Cortez The Killer und Verkehrsfunk

„Cortez The Killer“ im Autoradio, die Version von der „Live Rust“, die gegen Ende hin diesen unerwarteten Abstecher in die Karibik unternimmt, indem Neil Young zu reaggaeesken Gitarrenriffs den Jamaikaner macht („He came dancing across di water, man), und ich denke, dass Karl Fluch schon gerne zeigt, das er viele ganz doll komplizierte Wörter kennt, die er auch dann mal in eine Plattenbesprechung packt, wenn sie nicht viel Sinn ergeben, denn was bitte soll „subkutane Dynamik“ bedeuten? Mediziner wissen sicher, was subkutan ist, nämlich zum Beispiel das Fettgewebe am menschlichen Arsch, der gemeine Durchschnittsleser wird ein Wörterbuch zu Rate ziehen müssen. Oder, was wahrscheinlicher ist: Er lässt das bleiben und interpretiert „subkutane Dynamik“ ganz nach eigenem Gusto. Ich muss an eine Szene aus dem Lucky Luke-Comic „Auf nach Oklahoma“ denken.

„Verwenden Sie den Ausdruck INFAM nicht ein wenig oft? Seit sie ihn im Wörterbuch gefunden haben, nehmen Sie ihn immer wieder“. 

„Das ist ein hübsches Wort, zumal es die Leser nicht verstehen. Jeder kann sich dabei vorstellen, was er will“. 

Ansonsten ist gegen Karl Fluch aber wenig zu sagen. Er hat Musikgeschmack und kann sich zumeist gut ausdrücken. Ich lasse „Cortez The Killer“ von vorne beginnen und gleite über die Landstraße, hoffend, dass jetzt bloß nicht der Verkehrsfunk dazwischentrötet wie ein besoffener Jugendlicher, der im Kino den falschen Saal angesteuert hat, nun „Yo Tambien“ statt „Transformers II“ guckt und eine der rührendsten Sexszenen der Filmgeschichte mit Furzgeräuschen und höhnischem Kichern kommentiert. Der Verkehrsfunk, das ist hierzulande der Populärmusiksender Ö3, der sich mit Überlautstärke und gespielter Hektik mit Meldungen über Staus oder eben keine Staus dazwischenschaltet, ohne Rücksicht darauf, dass man gerade in etwas anderes völlig versunken ist, in ein interessantes Feature über eine im Exil verstorbene Lyrikerin zum Beispiel, in den Höhepunkt von Ravels Boléro, oder eben in „Cortez The Killer“. Sicher, man könnte diese Dreinquatschfunktion im Autoradio auch deaktivieren, aber ob der ungestörte Kulturgenuss es wert ist, ungewarnt in einen Geisterfahrer zu knallen, ist eine dieser schwierigen Abwägungen, die man im Leben treffen muss.

Der Text von „Cortez The Killer“ verlangt dem Hörer auch eine Entscheidung ab, nämlich die, ihn entweder schön oder fetzendeppert zu finden. Irgendwie ist er ja beides. Die wunderbare Musik nützt natürlich dem vom Künstler gewollten Eindruck, man habe es hier mit großer Lyrik zu tun, der nackte Text aber ist stellenweise unfreiwillig komisch mit seiner fast an Karl-May erinnernden Edle-Wilde-Romantik. Die Zeile „They offered life in sacrifice so that others could go on“ klingt für sich genommen ja noch okay, denn was wären Revolutionen, Widerstandskämpfe, Unabhängigkeitskriege, aber auch Krankenhäuser ohne Aufopferungsbereitschaft? Der Kontext jedoch rückt den Satz von einer allgemein akzeptablen Aussage hin zu einer idiotischen, denn es geht hier um Opferbereitschaft im Dienste religiösen Wahns, um die Entscheidung, sich Ermorden zu lassen, um die Götter gnädig zu stimmen, und damit komme ich nicht gut klar, das finde ich scheiße. Und historisch akkurat ist das auch nicht, denn zwar gab es das freiwillige Selbstopfer, aber die Azteken haben vorrangig Gefangene aus unterworfenen Stämmen rituell getötet. Nicht wirklich sympathisch. Aber die Musik macht alles gut. Die flimmernde Melodie, die sich ins Bewusstsein sägende Gitarre! Und natürlich ist der Text von einem Hippie für Hippies, also keinesfalls wörtlich zu nehmen, er soll nur Assoziationen wecken, lose Wegbeschreibungen anbieten für die frei durch alle möglichen Bilderwelten driftende Fantasie. Das kann er wirklich gut, der Neil Young. Nicht ganz so gut wie Bob Dylan, Leonard Cohen oder Robyn Hitchcock, aber dafür rockt der Mann (vor allem, wenn Crazy Horse dabei sind, die beste Begleitband der Welt).

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