Femen: Old men afraid of tits

Etwas scheinen die Femen ja richtig zu machen. Wer von Islamisten, rechtsextremen Islamhassern, linken Korithenkackern, russischen Oligarchen-Mafiosi, christlichen Frauenfeinden und Teilen der feministischen Orthodoxie gleichermaßen gehasst wird, kann so falsch nicht liegen. Alles, was autoritär und brutal ist, ist sich darüber einig, diese Frauen zu verachten. Deswegen finde ich Femen gut. Natürlich ist es die volle Absicht der Femen, symbolstarke Bilder und Situationen zu erzeugen, aber wer wollte das ausgerechnet einer aktionistischen NGO zum Vorwurf machen? Und hey, bei mir zumindest funktioniert das, obwohl ich weiß, dass es kalkuliert ist. Wenn ich sehe, wie eine 1,60 Meter kleine Frau von einem durchtrainierten Riegel aus Putins Leibwache in den Polizeigriff genommen und zu Boden gedrückt wird, nur weil sie halb nackt protestiert hat, dann brauche ich keine Ideologiekritik um zu wissen, dass das falsch ist. Jeder Mensch, der noch nicht so krank ist, reale Gewalt gegen Frauen geil zu finden, findet das falsch. Und wenn ich sehe, wie Frauen in Handschellen vor ein tunesisches Gericht geschleift werden, wo sie inmitten von Uniformierten darauf warten, verurteilt zu werden, bloß weil sie ihren Körper hergezeigt haben, weiß ich ebenso, dass das falsch ist. Das ist ja das Verdienst der Aktionistinnentruppe, dass sie die Gewaltverhältnisse sichtbar macht, so sichtbar, dass sie wirklich jedem, der noch über eine nicht pervertierte moralische Grundausstattung verfügt, einleuchten. Männer wenden Gewalt an, lassen Leibwächter und Polizei und Staatsanwälte und Richter von der Kette, nur weil Frauen ihren Körper zeigen. Das demonstriert, wer auf dieser Welt die Macht hat, zeigt den wahren Charakter dieser Macht und führt uns vor Augen, dass Befreiung nicht geht, so lange Frauen unfrei bleiben. Das ist nicht neu, aber so aktuell wie je. Die Aktionen der Femen und die Reaktionen darauf lehren uns zu verstehen, dass es in den vergangenen 30 Jahren einen internationalen konservativen Rollback gegeben hat, der viel mit dem Comeback der Religionen und dem Zurückweichen sozialistischer, antiautoritärer, libertärer und anarchistischer – kurz linker – Ideen zu tun hat. Und am stärksten spüren das Frauen, ob man sie nun in Pakistan für das Verbrechen des Universitätsbesuchs ermordet oder sie im angeblich freien Westen einem mörderischen Stress aus sexistischen Schönheitsidealen und Ausbeutung aussetzt.

Ich kenne die Einwände, die nun kommen werden. „Aber die unsäglichen Holocaustvergleiche. Und das Vorschicken möglichst hübscher junger Frauen. Das ist doch auch wieder doof und sexistisch“. Nö, ist es nicht. Femen wissen um die Funktionsweise der Medien, sie wissen, wie Pressefotografen ticken. Und sie wissen, dass unsere Medienwelt nur ein Spiegel der Machtverhältnisse ist. Machtverhältnisse, die festgelegt werden von Männern, geilen Männern, verklemmten Männern, autoritären Männern, alten Männern, die wenig so sehr fürchten wie lebendige Frauen, die sich nicht gehorsam vor dem Playboyfotografen entkleiden oder vor dem mächtigen Ehemann den Tschador ausziehen, sondern den Zeitpunkt und den Ort ihrer Entblößung selber festlegen. Das beraubt diese Männer der Verfügungsgewalt über die weibliche Nacktheit, und deswegen toben sie vor Wut. Hier wird der alte feministische Slogan „mein Körper gehört mir“ tatsächlich umgesetzt, teils unter Lebensgefahr, was Femen zu einer lupenrein emanzipatorischen Bewegung macht. Und was den Vergleich der Prostitution mit dem Holocaust betrifft:  Das geht natürlich nicht, aber sieht man die Situation von Frauen und Mädchen mit offenen Augen wird man nicht umhin können zuzugeben, dass gegen Frauen seit Jahrtausenden mörderische Gewalt verübt wird, teilweise kalt geplant und systematisch. Nimmt man diese ganze Gewalt, nämlich die keineswegs nur islamischen „Ehrenmorde“, die in Afrika immer noch stattfindende Ermordung von „Hexen“, das gezielte Abtreiben weiblicher Föten in China, die Ermordung weiblicher Säuglinge in Indien, das immer wieder vorkommende Abschlachten weiblicher Verwandter im Westen („Familientragödien“), die gezielte sexuelle Gewalt mit Todesfolge in Kriegen, das Umbringen unangepasster Frauen im Faschismus und so weiter und so fort, dann erscheint es nicht mehr sonderlich übertrieben und unpassend, von einem Massenmord zu reden, vor allem dann nicht, wenn die historische Perpetuierung mitgedacht wird.

Die Femen sind vielleicht nicht die intellektuellste und vornehmste Form des Widerstands gegen unzumutbare Lebensbedingungen, aber sie sind wichtiger und pointierter, als so manche Traditonslinke es wahr haben wollen. Die zwischen offener Repression und altvaterischem Lächerlichmachen pendelnden Reaktionen auf das mit politischem Anspruch aufgeladene Herzeigen von Brüsten beweisen, dass wir immer noch, und zwar auf der ganzen Welt, im Patriachat leben. Männer regieren und die Männer, die gerade nicht regieren, wollen Regeln festlegen dafür, wie der Widerstand gegen diese Herrschaft auszusehen habe. Die Femen kritisieren erstere  fundamental und durchbrechen die Beschränkungen, die die oppositionellen Männer ihnen auferlegen möchten. Lou Reed hat einmal die reaktionärsten und verabscheuungswürdigsten Gestalten als „old men afraid of young tits and dicks“ gekennzeichnet. Ich denke, er hatte recht.

Veröffentlicht von

lindwurm

Der Lindwurm aus Klagenfurt

7 Gedanken zu „Femen: Old men afraid of tits“

  1. „…nur weil Frauen ihren Körper zeigen…“ Ich hab‘ was besseres:
    „…nur weil sie in einem Thailaendischen Tempel vor jungen Moenchen gevoegelt haben…“ Der Autor benutzt Woerter wie geil, verklemmt, pervers und eine Menge liberales Gelabere als scheine die Sonne aus seinem scheinheiligen, selbstgefaelligen Hintern. Er selbst ist es, der sich mit seinem verbalen Durchfall auf der Freudschen Couch erleichtert .
    Kennt er auch Begriffe wie Respekt, Pietaet, Selbstachtung, Tradition und kulturelle Institutionen, welche die Grundlagen der Gesellschaften darstellen? Wohl so ein Fall von „gebildeter Bloedheit“.

  2. Lindwurm, ich danke für diese einleuchtende Erklärung der Aktionen, die ich bisher auch nicht so ganz verstanden hatte. Ratlos dachte ich: Was bringt es denn, nackt überall aufzutauchen – aber nun versteh ich die Absicht. Hast recht. Die Femen trauen sich was!

  3. Dieser Artikel beginnt schon mit einem Ressentiment in der Überschrift. Klar, es können nur alte Männer sein, die Angst vor Titten haben. Die Sexualität der Alten ist mit einem Tabu behaftet, deshalb projiziert man: die Alten sprechen ein Sexualtabu aus.
    Ansonsten sei durchaus zugestanden, dass Femen eine der wenigen feministischen Gruppen ist, die auch offensiv Kritik am Islam üben. Keine große Kunst, Frauen wie Seyran Attes, Güner Balci und Ayaan Hirsi Ali tun das seit langem. Dennoch, wo Femen sich dem Islam entgegenstellen, ist das mutig.

    Aber ansonsten? Man mag die martialische Ikonographie ja noch als typischen pubertären Revolutionsgestus abtun. Wer angesichts des Lobes von Alice Schwarzer für Lorena Bobbit, oder der lockeren Diskussion über das Abschneiden von Eiern in einer Talkshow 2011 Jahr dann nicht hellhörig wird (man sehe sich das hier an, nach der zugegeben unglaublich dummen Einleitung irgendeines Maskulisten http://www.youtube.com/watch?v=nrvDhSB7GHk), der hat meines Erachtens dennoch etwas verpasst.

    Bei Aussagen wie der folgenden sehe ich nicht, wie man weiter über „Old men afraid of tits“ schwadronieren und kann, auch wenn das nur Habitus sein sollte geht es jeden etwas an:

    „… Ich weiß es nicht genau, vielleicht 2017, genau hundert Jahre nach jener russischen Revolution, die die Zarenherrschaft beendete. Wenn es so weit ist, müssen wir kämpfen. Dann wird wieder Blut fließen. Die Revolution wird brutal.
    ZEIT ONLINE: Wessen Blut?
    Schewtschenko: Das der Männer“.

    Überhaupt ist die auch hier im Artikel geführte Rede von der Herrschaft der Männer unglaublich kurzsichtig. Sie unterschlägt das Einverständnis und die Mittäterschaft von Frauen ebenso, wie sie ignoriert, dass, wo Frauen auch nominell herrschten, es kaum je besser aussah als dort wo Männer herrschten. „Schwanz ab, Schwanz ab, runter mit der Männlichkeit“ mag in einem Popsong ganz lustig klingen, reale Herrschaftsverhältnisse werden aber ausgeklammert. Vielleicht ist das Problem weniger die Männlichkeit, als die Herrschaft?

    Gegen einseitiges Denken empfehle ich eine Lektüre von Salman Rushdies Mitternachtskindern…

    Zuletzt, was ist progressiv am Feindbild Mann, wie es die Femen unter Gewaltandrohung vertreten? Schon die Temperance-Bewegung kannte das Feindbild des White-Heterosexual-Male, der den ganzen Tag säuft und seine Familie und Kinder vernachlässigt (das Konzept wird gerade von Erdogan in der Türkei wieder auferlebt), und auch die Sufragetten taten ihr Bestes, damit das Blut der Männer fließt: http://en.wikipedia.org/wiki/White_feather#World_War_I

  4. Ja genau, die Geschichte des Feminismus – ein einziges Blutbad. Lol. Das ist eigentlich so jenseitig, dass man darauf gar nicht weiter eingehen sollte. Du postulierst eine Gefährlichkeit anhand einiger provokanter Sprüche und willst das auf ein Stufe stellen mit dem ganz realen Frauenumbringen und Frauenunterdrücken, das weltweit stattfindet.

  5. ich habe keine Lust diese Diskussion in Unterstellungen ausarten zu lassen.
    deshalb stelle ich nur für alle mitlesenden klar:
    die Behauptung, dass die Geschichte des Feminismus ein einziges Blutbad sei wurde von mir nicht getätigt.
    Es wurden auch nicht so genannte provokante Sprüche mit dem realen Frauenumbringen auf eine Stufe gestellt.

    Ich habe darauf hingewiesen, dass die hier diskutierte Gruppe pauschal und offen den Mord von Männern fordert. Das Zitat spricht für sich, wer russisch spricht findet noch mehrere. Ich verstehe nicht wirklich, darum man ausgerechnet diese Gruppe unterstützen sollte, des weiteren, warum man alle Kritiker pathologisiert.
    Es gibt gute Gründe Femen nicht sonderlich toll zu finden, oben habe ich nur einige genannt (einige mehr habe ich früher schon hier angeführt:http://maedchenblog.blogsport.de/2010/03/24/femen-ukrainische-girl-power/#comment-39841).

    Nimmt man etwa die Androhung der Gruppe nicht ernst? Ich bin es von dem Lindwurm gewohnt, dass er sich einer Sache nicht aufgrund des Spektakels verschreibt. Femen ist entweder das, ein Abfeiern des Spektakels, so wie die Che-Guevara Shirts der einschlägigen Linken, oder eben eine anzunehmende Gruppe. Dann sind auch ihre Ziele ernst zu nehmen. Ich sehe eigentlich nur eine Möglichkeit, Femen weniger kritisch gegenüber zu treten als anderen so genannten revolutionären Gruppen.

    Und die wäre, tatsächlich, unglaublich sexistisch…

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