Augstein-Debatte: Unbewusste Antisemiten und alte Geschichten

In der aktuellen deutschen Antisemitismusdebatte geht es nicht darum, sich auf die Seite einer der beiden Hauptakteure zu stellen, auch wenn die Mehrzahl der Kommentatoren genau das macht, also entweder (und bei weitem mehrheitlich) hinter Jakob Augstein aufmarschiert und laut verkündet, der sei nun wirklich kein Antisemit, denn schließlich habe man bei ihm Zuhause weder die Protokolle der Weisen von Zion noch „Mein Kampf“ im Bücherregal erspäht, oder aber Henryk M. Broder zur Seite springt und mehr oder weniger originell dessen Argumentation wiederholt. Nun braucht aber keiner der beiden Fürsprecher. Broder ist intelligent und rhetorisch brillant genug, um sich selbst zu wehren, und der Multimillionär Augstein verfügt dank 25-Prozent-Anteil am „Spiegel“ und der Verlegerschaft des „Freitag“ über ausreichend Medienpower, um seinen Standpunkt zu vertreten und vertreten zu lassen. Durch die Personalisierung droht der wichtigste Aspekt der Angelegenheit in den Hintergrund zu rücken, dass nämlich das Simon-Wiesenthal-Zentrum Augstein auch stellvertretend für den Mainstream journalistischer deutscher „Israelkritik“, die sich seit vielen Jahren dadurch auszeichnet, dass sie gegenüber dem Staat Israel all jene Ressentiments und Klischees in Anschlag bringt, die, würde man „Israel“ durch „Jude“ ersetzen, lupenrein antisemitische Texte ergäben, in die Liste mit den schlimmsten antisemitischen und antiisraelischen Beleidigungen des Jahres 2012 aufgenommen hat. Augstein hat sich als der lautstärkste und wirkungsmächtigste Vertreter der pathologisch deutschen Unart etabliert, gegenüber Israel weit strengere Maßstäbe anzusetzen als gegenüber jedem anderen Land der Welt, Israel zu weit mehr aufzublasen, als es ist, zu einer „Gefahr für den Weltfrieden“ gar, für jede tatsächliche oder vermeintliche Fehlentwicklung im Nahen Osten stets nur Israel verantwortlich zu machen oder, wie es Augstein nachweislich tat, verschwörungstheoretisch in den Raum zu stellen, Israel sei von 9/11 über den Mohammendfilm bis hin zum Arabischen Frühling und amerikanischen Präsidentschaftswahlen ein weltweit mächtiger, ja fast allmächtiger Strippenzieher. Letzteres ist lupenreiner Antisemitismus und sollte auch von jedem, für den Antisemitismus nicht erst mit der Errichtung von Vernichtungslagern beginnt, als solcher erkennbar sein. Natürlich ist auch eine unsachliche, auf Delegitmierung abzielende „Israelkritik“ antisemitisch, denn selbst wenn es nicht ins traditionelle linke Weltbild passt, ist es historisch doch erwiesen, dass ein jüdisch dominierter Staat Israel das Einzige ist, das eine neue Shoah verhindern kann. Was Sonntagsreden und vermeintliche Zivilisiertheit wert sind, wenn es ernst wird, haben Jüdinnen und Juden oft genug erlebt, nämlich nichts. Der Staat Israel allein kann garantieren, dass Juden nie mehr ermordet werden, weil die angeblich so Toleranten und Mutigen dann plötzlich doch feige und tatenlos zuschauen, wenn die jüdischen Nachbarn verschleppt werden, und weil angeblich zivilisierte Staaten keine Visa für flüchtende Juden ausstellen wollen. Israel schützt durch seine Existenz und seine militärische Stärke nicht nur seine Bürgerinnen und Bürger (von denen bekanntlich nicht alle Juden sind), sondern alle Juden auf der Welt. Und wahrscheinlich macht genau das Leute wie Augstein wahnsinnig vor Wut. Juden als dem Wohlwollen von sich selbst als gut und gerecht empfindenen Menschen ausgelieferte Minderheit, das würde vielen gerade recht sein. Juden mit Staat, Knarre und Atombombe gehen aber gar nicht und sind dann ganz böse und gefährlich für einen fantasierten Weltfrieden, der sich vor allem dadurch auszeichnet, dass jedes Jahr Hunderttausende Menschen in Kriegen sterben, die die „Israelkritiker“ aber nicht interessieren, weil in diese Kriege keine Juden involviert sind.

Dass die Debatte eine personalisierte bleibt, dafür sorgt schon Augsteins „Freitag“, der nun einiges unternimmt, seinem Chef argumentativ zu helfen. Das versucht ein dort schreibender Wolfram Heinrich, indem er einen alten Broder-Text ausgräbt, von dem Heinrich glaubt, er sei  mindestens so „Israel kritisch“, wie die Ergüsse Augsteins.  Nun stimmt es zwar, dass das Archiv die Rache des Journalisten ist, aber halt nur dann, wenn der Journalist sein Handwerk beherrscht und zum Beispiel den Unterschied zwischen Kritik und Dämonisierung kennt. Heinrich erweist Augstein mit dem zitierten Text aus dem Jahr 1989 einen Bärendienst, denn Broder geht in dem seinerzeit im „Semit“ erschienenen Kommentar zwar hart mit der damaligen israelischen Politik ins Gericht, prangert Untaten von IDF-Einheiten an und kritisiert die Tendenz zur Wagenburgmentalität in der israelischen Gesellschaft, und das alles mit der für Broder typischen sprachlichen Schärfe und Lust an der Polemik, doch ist das eben wirkliche Kritik an wirklichen Vorgängen, keine Projektionen und Insinuationen, wie man sie bei Augstein findet, sobald der über Israel schreibt. Es macht einen großen Unterschied, ob man einzelne Aspekte israelischer Politik und Lebensrealität, wie scharf auch immer, hinterfragt, was ja durchaus erlaubt ist und was vor allem Juden und Israelis selbst machen, oder ob man Israel, den Juden unter den Staaten, zur Weltgefahr aufbauscht und damit nazistische Propaganda leicht modernisiert weiterführt. Das zu lernen wäre Aufgabe Augsteins und seiner Sympathisanten, und wenn die das mal kapiert haben, kann man wieder nett zueinander sein. Meine diesbezüglichen Erwartungen sind nicht allzu groß, denn beim Antisemiten, der sich selbst nicht als solchen sieht, blocken Abwehrreaktionen jeglichen Ansatz zur Selbsterkenntnis. Zum vom „Freitag“ veröffentlichen alten Broder-Text bleibt noch zu sagen: Menschen haben die wunderbare Eigenschaft, dass sie ihre Meinung ändern können, wenn sich die Realität geändert hat. Vor 23 Jahren konnte Broder noch nichts wissen von einem atomar aufrüstenden Iran, von der schrittweisen Ablösung der Fatah durch die noch extremere Hamas, von der Kompromisslosigkeit der Araber in den Verhandlungen, von der beispiellosen Terrorkampagne der „Zweiten Intifada“, von der Räumung des Gazastreifens, die Israel dadurch gedankt wurde, dass dieses Gebiet ein einziges großes Terroristenlager und eine einzige große Raketenabschussbasis wurde.  Und von der immer hurtiger voranschreitenden Verblödung und Barbarisierung der europäischen und amerikanischen Linken, die von einseitigen Schuldzuweisungen bis hin zu nazihaften „Kauft-nicht-beim-Juden“-Kampagnen reichen sollte.

Veröffentlicht von

lindwurm

Der Lindwurm aus Klagenfurt

6 Gedanken zu „Augstein-Debatte: Unbewusste Antisemiten und alte Geschichten“

  1. Augstein scheint zur Zeit unantastbar zu sein. ich habe zwei Mal im Standard Forum versucht einen Beitrag zu veröffentlichen, der ein Zitat von Augstein analysiert und demonstriert, dass ihn antisemitische Motive antreiben.
    Es wurde beide Male nicht veröffentlicht, obwohl viele andere Beiträge problemlos und schnell erschienen.

    Augstein, das sollten wir nicht vergessen ist auch ein mächtiger Mann mit viel Einfluss. Die Bereitschaft sich hinter ihn zu stellen ist bei vielen Journalisten, die im Lauf ihres Berufslebens möglicherweise einmal einen Job beim Spiegel anstreben könnten, viel größer als bei Grass, der in dieser Hinsicht viel weniger Macht besitzt.

    Diejenigen, die Augstein kritisieren und dafür sorgen, dass er nicht ganz ohne Schrammen davon kommt, sind ausländische Medien oder eben Blogger, die nicht von den Medien, die Augstein kapitalisiert abhängig sind.
    Und Augstein wird sich vermutlich ganz genau ansehen, wer bei der Zeit, bei der FAZ, der Frankfurter Rundschau oder auch dem Standard und der Presse auch brav Männchen macht.

    Insofern können wir unabhängigen Blogger uns davon überzeugen, dass es gute Gründe für uns gibt.

  2. israelkritik wird in israel geübt.es sind in der regel juden, die klar und scharf gegen bestimmte ungerechte, dem frieden schadende politische massnahmen opponieren die von der israelischen regierung ausgehen.ein land von der grösse hessens, von der ersten sekunde seiner existenz an aus allen himmelsrichtugen bedroht, ein land, in dem etwa 17% araber leben, ein land dem von verschiedenen seiten die existenzberechtigung ab gesprochen wird braucht solodarität.israel ist aus der asche des schlimmsten staatlichen verbrechens der geschichte entstanden.gut, dass es leute wie broder gibt, die genau hinhören. ausserdem hat der mann noch humor und mut. der linke antisemitismus ist besonders ekelhaft. von stumpfen nazis erwartet man nix.aber leute, die sich den antifaschismus auf die fahne geschrieben haben sollten klüger, genauer und geschichtsbewusster sein.
    shalom

  3. Passen zu den Reaktionen in Deutschland auf die Augstein-Debatte ein Beitrag von Wiglaf Droste:
    Sind so kleine Deutsche

    Wiglaf Droste

    Ich höre sie jammern,
    sie dürften als Deutsche
    in Deutschland nichts gegen
    Israel sagen.

    Das dürfen sie aber,
    es tun auch fast alle,
    und können dann nicht mal
    ein Echo vertragen.

    Das Ärgste an allem
    Germanengegreine
    sind das etwa Gallen-?
    Nein: Aug-Martensteine.

  4. „Seit dem Ausscheiden als freier Mitarbeiter veröffentlicht Droste regelmäßig in der Jungen Welt.“

    So stehts in Wikipedia.
    Die Linksradikalen/Antideutschen/Pro/Anti/Israel/Paliwoods sind doch alle verlogene Spinner, sowas wird auch nur in Deutschland finanziert.
    Augstein, Droste, Buurmann etc, wieso wandern die nicht endlich aus?
    Niemand würde sie vermissen.

  5. Warum Israel kritisieren? Weil es „das einzige demokratische Land“ im nahen Osten ist. Weil man erwarten kann dass eine Lösung gefunden wird. Das kann man nicht behaupten wenn man von China verlangt Tibet freizugeben. Das klappt in hundert Jahren noch nicht. Aber genau der ungeklärte rechtliche Status Palästinas und die Siedlungen auf Land, dass zwar rechtlich Israels sein kann (gewonnener Krieg, keine Grenze) aber gefühlt eben als palästinensisches Land wahrgenommen wird, ist eine ständig blutende Wunde die berechtigt Kritik an Israel hervorruft. Würde Israel endlich Palästina anerkennen und eine Grenze ziehen die nicht überschritten wird dann müsste man sich auf althergebrachte Stereotypen verlassen. Dummerweise liefert die israelische Politik eben auch genug berechtigte Kritik. Israel ist kein Kriegstreiber, das ist klar, aber Israel könnte einem großen Teil der Kritik den Wind aus den Segeln nehmen.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s