Typisch Amis?

Wenn Edward Snowden etwas erreicht hat, dann nicht die Aufklärung einer angeblich unwissenden und unschuldigen Welt über die ach so überraschende Gewohnheit von Spionen, zu spionieren, sondern eine massive Verstärkung der Vorurteile jener Leute, die entgegen aller Evidenz die USA immer schon als Hort der Unfreiheit und der außer Rand und Band geratenen Sicherheitsbehörden empfunden haben. „Da sieht man´s mal wieder, so sind die Amis“, geht das kollektive Raunen durch Blätterwald und Eckkneipe, ein Raunen, das jene gerne zur Massenempörung anschwellen sehen würden, die ein echtes Interesse an einem schlechten Image der Staaten haben. In China lacht sich ein Parteibonze, der eben mal ein paar tausend Menschen per Federstrich in ein Arbeitslager geschickt und ein paar hundert andere zum Tod durch Genickschuss verurteilt hat, vermutlich gerade tot angesichts der Stimmung weiter Bevölkerungskreise in Westeuropa, wo das vermeintliche Wissen über Amerika vornehmlich aus amerikanischen Paranoiathrillern stammt, die, nebenbei bemerkt, extra für die eher wenig gut gebildeten US-Bürger gemacht werden, die Yokels abseits der großen Städte, die hinter allem Unbill des Lebens nie die eigene Beschränktheit, aber umso öfter Verschwörungen finsterer Anzugträger in Washington, New York oder L.A. vermuten und daher willig ins Kino laufen, wenn ihre Sicht der Dinge dort bestätigt wird. Diese Rednecks sind mit ihrem oft genug antisemitisch grundierten Verfolgungswahn jenen Figuren überraschend ähnlich, die sich in Europa als Intellektuelle fühlen, sobald sie Schlechtes über Amerika reden oder schreiben. Als Intellektueller fühlt sich bei uns auch der, der sagt oder schreibt, was das Publikum hören mag. Und so ist ja der Mainstream hierzulande, ganz egal, ob rechts oder links, im Zweifel gegen Amerika, und in dieser Gegnerschaft kann man sich treffen, politische (Schein)Gegensätze überwinden und mit dem inneren Barbaren Frieden schließen. Das macht verständlich, wenn Menschen, die sich für links halten, Geschirrtücher für die Hisbollah stricken, wenn angebliche Progressive Spenden für den Djihad sammeln und wenn vorgebliche Fortschrittliche jeden mit ihren fair produzierten Palästinenserschals am liebsten erwürgen würden, der nicht einstimmt in das antiameriikanische Geheul.

Ähnlich ressentimentverstärkend wirkt derzeit auch der Fall um George Zimmerman, der in Florida im Zweifel vom Vorwurf, er habe Trayvon Martin absichtlich erschossen, freigesprochen wurde. „Rassismus“ schallte es fast einhellig aus europäischen Zeitungskommentaren, obwohl keiner der Kommentatoren beim Prozess dabei gewesen ist. Ich war auch nicht dort, ich habe keine Ahnung, ob die Geschworenen rassistische Motive hatten, ich weiß nur, dass in diesem Prozess einer der wichtigsten strafprozesslichen Grundätze überhaupt zur Anwendung kam: „Im Zweifel für den Angeklagten“. Dieser Grundsatz ist mir so wichtig, dass es mir lieber ist, es laufen ein paar böse Jungs frei herum, als dass Unschuldige im Knast verrotten. Ja freilich wird der Mann auch einen guten Anwalt gehabt haben, womit wir zum nächsten antiamerikanischen Klischee kämen: Ohne guten Anwalt sei man vor US-Gerichten verloren. An dem Klischee ist sogar was dran, nur: Das ist wirklich keine exklusiv amerikanische Party. Wer sich in Österrreich keinen Anwalt, geschweige denn einen guten leisten kann, muss  hoffen, nie vor ein Strafgericht zitiert zu werden, und den ganzen zivilrechtlichen Kram von Nachbarschaftsstreitigkeiten über Bekämpfung von Verleumdung bis zum Einklagen einfachster Rechte kann man sich auf eine Postkarte ans Christkind malen (es sei denn, eine Gewerkschaft, eine Kammer oder eine NGO springt für einen ein). In den USA ist der Zugang zum Recht in vielen Fällen leichter und barriereärmer als in Europa.

Auch das Bild vom bösen brutalen Cop, das wir aus so vielen Filmen zu kennen meinen, hat mit der amerikanischen Realität nicht sehr oft etwas zu tun. Wer in den USA war wird häufig davon berichten können, dass die dortigen Polizisten meist sehr höflich, sehr korrekt und sogar freundlich sind. Klar gibt es auch dort Polizeibrutalität in allen Facetten, aber tendenziell sind die US-Bullen doch weniger willkürlich und bürgerfeindlich als bei uns. Es ist in Amerika zum Beispiel die Regel und nicht die Ausnahme, dass Polizisten friedliche Kiffer einfach in Ruhe kiffen lassen, statt sie zu belästigen. Viele US-Bundesstaaten sind in Sachen Cannabis-Liberalisierung viel weiter als das angeblich fortschrittliche Europa, wo, von wenigen Ausnahmen abgesehen, der Konsum einer völlig harmlosen Spaßdroge nach wie vor mit allem, was die Schikanegesetze  zwischen Inhaftierung und Führerscheinentzug hergeben, bestraft wird. Nicht überall in Amerika geht es diesbezüglich locker zu, aber doch an erstaunlich vielen Orten, und es sind dort keineswegs nur die „Liberals“, die die Prohibition durch einen vernünftigen Umgang mit Rauschmitteln ersetzen wollen. Auch viele Republikaner finden das rational und setzen sich für die Entkriminalisierung ein, denn, und jetzt müssen Amerikahasser tapfer sein, es gibt unter Republikanern Politiker, die weiter links stehen als jeder ihrer europäischen Kollegen und es gibt unter Demokraten heftige Rechtsblinker. Und Unabhängige gibt es auch noch, teils ganz ganz linke und ganz ganz rechte. Und was ein weiteres Vourteil betrifft, nämlich jenes, dass die Amerikaner prüde seien: Wer das ernsthaft meint, der sollte mal die Folsom Street Fair besuchen gehen! Und danach soll er noch einmal was von den prüden Amis daherreden! Die Vereinigten Staaten von Amerika sind verdammt groß und verdammt vielfältig, aber an vielen Orten dort kann man eine Ahnung davon bekommen, warum John Mayall seinen ersten US-Aufenthalt so besang: „The cops were in their cars but the never bothered me / A new magic world, I never felt so free“.

Also eh alles super in Amerika? Na sicher nicht! Es gibt sehr viele Dinge, die mir an den Vereinigten Staaten gar nicht gefallen, vom Hang zu drakonischen Strafen über den großen Einfluss der Religion bis hin zum mangelhaft ausgebauten Sozialstaat fielen mir tausende Sachen ein, die ich persönlich dort nicht so toll finde, aber ich respektiere es, wenn Menschen andere Meinungen haben als ich und eine andere Politik bevorzugen als ich es an ihrer Stelle vielleicht täte. Ich bin gegen Todesstrafe und jahrzehntelange Haftstrafen, und das sage ich auch immer wieder öffentlich, aber ich werde den Amerikanern sicher nicht vorschreiben, wie sie ihr Justizsystem gestalten sollten (das wäre übrigens für mich der einzige Grund, Snowden Asyl zu gewähren, nämlich das womöglich brutale Strafmaß, das ihn erwarten könnte). Ich freue mich darüber, dass Obama den Zugang zur Krankenversicherung massiv ausgebaut hat, aber ich kann verstehen, dass es Menschen gibt, denen die Freiheit von staatlicher Bevormundung über alles geht, manchmal sogar über das, wovon man denkt, es sei doch in ihrem eigenen Interesse. Und mit dem Stichwort Freiheit nähern wir uns womöglich dem Kern dessen, was viele Amerikahasser so fuchsig macht, nämlich das Misstrauen vieler US-Bürgerinnen gegenüber dem Staat und vor allem gegen das Auftreten des Staates als autoritäres Kindermädchen, das schon mal gegen den Willen der Betroffen eingreift, natürlich nur „zu derem Wohl“. Dieser Unterschied in der Staatswahrnehmung geht bis ins Persönlichste, und so kommt es auch, dass in Amerika toleriert wird, was hierzulande gleich Ämter und Polizei und Psychiatrie auf den Plan ruft. Exzentrisch zu sein bis zum Rumspinnen ist jenseits des Teichs meist okay, solange der exzentrische Rumspinner keinen Dritten gefährdet.

Veröffentlicht von

lindwurm

Der Lindwurm aus Klagenfurt

10 Gedanken zu „Typisch Amis?“

  1. Glückwunsch. Vermeintliches antiamerikanisches Ressentiment hervorgehoben und sich als Antideutscher geoutet.

  2. Aber wenn das gesunde Volksempfinden George Zimmerman wegen Rassismus und Mord schon schuldig gesprochen haben dann kommt es auf rechtsstaatliche Grundsätze gar nicht mehr an, oder ?

  3. Nein, das geht besser.

    Und wegen der Bezeichnung „Rednecks“, die oftmals politisch oftmals ganz anders aufgestellt sind als der österreichische Stammtisch gibt’s einen Punkteabzug.
    Für den Kommentar zu Zimmermann gibt’s ein Plus.

  4. Großartig.
    „Diese Rednecks sind mit ihrem oft genug antisemitisch grundierten Verfolgungswahn jenen Figuren überraschend ähnlich, die sich in Europa als Intellektuelle fühlen, sobald sie Schlechtes über Amerika reden oder schreiben.“
    Dazu fällt mir rein zufällig doch der Name Augstein ein. Aber da gibt es ja zwei:
    http://www.suedwatch.de/blog/?p=10854
    Engelberg hat übrigens bei diesem Thema Österreichs Journaille erregt.
    http://diepresse.com/home/meinung/quergeschrieben/martinengelberg/1433220/index.do

  5. kein schlechter kommentar, aber in der bewertung von den us-cops völlig blauäugig und extrem naiv. in dem kontext lieber mal in henry rollins „get in the van“ reinhören, um seine eigenen us-tourismus-erfahrungen um solche jener leute zu erweitern, die jahrelang der willkür der polizei in LA ausgesetzt waren. mein bruder lebt seit 20 jahren in hollywood, erzählt ähnliches.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s