Kultur des Todes

Der moralische Schluckauf, ausgelöst vom Euthanasieprogramm der Nazis, die den Kapitalismus als reine Kosten-Nutzen-Rechnung, unter die selbstverständlich auch menschliches Leben fällt, kenntlich gemacht hatten, scheint überwunden. Immer mehr Staaten dehnen ihre Krankentötungsprogramme auf immer mehr Krankheitsbilder aus. Allein zum Wohle der armen Patienten natürlich, die unter „unterträglichen Schmerzen“ litten, und diesmal vor allem vorangetrieben von „linken“ Parteien. Wie den belgischen Sozialisten, die nun eine Ausweitung der „Sterbehilfe“ auf Kinder und Alzheimerkranke anstreben. Die Kritiker, die vor zehn Jahren befürchtet hatten, dass die Legalisierung der Sterbehilfe für „unheilbar kranke Menschen mit unerträglichen Schmerzen“ in den Niederlanden der Fuß war, den die Inhumanität in die Tür unserer Zivilisation klemmte, sollten Recht behalten. In Holland gelten mittlerweile schon Demenz und Depressionen als „unerträgliche Leiden“, zu deren Beendung man die Todesspritze beantragen darf. Ich will keineswegs jedem, der Euthanasie befürwortet, absprechen, es gut zu meinen, allein: Die Absicht ändert nichts am Resultat. Auch viele Nazi-Ärzte waren davon überzeugt, nicht nur der arischen „Rasse“, sondern auch den Kranken und Behinderten einen Dienst zu erweisen, indem sie das „unwerte Leben“ auslöschten. Anders ist die nachgewiesene Übererfüllung des Plansolls an ermordeten Kranken durch die Ärzteschaft unter dem NS-Regime kaum nachvollziehbar, anders sind die vielen „wilden“ Euthanasien nicht zu verstehen. Der Gott zugeschriebene, aber von klugen Menschen erlassene Imperativ „du sollst nicht töten“ wurde zunächst abgeschwächt in ein „manchmal könnte Töten ganz okay sein“, bis dann das Töten zum Gebot wurde, wollte man „Gutes tun“. Nicht über Nacht wurden die Menschen zu Mördern, ihre Wertvorstellungen wurden langsam verändert und pathologisiert, bis dann der Arzt, der ein behindertes Kind tot spritzte,  sich ebenso wahnwitzig  verdreht im Dienste des Wahren und Guten tätig fühlte wie der SS-Scherge, der Juden ermordete.

Wer jetzt „Godwin´s Law“ ruft, hat nicht verstanden, wohin sich unsere Gesellschaften seit einiger Zeit erneut entwickeln, nämlich zu Orten, an denen nichts anderes zählt als der berechenbare Wert der Arbeitskraft, die anbieten zu können oberste Bürgerpflicht geworden ist. Wer diese Pflicht nicht erfüllen kann, der wird nicht mehr von Schlägern aus dem Haus gezerrt und im KZ vernichtet, es reicht völlig, ihm immer wieder vorzurechnen, wie sehr er den anderen auf der Tasche läge, wie sehr er „das System“ alleine durch seine Existenz belaste, um ihm dann, ganz zu seinem Wohl, die Möglichkeit zu geben, einen gnädigen Tod zu sterben, um Erben, Krankenkassen und Finanzminister besser schlafen zu lassen. Die Leute sollen dazu gebracht werden, sich selbst als überflüssiges Menschenmaterial zu sehen, dessen Daseinsberechtigung spätestens mit Antritt der Rente, immer öfter aber wesentlich früher erlischt. Man höre sich nur an, wie andauernd gegen die Armen und daher ökonomisch Überflüssigen polemisiert wird! Der Hass auf „unnütze Esser“ wird doch nicht zum Spaß geschürt, damit sollen zunächst einmal weitere Einschnitte am Sozialsystem vorbereitet werden und in Konsequenz die Absprechung der Existenzberechtigung für Gruppen, die weder in der Produktion zu gebrauchen sind, noch als Konsumenten viel taugen. Und wie gesagt: Diese Gruppen sollen ihre Auslöschung selbst veranstalten. Wie sonst könnte das ein Alzheimerpatient verstehen, als als Aufforderung zum Sterben, wenn er einerseits täglich mit Meldungen über die angebliche Unfinanzierbarkeit des Gesundheits- und Sozialsystems bombardiert wird und man ihm andererseits die „Chance“ eröffnet, diesem sanften Druck nachzugeben und um „Sterbehilfe“ zu ersuchen? Der an Alzheimer erkrankte bemerkt, dass er seinen Angehörigen und/oder dem Staat zur Last fällt, während er immer hilfloser und daher hilfsbedürftiger wird. „Doch das muss nicht sein“, flüstert die Sozialistische Partei Belgiens, „eine Spritze nur und deine Verwandten sind endlich frei und froh, dein Leiden an deiner Unzulänglichkeit, ja Unzumutbarkeit vergangen“. Was sie nicht so deutlich flüstern: „Und wir hätten dann wieder mehr Kohle für Bankenrettung und Rüstungsgüter, du blöder alter Schmarotzer“.

Wer nun meint, ich wüsste nicht, wovon ich schreibe, der sei daran erinnert, dass ich sowohl körperliche, als auch seelische Schmerzen höchster Intensität kennengelernt habe. Und ich war in der Situation, völlig von der Pflege durch andere abhängig zu sein. Als ich monatelang im Krankenhaus lag, immer wieder von brutalem Schmerz und tiefster Depression gepeinigt, da wollte ich trotzdem nicht sterben, und das lag nicht nur an meinem Überlebenswillen, sondern vor allem an den Pflegerinnen und Ärztinnen, die mich behandelten, und die mir noch die erniedrigendsten Situationen erträglich machten, weil sie, wenn zum Beispiel der frisch operierte Darm  seinen Inhalt in die Bettlaken ergoss, mich nicht „igittigitt“ rufend tadelten, sondern das völlig professionell und freundlich und mit einem Scherz auf den Lippen behoben. Wäre ich von  Ärzten und Krankenpflegern behandelt worden, die mir andauernd vorgerechnet hätten, wie viel Kohle das alles doch koste und dass das Geld doch sicherlich für kranke Kinder viel besser ausgegeben wäre als für mich, oder die mir dauernd gesagt hätten, wie schlimm mein Krebs doch sei und wie ekelhaft meine Scheiße im Leibstühl stänke, ja wenn sie nur lange genug derartig auf mich eingeredet hätten, ich hätte mich wohl zu einer Selbsttötung oder einer „Euthanasie“ überreden lassen. Doch die Kultur in unseren Krankenhäusern ist nicht so. Geht es nach den Vertretern des angeblich würdevollen Todes, droht diese Kultur der Verachtung für alles Kranke aber zurückzukehren, und dann gnade Gott allen, die nicht reich sind, denn auf die Gnade ihrer Mitmenschen werden sie dann nicht mehr hoffen können.

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