Drifting

Heute driftete ich ganz sanft durch Klagenfurt, durch die Spätherbstsonne, und alles schien leicht entrückt, als ob die ersten Wellen eines Acid-Trips über meinen Verstand rollen würden. Wunderschöne Studentinnen schwebten über den Asphalt, anders wunderschöne Frauen Ende 40 lachten in der Warteschlange vor der Supermarktkasse als wären sie Schulmädchen, und vor dem Supermarkt rasselten und ratterten die Dieselmotoren, die die Männer dieser Frauen gekauft hatten, weil diese Motoren so sparsam sind. Eine unausgesprochene, aber um so gültigere Übereinkunft schienen wir alle getroffen zu haben, dass wir immer noch Sommer hätten irgendwie nämlich, oder wieder Sommer nach den Nebeltagen im Klagenfurter Becken, in dem sich, wenn die Sonne nicht scheint, die Abgase der sparsamen Motoren sammeln und einem die Lunge schlimmer verkleben als 60 Zigaretten. Und ich glitt dahin und saugte Blicke und Ausblicke in mich auf, sah das gefallene Laub im Lendkanal treiben wie Tränen eines traurigen Baumriesen, der den Winter kommen spürt und sich zum Sterben bereit macht nicht wissend, ob sein fester Körper beim Wiedererwachen im Frühling von seiner oder einer ganz anderen Seele bewohnt werden würde. Ein Freund ruft an. Er hat schon seit Jahren nur mehr zwei Zähne im Mund und erzählt mir etwas vom Unglück der Reichen, die als Kinder nicht willkommen geheißen wurden auf dieser Welt und die daher unglücklich sein werden trotz ihres Reichtums, und ich muss daran denken, dass die vielleicht nicht glücklich, aber doch gut bezahnt sind, diese Reichen, während sich meine Zähne einer nach dem anderen verabschieden als wollten sie die Zusammenarbeit mit meinem Körper aufkündigen. Aber sie, die Zähne, machen das nicht schnell, sie nehmen sich Zeit, und das ist okay, noch könnte ich Steak fressen, wenn ich es mir leisten könnte. 600 Euro würde es kosten, den Zahn, der gegangen ist, zu ersetzen, eine unfassbar hohe Summe für mich, unbezahlbar, aber ich denke nicht an die Zeiten, in denen ich mir Lautsprecherboxen gekauft habe, die pro Stück mehr als doppelt so viel gekostet hatten wie so ein  Zahn, denn das war in einem anderen Leben,  in einem Leben, in dem ich noch glaubte, es würde so etwas wie eine Zukunft existieren und nicht nur das Interesse an Kochrezepten, die aus den billigsten Zutaten etwas Essbares machen können.

Ich gleite weiter durch die sonnige Stadt, doch die Sonne geht schon sehr rasch unter Ende Oktober, und wenn die untergeht, saugt sie die Menschen von den Straßen. Klagenfurt ist ohnehin eine Stadt, in der man sich oft fragt, wo denn all die Bewohner sein mögen, denn hier geht man nicht gerne ins Offene, hier ist man lieber in seiner Wohnung, in Sicherheit, geschützt durch Mauern, weil dort draußen im Freien, da ist man ungeschützt vor den Blicken der Nachbarn und es gibt nichts Wichtigeres als das, von dem man meint, die Nachbarn würden es über einen denken. Hier ist jeder sein eigener Blockwart und prüft ständig nach, ob er oder sie auch ja nicht auffällt, den auffallen dürfen nur die, die dafür bezahlen können. Wie seltsam diese Stadt doch ist! Wie winterlich, wie tot!

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4 Gedanken zu “Drifting

  1. Einfach nur treffend. Aber ich muss gestehen es hat auch Vorteile wenn die Straßen und Wege Menschenleer sind. Die die sich nicht scheuen, die die für sich leben sind ja eh zu finden, die die für andere Leben, sich daraus etwas machen was andere von Ihnen halten, die sollen ruhig hinter Ihren Mauern verweilen.

  2. Blogplus

    …….die, die für andere leben….. Solange man jung ist, ist es (mit Freunden) leicht, sich nicht um die Meinung der anderen zu kümmern….
    Ich glaube, dass lindwurm dies doppeldeutig gemeint hat. Erstens so, wie Du es verstehst und zweitens in etwa so: Der Mensch kann je nach psychischer und physischer Verfassung nur eine bestimmte Menge an ausgesprochener oder unausgesprochener Demütigung ertragen. Oftmals ist es sicher auch so, dass er sich seiner sozialen Lage schämt, weil er ein Bild eines repräsentablen Menschen verinnerlicht hat, das er von Hochglanzmagazinen abgeleitet hat und dem er so gar nicht (mehr) entspricht. Auch wenn er das vielleicht als einziger glaubt…..

    Das ist wirklich ein tödlicher …… wie soll ich’s nennen?….. „Mechanismus“, der die Menschen in die Isolation treibt.

    Trotz öfter mal größerer Differenzen wünsche ich dem lindwurm, er möge seine depressive Stimmung überwinden. Und sooo schlecht ist das Leben in Klagenfurt auch wieder nicht. Oder: Bei chronischem Nichtgefallen einfach woanders hin ziehen??

  3. @magellan: Ich hab das schon verstanden nur ist der Mitleid den ich geben könnte nichts wert und dadurch würde sich auch nichts ändern. Ich muss auch zugeben: Selbst verstecke ich mich manchmal in den vier Wänden um dem grauen Alltag zu entkommen aber ganz sicher nicht weil ich nicht auf Hochglanzmagazinen abgelichtet bin.

    Der Reflex den Sie da meinen der ist mir selbst nichts unbekanntes aber für solche Zwänge habe ich wenig Mitleid.

    Das Leben in Klagenfurt finde ich seeeeehr schön aber ich bin auch dankbar das es meine schlechte Stimmung, meinen Frust, den Frust anderer und deren schlechte Stimmung gibt denn nur so kommt Abwechslung rein.

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