Snowden, der Konsens-Spitzel

Ist euch, liebe Leserinnen und Leser, in der Sache Edward Snowden auch aufgefallen, dass nach Flutkatastrophe und Türkei-Demonstrationen schon wieder Volksgemeinschaft ist? Ein ganz großer Konsens einmal mehr, der von  unorthodoxen Linken zu den Rest-KPs, von Flüchtlingshelfern zu Polizeigewerkschaften, von den Grünen zu H.C. Strache, von Sozialdemokraten zu Katholiken, von Freigeistern zu den Kirchen, von jungen Bobo-Bürgerlichen zu deren rechtskonservativen Eltern, von Leitartikvollkotzern zu Feuilletonschönschreibern, von Facebookuserinnen zu den Piraten, von Unterschriftstellern zu Kulturschaffenden, von Muslimen zu Islamophobikern, von der Tea-Party zu manchen Demokraten, von CSU-Wählerinnen zu den Nazis und von den Nazis zu Jürgen Elsässer reicht.

Da stimmt doch was nicht.

Ein Berufsspitzel, der seinen Lebensunterhalt mit dem Ausspionieren anderer Leute verdient hat, bis er angeblich ein Damaskuserlebnis erleidet, wird zum Helden aller. Er hat nicht den Krebs besiegt, er hat keinen Welpen vor dem Ertrinken gerettet, er hat nicht einmal den Friedensnobelpreis gekriegt, aber alle lieben den Kerl und reichen kitschige Snowden-Parolenbildchen auf Facebook und Twitter aneinander weiter. Nun mag man sagen, dass dies kein Wunder ist in einer Welt, in der auch fast alle den Dalai Lama mögen, obwohl es sehr gute Gründe gibt, das nicht zu tun, und in der „Mutter Teresa“, die Todkranken Schmerzmittel verweigerte, zu einer sprichwörtlichen Heiligen avancieren konnte. Es ist wohl irgendwie Pop, seine eigene Ahnungslosigkeit Gassi zu führen, indem man ganz entsetzt und überrascht tut, wenn einer sagt, auch im Internet würde behördlich abgehört und spioniert, obwohl das wirklich jeder wusste, der sich in den vergangenen 20 Jahren nur ein klein wenig und ganz oberflächlich mit dem Netz und mit den Geheimdiensten befasste, und dann den Verkünder dieser seit langem bekannten Tatsache als größten Aufklärer seit Jahrzehnten abzufeiern. 

Seit vielen Jahren rüsten die Dienste großer und mittelgroßer Mächte ihre Cyberabteilungen massiv auf. Die machen das gleiche, das mit anderen Mittel immer schon gemacht wurde: Freund und Feind aushorchen, Industriegeheimnissen hinterherschnüffeln, mit gefälschten oder auch richtigen Informationen und durch deren gezielte Veröffentlichung Einfluss nehmen, Handelsabkommen befördern oder hintertreiben, reale Kriege  vorbereiteten oder verhindern und so weiter und so fort. Spionagekram as usual. Weshalb also die große Aufregung? Weil sich jeder ein bisserl zu wichtig nimmt und befürchtet, die NSA würde es gerade auf ihn abgesehen haben und ihm durch die Webcam beim Wichsen zuschauen? Weil das von Angela Merkel so putzig benamste „Neuland“ vielen doch neuer und daher unheimlicher ist, als man dachte? Weil wir mit den Füßen aufstampfen und schreien: „Wanzen sind ja okay, aber beim E-mail hört der Spaß auf“? Oder geht es, einmal mehr, bloß darum, dass wir es nicht mögen, wenn sich der mächtigste Staat dieser Welt auch als solcher aufführt? Mir persönlich ist die NSA nicht unangenehmer als ihr russischer/chinesischer/deutscher/französischer Gegenpart. Sie alle spielen ihre Machtspiele und sie alle möchten dabei im Dunkeln bleiben. Wir wollten das ja, sonst hätten wir die entsprechenden Politikerinnen nicht gewählt. Wir verlangten ja, dass unsere Herren und Meisterinnen gewählten Volksvertreter uns vor dem terroristischen Bi-Ba-Butzeman beschützen, und dafür haben wir mehrheitlich begeistert Freiheiten und Rechte ebenso geopfert wie zivilisatorische Standards. Wer nicht völlig dämlich war, musste wissen, dass der War on Terror ohne Grundrechtseingriffe, Totschießen per Joystickdrohnen und Folter nicht zu haben ist. Das war uns aber mehrheitlich egal, denn Angst ist menschlich, und da draußen schleicht ja tatsächlich ein Bi-Ba-Butzemann ums Haus herum, der schon mal Flugzeuge in Hochhäuser schmeißt, wenn die, die im Hochhaus wohnen oder arbeiten, nicht dasselbe glauben wie er.

Ich weiß auch nicht, was den Herrn Snowden antreibt. Ehrliche Empörung über seinen bisherigen Lebensunterhalt? Der Drang nach Ruhm? Zahlungen aus Moskau oder Peking? Es ist letztlich egal. Er hat öffentlich gemacht, was nie wirklich ein Geheimnis war, und wird dafür von den einen mit Strafe bedroht und von den anderen als Hero gefeiert. Das ist das eigentlich Seltsame am ganzen Zirkus, dass wir nämlich sehen: Die  Geheimdienstwelt ist genau so schäbig und kindisch, wie man sie sich immer vorgestellt hat, und die Staaten verhalten sich wie pubertierende Rotzbuben zueinander. Wenn keine Menschen Schaden nehmen würden, könnte man herzlich darüber lachen.

 

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8 Gedanken zu “Snowden, der Konsens-Spitzel

  1. Ja, Lindwurm, „da stimmt tatsächlich etwas nicht“, bezüglich der von dir erkannten „Volksgemeinschaft“, die hier nämlich die Gemeinschaft von Menschen und weniger von Volk ist:
    Der Verursacher ist nicht der Snowden!
    Der Weltspitzel, die Welt-IM, sind USA und GB, und wer DABEI als IM mit heruntergelassener Hose in der Welt erwischt wird, darf sich nicht wundern, wenn alle das eigentlich in der Hose „Versteckte“ und nun Bloße bekiecken und zwangsläufig dazu die gleiche Perspektive einnehmen.
    Gesichtsverlust ist immer auch Sichtverlust und damit Gesichtsverzicht, und das hilft nicht beim Regieren der Welt.
    Diese von dir erwähnte „Gemeinschaft“ von politisch Links bis über das ganze Spektrum weiß offenbar – im Gegensatz zu dir – sehr genau, WAS DEN SNOWDEN ANTREIBT, nur du tust so, als hättest du nicht kapiert was da passiert….

  2. Warum fragt eigentlich keiner, mit welchem Recht die USA die Auslieferung eines Menschen verlangen, der sich nach den Gesetzen des Landes, in dem er sich aufhält, gar nicht strafbar gemacht hat?
    Wär‘ doch was, wenn Russland die Auslieferung von Exilrussen, die für die USA spioniert hatten, fordern würde. Wer sich da an den Kopf fassen will, findet hoffentlich auch einen.

  3. Für mich hört sich das so an, als würdest du dich darüber aufregen, dass das Thema zum Mainstream geworden ist…der ganze Aufsatz liest sich doch wie „Ja, Überwachung, ICH habe natürlich schon vor Jahren darüber Bescheid gewusst“…Durch Snowden ist erst eine Araweness entstanden, und klar sind alle bei Verstand (und in Opposition) gegen Überwachung…ist doch logisch

  4. schau, fragesteller: der snowden ist us-amerikaner und hat etwas gemacht, was dort nicht ok ist – geheimnisverrat oder so ähnlich.
    diesen verrat kann man nicht nur in den usa machen. alles klar?
    das gibts natürlich nicht nur bei den amis.

    anfangs schien es mir gut, dass das thema überwachung so stark an publizität gewinnt. die amis kennen da ja wirklich kaum grenzen (wie auch die chinesen, russen, und andere keine kennen)
    ein spotlight auf dieses thema kann nicht schaden.

    aber die story hat einen anderen spin gewonnen.
    solche lindwurm-werke sollten ein breites publikum haben.
    sie könnten eine aufklärende wirkung haben, die sehr notwendig ist.

  5. Naja. Ohne richterlichen Bescheid die Daten ausgeliefert zu kriegen, soll ja in manchen Ländern noch nicht so selbstverständlich sein und wäre wohl doch ein Skandal. Was einen nervt, ist es ausserdem von fremden Staaten überwacht zu werden, vor allem wenn man nicht in dem grandiosen Land lebt, das sowas machen darf. Sowas stinkt. Ich will nach Amerika und das Gefühl der Macht genießen. Und dann sammel ich Handfeuerwaffen wie Pokemons, lass sie aber eingeschweißt an der Wand hängen. Weil ich das kann. Mist, ich will dort leben.

  6. ach, snowden selbst ist ja eigentlich wurscht und er steckt jetzt so oder so in einer unangenehmen situation (ich weiß es ja nicht, aber ich glaub nicht dass es im moskauer flughafen auf die dauer bequem ist, wenn man zudem noch seine exkollegen an der backe hat).
    die debatte ihrer jetzigen form kommt meiner meinung nach aus verschiedensten gründen den verschiedensten leuten nur allzurecht: 1. dumme ausländer; 2. verletzter nationalstolz (wir allein spionieren unsere normal bürger aus); 3. ablenkung vom komplettversagen des eigenen geheimdienstes/verfassungsschutzes (stichwort nsu);

    netter kommentar hierzu: http://kurzvorhalb.wordpress.com/2013/07/03/uberwachung-2-0/

  7. @tom93 Juli 3, 2013 um 8:43 nachmittags
    „aber die story hat einen anderen spin gewonnen.
    solche lindwurm-werke sollten ein breites publikum haben.
    sie könnten eine aufklärende wirkung haben, die sehr notwendig ist.“
    Fragen dazu, da als Fragen und leider nicht als Antwort provoziert:
    – Welchen „anderfen Spin“ meinst du? Es gibt so viele Möglichkeiten …
    – Was meinst du mit „Lindwurm-Werke“? Seinen obigen Text, oder dieser samt der Kommentare – beides als „Lindwurm-Werk“ anzusehen, wenn das eine davon wohl von ihm weder beabsichtigt noch erwünscht war …
    – Wie 2Breit“ sollte denn das Publikum nach Snowden noch werden, um nachDenken zu fo(ö)rdern? So breit, daß es selber „breit“ ist, besserer so „b(e)reit“, daß alles hingenommen wird, was einige Dollarbesitzer nur kraft dieser Wassersuppe in die Lage versetzt, so alles gemeinwohlfrei auf die Welt herabzuschütten?
    Wenn Welt die Schüssel umdreht, kommen die Datenschütt(z)er selbst in Bedrängnis, was dann, wer sammelt und schützt dann?
    Niemand ist in der Lage, frei und „unabhängig“ von anderen auf der Welt zu leben – DAS sollte zu leben sein, da es sonst wider der Natur geht, widernatürlich Kultürliches schafft, das sich letztlich deshalb selbst abschafft…

    So gesehen: Ja, gebe ich dir recht, „solche lindwurm-werke sollten ein bereites publikum haben“, und kein breitgeklopptes Datensteak

  8. Lindwurm, so langsam kommst Du nach einer längeren Durststrecke wieder in Form. Das freut mich sehr! Guter Artikel!

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