Das Kapsch-Prinzip

Wenn Industrielle etwas fordern, weiß man, welcher Sermon zu erwarten ist: Arbeitszeit rauf, Sozialstandards und Löhne runter, mehr Flexibilität (der Arbeitnehmer) und Deregulierung (bei den Arbeitnehmerrechten). Das ist so alt wie unoriginell, wird aber immer wieder gerne vorgetragen, sobald sich Zuhörerinnen finden. So fordert der Präsident der österreichischen Industriellenvereinigung, Georg Kapsch, eine Erhöhung der täglichen Höchstarbeitszeit auf zwölf Stunden, ohne sich zu schämen, denn er weiß ja, wie das so läuft in diesem Land: Er fordert zwölf Stunden, die Gewerkschaft sagt „njet“, man verhandelt und am Ende kommen elf Stunden raus. Kapsch zufrieden, Verhandler der Gewerkschaft zufrieden, Presse zufrieden, Arbeiter ausgequetscht. Das geht so lange weiter, bis ein paar Arbeiterinnen mal auf die Idee kommen, ein paar Kapschs abends zu besuchen und mit ihnen die Sache mit den Arbeitsbedingungen unter vier Augen und bezeugt von den Herren Heckler & Koch in Ruhe zu bereden. Danach ist die herrschende Klasse erfahrungsgemäß eine Zeit klang wieder ein bisschen vorsichtiger. Nicht, dass ich das gut fände, aber so ist es leider.

Womit der Herr Kapsch recht hat, ist die Sache mit der Überregulierung in Österreich. Nicht was Arbeitszeiten und andere Arbeitnehmerrechte betrifft, die sind echt schon flexibel genug, um auch noch den dümmsten Unternehmer Gewinn machen zu lassen. Nein, wirklich überreguliert ist das Gewerberecht. Es läuft etwas fundamental falsch, wenn eine Unternehmerin ein Cafe aufmacht, dort aber keine selbst gebackenen Kekse verkaufen darf, weil sie keine Bäckermeisterin ist. Nicht der Kunde und das Gesundheitsamt fällen also ein Urteil über die Kekse, sondern die Konkurrenz der Unternehmerin, die Bäckerinnung und die Wirtschaftskammer, und das ist im Wortsinn tiefstes Mittelalter. So lange es diesen überholten Gebietsschutz, diese zünftische Illiberalität gibt, braucht mir ein Herr Kapsch nichts von Überregulierung am Arbeitsmarkt zu erzählen. Da soll er mal besser den Unternehmermarkt deregulieren! Das, so meine ich behaupten zu dürfen, würde mehr Arbeitsplätze schaffen, als jene, die bereits einen Job haben, länger arbeiten zu lassen. Vielleicht entsteht ja sogar ein Arbeitsplatz, der dessen Inhaber ermöglicht, das Zeug zu kaufen, das ein Herr Kapsch produziert. Nur für den Fall, dass es Kapsch nicht wissen sollte: Seine Arbeiterinnen und Angestellten werden nicht mehr Kapsch-Zeugs kaufen, weil sie länger arbeiten. Wenn mehr Leute in Arbeit kommen, also zum Beispiel, weil die Kapsch-Arbeiter kürzer hackeln, ist die Chance schon größer, dass die Binnennachfrage steigt. Aber das ist nur so dahergesagt, besser wird es sein, wir wenden das Kapsch-Prinzip an und denken uns, Kapitalismus funktioniert so, dass man seine Arbeiter mehr und mehr auspresst und hofft, dass die weltweite Konkurrenz diese tolle und originelle Idee nicht hat. Ja, das ist sicher ein bisschen dumm und kurzsichtig, aber wer bin ich, die güldenen Ideen eines Präsidenten anzuzweifeln?

Veröffentlicht von

lindwurm

Der Lindwurm aus Klagenfurt

3 Gedanken zu „Das Kapsch-Prinzip“

  1. Makroökonomische Prinzipien, so einsichtig sie auch seien, durchblickt heute kaum noch jemand. Selbst wenn alle Unternehmer die Löhne soweit gesenkt haben, dass kurzfristige Wettbewerbsvorteile sich nicht mehr bemerkbar machen, und die negativen Auswirkungen auch die Geldbeutel der Chefs betreffen glaube ich nicht mehr, dass sich noch Einsicht einstellt. Das Prinzip der „schwäbischen Hausfrau“ wurde zum allgemeinen und einzigen Theorem der Wirtschaftswissenschaft weltweit. Nur so sind solche lächerliche Aussagen aus Regierungskreisen zu erklären wie „alle Länder müssen wettbewerbsfähiger werden“, oder „Leistungsbilanzdefizite sind schlimmer als Überschüsse“ (wohlgemerkt, nicht für ein einzelnes Land, Gesamtvolkswirtschaftlich!!!). Wenn es hart auf hart kommt denke ich wird auch der Liberale (und der Arbeiter sowieso) in der Masse wieder zu autoritären Lösungen tendieren.
    Grundlagen zu makroökonomischen Fragen kann man ja etwa bei Flasseck im Archiv http://www.flassbeck.de/Deutsch/Publikationen/Aufsaetze1999-2010.html , oder auf der neuen Homepage http://www.flassbeck-economics.de/ gut nachlesen. Meine Erfahrung allerdings: noch nicht einmal Sozialdemokraten und Gewerkschafter wollen sich damit länger beschäftigen, es ist viel einfacher den Moralischen zu machen, und auf “ die da oben“ zu schimpfen.

  2. ojeoje, bitte, lindwurm, nimm die 4-augen-sache raus.
    sonst kommt der shitstorm und der inhalt geht völlig unter.

  3. Mir fehlt ehrlich gesagt der Durchblick in volkswirtschaftlichen Belangen. Dennoch bin ich mir nicht sicher ob diese Forderungen nach Deregulierungen des Arbeitsmarkts nicht ihre Berechtigung haben innerhalb(!!) des derzeitigen (global vorherrschenden) marktwirtschaftlichen Systems.

    Ich will nicht dem Kommunismus das Wort reden, aber ich denke doch daß es 20 Jahre nach Ende des zurecht gescheiterten real existierenden Sozialismus‘ wieder an der Zeit wäre sich in breitem gesellschaftlichem Diskurs die Systemfrage zu stellen: Wollen wir wirklich in Zeiten des materiellen Überflusses (und womöglich bis in alle Zukunft) unsere Lebenszeit im Hamsterrad vergeuden?

    Ihrem Hinweis, daß die Arbeitgeberseite zuerst mal vor der eigenen Haustür kehren sollte, bevor sie sich der Arbeitnehmerschaft zuwendet, stimme ich zu.

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