als Linker redest der Globalisierung das Wort. (???)
    Der ESM ist einfach nicht zu verteidigen, deshalb tut es keiner.
    Da nutzt die ganze künstliche „Verkomplizierung“ der Ökonomie gar nichts…… denn nur EINFACHES birgt Wahrheit in sich!!!!

    Ja, eins noch. Falls Demokratie jemals und für alle Beteiligten zufriedenstellend funktionieren sollte, dann nur in Nationalstaaten. Oder wagst Du Dich soweit vor und behauptest, die EU wäre demokratisch? Und komm‘ mir nicht mit den USA, denn diese wäre ohne den Dollar und stützenden Euro schon lange mausetot und aufgelöst in einzelne Bundesstaaten. So einfach ist das!

  5. Kohl hat die DM abgeschafft und den Euro eingebrockt.
    Die Leute werden übrigens nicht gegen den ESM aufgehetzt, sie wollen nicht immer ärmer werden, während die Politiker unser Steuergeld in den Süden verschenken.
    Wieso machen die USA keine Währungsunion mit Mexiko?
    Weil sie nicht verrückt sind, wie unsere Politiker.

  6. Ist es so schwer zu verstehen das die Länder der EU in denen der Euro kein Zahlungsmittel ist dennoch nicht unter Massenelend, Hunger, Aufständen und Krieg leiden ?

    Ist es so schwer zu verstehen das gerade diese Panikmache dazu führt das Kriege in Europa wieder denkbar werden ?
    Denn genau diese Panikmache liefert den moralischen Vorwand, Länder die sich nicht an der Eurorettung beteiligen wollen dazu zu zwingen.

    Angenommen die Finnen weigern sich die Schulden Griechenlands mit zu bezahlen – wenn das unweigerlich zu Massenelend, Aufständen und Krieg führt, ist es dann nicht moralisch gerechtfertigt Finnland militärisch zu besetzen um sie dazu zu zwingen ?

  7. Das interessante ist, daß Länder ohne Euro grade flexibler sind und schnell aus einer Wirtschaftskrise herauskommen.
    Schauen wir uns Island an. Das Land lag 2008 durch einen Bankencrash am Boden, aber man ließ die Banken pleitegehen und wertete die Krone ab. Durch die Kronenabwertung gab es einen Tourismus-Boom der viele neue Arbeitsplätze schuf und die Hauptwerwerbszweige Islands Fischfang, Export und Landwirtschaft begannen wieder Umsatz zu machen. Auch die Banken erholten sich schnell und refinanzierten sich selbst.
    So wächst Island heute wieder, die Arbeitslosigkeit sinkt und die Einkommen steigen.
    Daraus lernt man folgendes: Die Idee in einer globalisierten Welt als starrer und bürokratisierter Block zu überleben, ist Irrsinn. Grade die kleine, flexible Isländische Wirtschaft mit ihrer eigenen Währung kann sich besser aus Wirtschaftskrisen rausmanövrieren als ein im Euro-Block gefangenes Land. Ein kleines Schiff kann man auf einem Ozean schneller rumdrehen als einen riesigen, rostigen alten Ozeandampfer. Darin sind sich die Isländischen Liberalen mit den Linksgrünen einig. Im Gegensatz zu ihren kontinentaleuropäischen Kollegen verteidigen die Liberalen und Linksgrünen in Island vehement die eigene Währung und sind gegen einen EU-Beitritt.

  8. Nicht der Ausstieg aus dem Euro, sondern das dumme Beibehalten an einer Gemeinschaftswährung bei der man nicht mehr auf eigenen Faust seine Wettbewerbsfähigkeit durch Abwertung erhöhen kann ist die Ursache für Kriegsgefahr in Europa.

    Und möglicherweise werden diese Kriege Bürgerkriege sein:
    http://www.heise.de/tp/blogs/8/152817

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