Tote wie wir

Wir sind tot, aber wir tun so, als würden wir leben. Ja, das Herz schlägt, die Haut schwitzt, der Schwanz wird hart und die Möse feucht, wir fressen und saufen und scheißen, aber wenn der Tag vorbei ist haben wir wieder nichts von Bedeutung gemacht, haben wir wieder nur zwischen Tweedledee und Twidleledum gewählt und reden uns ein, dass Twedeledee nicht ganz so schlimm sei wie Twedledum. Nachts, wenn die Dunkelheit auf uns liegt wie eine schwarze Tuchent, schreckt mancher plötzlich hoch, aus dem Schlaf gerissen von Bildern der verdrängten Wirklichkeit, die sich in seinen Traum geschlichen haben, das Herz rast, er betastet die Matratze, „es ist nur mein Bett, ich bin hier, das Bett steht auf dem Boden meines Schlafzimmers und nicht auf einem Massengrab, in dem die Gebeine der Kinder liegen, die alle fünf Sekunden verhungern auf dieser Welt, es ist mein weiches Bett und nicht der verfaulte Kahn, der im Mittelmeer versinkt und Menschen in die Tiefe reißt, tausend Meter unter dem Wasserspiegel liegen die Körper, aber ich bin hier, das ist mein Bett, mein Schlafzimmer und keine Folterzelle, jetzt ein Beruhigungsmittel oder einen Schnaps und dann lege ich meine Hand um meine Frau oder wickele mich enger in meine Decke, ganz warm umfasst mich das Bettzeug, und morgen aufstehen und zur Arbeit gehen und über die Witze lachen, gehen ein Neger und ein Eskimo in eine Bar, und besonders laut lachen, wenn der Chef den Witz erzählt. Das Valium wirkt, alles wird gut“.

Wir sind tot, aber wir tun so, als würden wir leben. Bloß nicht an die Ströme von Blut denken, die für Jesus und Jahve und Allah und Bohrrechte fließen, nur ja vergessen, dass in Afrika Blumen für Saudi Arabien wachsen und Reis für China und Soja für Europa, rasch verdrängen, dass alle Politik nur mehr ein Kampf verfeindeter Schweinebanden ist, dass ein Verbrecher den anderen einen Gangster nennt, bevor sie zusammen die Beute aufteilen,  den Kopf leer machen von der manchmal aufblitzenden Erkenntnis, dass Krieg kommen muss auf einer Welt, deren endliche Ressourcen auf die unendliche Gier einer verrückten Wirtschaft prallen! Aufstehen, arbeiten gehen, Fließband, Montagehalle, Büro, Redaktion, immer die gleiche Scheiße, aber so tun, als wäre das wichtig, als wäre unser Leben interessant, als würden wir arbeiten um zu leben, obwohl es selbstverständlich genau andersrum ist. Nur nicht denken! Funktionieren, denn wer nicht funktioniert, wird ausgeschlossen, abgeschossen, verstoßen in Elend und Einsamkeit als abschreckendes Beispiel. „Reiß dich zusammen“, das ist alles, was wir den Strauchelnden, den Verletzten und den Blutenden zu sagen in der Lage sind, kein Trost, nirgendwo, Trostlosigkeit umgibt uns wie ein Nebel aus Feinstaub. Durchhalten! Wer nicht mehr kann, geht unter, also weiter schwimmen, irgendwo muss doch ein Ufer sein, aber da ist kein Ufer, wir schwimmen, bis uns die Kraft verlässt und wir einfach untergehen und in den Tiefen des Vergessens versinken.

Wir sind tot, aber wir tun so, als würden wir leben. Wären wir am Leben, hätte dieses Leben noch etwas Lebendiges an sich, dann würden wir schreien und um uns schlagen und uns Gewehre besorgen und Dynamit. Wir würden daran glauben, dass sich etwas ändern könnte, obwohl wir vielleicht wüssten, dass sich nichts ändern wird, aber wir, wir haben nicht einmal mehr den Glauben, haben keine Hoffnung, wir hören die Phrasen von der Alternativlosigkeit des Wahnsinns und nicken dazu demütig mit dem Kopf, gut abgerichtet wie wir sind. Tote wie wir hoffen nicht mehr auf ein besseres Leben, wir hoffen allenfalls noch auf das Weihnachtsgeld.

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4 Gedanken zu “Tote wie wir

  1. „und uns Gewehre besorgen und Dynamit“ … gilt vielleicht für jene, denen die Revolution nahe liegt.

    Manche sehen in der Evolution den besseren Weg. Und im Rahmen der Evolution sind auch kleine Schritte erlaubt.
    Die weniger schlimme „Schweinebande“ wählen, den Negerwitz bleiben und das Auto stehen lassen, einem Strauchelnden aufhelfen, eine Unterschrift und ein Mail pro Arigona, einen Euro für den mafiösen Bettler, weniger Wurst mehr Lokales …

    Natürlich ist das dem Revolutionär zu wenig, zu soft, zu langweilig, zu lächerlich und zu langsam. Der Gemässigte hingegen weiss, dass es ausreichend wäre, wenn acht Millionen Ösis sich in diese Richtung bewegten -denn selbst von diesen „Kleinigkeiten“ sind wir ja meilenweit entfernt.
    Ausreichend, um eben in einem lebendigen Zustand zu existieren …

    Die Vermutung eh schon tot zu sein, dient letztlich den Evolutionsverweigerern als Ausrede. „Was kann ich schon tun …“

  2. Wenn 8 Millionen Ösis sich in eine Richtung bewegen…
    Das hat wir schon mal, mit circa 78 Millionen Deutschen.

    Die meisten Revolutionen schlagen schnell in eine totalitäre Diktatur um. Die Alternative zum jetzigen System hatten wir ja bis 1989, komischerweise sind da nicht weniger Kinder in Afrika verhungert, es gab nicht weniger Krieg, nicht weniger Flüchtlinge.
    Und das obwohl es diese Alternative immer nur gut gemeint hat.

    Aber gut gemeint ist nicht immer gut gemacht, und nichts ist schlimmer als der Terror der Tugendhaften, die von Dynamit und Gewehren träumen um eine bessere Welt zu schaffen.

  3. Mann wo gibt´s das Zeug, dass Du Dir reingeworfen hast um so einen Groove Beitrag schreiben zu können? Hat Dir das Tom93 besorgt?

  4. najo, prinzipiell wissen wir vom dasein als meinungsfreie lohnsklaven alias zombies schon lange, nur mangelt es nach wie vor an alternativen, bzw. an logischen und vernünftigen vorschlägen, wie dem ganzen entgangen werden kann. nicht jeder hat den mut und die klugheit sich zu entsagen.

    goethe sagt: „Niemand ist mehr Sklave, als der sich für frei hält, ohne es zu sein. “

    Pfu

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