Brennende Lunten

Sie reden sich ja selber alle um Kopf und Kragen, unsere großartigen Anführer und Technokraten, man muss sie nur plappern lassen und zuhören. Guy Ryder, Chef der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), hat der Tageszeitung „Die Presse“ ein aufschlussreiches interview gegeben, das die Desorientierung und das intellektuelle Elend der Gewerkschaften in voller Pracht aufzeigt. Da sagt Ryder, der sein ganzes Leben lang Gewerkschaftsfunktionär war, zunächst „Ich fürchte, wir haben sehr lange Zeit zu wenige Jobs“ und „Sorry, unter den heutigen Umständen werden wir nie genug Jobs für alle haben.“ . Dann meint er: „Wir müssen die Abhängigkeit von der Wohlfahrt reduzieren und Druck ausüben, damit Menschen Arbeit annehmen“,  um schließlich  zu frohlocken: „Um Menschen in Beschäftigung zu halten, machen sie (die Gewerkschaften, Anm.) mitunter große Zugeständnisse bei den Löhnen.“ Weil es zuwenig Jobs gibt und es nie genug Jobs geben wird, sollen die Leute halt gezwungen werden, die Jobs, die es gar nicht gibt, um weniger Lohn zu machen. Das ist dermaßen hirnrissig und offensichtlich falsch, dass hinter solch verqueren Gedankengängen nur eines stecken kann: Ideologie. Dieselbe Ideologie, die davon ausgeht, man müsse die Reichen nur immer reicher machen, dann werde für den Rest der Bevölkerung schon was abfallen. Thatcherismus und Reaganomics halt, die geistige Pest aus den 80er Jahren, die mittlerweile auf dem ganzen Planeten wütet. Am interessantesten ist aber wohl Ryders folgende Aussagen: „Ich hätte 2007 nie gedacht, dass knapp 60 Prozent Jugendarbeitslosigkeit ohne Revolution möglich ist. In Griechenland sehen wir genau das.“

Griechenland hatte 2007 eine Schuldenquote von 104 Prozent. Das war hoch, aber viel niedriger als zum Beispiel in den USA (150 Prozent) oder Japan (250 Prozent). Als dann die Ratingagenturen beschlossen, die Geldgeber Griechenlands in Panik zu versetzen, hätte ein Satz von Angela Merkel und Nicolas Sarkozy gereicht, um die Katastrophe, die dann folgte, abzuwenden. Die beiden hätten nur zu sagen brauchen: „Die Europäische Union wird die Liquidität jedes ihrer Mitgliedsstaaten garantieren“. Das passte aber ideologisch nicht ins Konzept. Statt europäische Solidarität zu üben, Eurobonds auszugeben und damit auch die eigenen Märkte zu schützen, ließ man lieber Griechenland und später halb Südeuropa verelenden, nahm schulterzuckend die Rückkehr von Hunger und Not nach Europa hin, predigte völlig verzweifelten Menschen weiterhin Verzicht und dachte wohl, die Vernichtung des Wohfahrtsstaates sowie die Reduzierung der Löhne auf Hungerniveau würden auf fast magische Weise die Volkswirtschaften gesunden lassen. So denken und handeln keine Politiker, denen es auch nur im Entferntesten um das Wohlergehen der Europäerinnen geht, so denken und handeln konservative Ideologen, beschränkte Möchtegern-Thatchers und Büttel des Kapitals. Während die mutwillig herbeigeführte Krise weiter wütet und ihre Opfer unter den Arbeitnehmern Europas fordert, wurden und werden die reichsten Mitglieder unserer Gesellschaften immer reicher. Während die EU Garantien für Banken in vierstelliger Milliardenhöhe rasch beschloss, dauerte es Jahre, bis man sich darauf einigen konnte, in den Kampf gegen die wahnwitzige Jugendarbeitslosigkeit ganze sechs (6) Milliarden Euro zu investieren. Immerhin dämmert es inzwischen einigen Politikern auf dieser Welt, dass der Austeritätswahnsinn uns alle in den Abgrund reißen wird, aber die deutsche Kanzlerin kämpft zusammen mit ausgerechnet China weiter dafür, die Wirtschaft und damit Europa kaputt zu sparen. Deutschland will schon wieder gegen die USA und Frankreich seine Politik und seine Weltsicht durchsetzen und allen anderen aufzwingen, koste es, was es wolle, auch wenn Europa dabei zu Bruch geht. Merkel zieht ihr Ding durch, setzt weiterhin voll auf ihre nationalistische Vorstellung von Konkurrenzfähigkeit und wird das so lange machen, bis die ach so tolle deutsche Exportindustrie mangels Kunden pleite sein wird.

Warum machen Merkel  & Co das, kann man sich fragen. Warum steuern die sehenden Auges auf eine neue Weltkatastrophe zu? Ich denke nicht, dass da eine Verschwörung am Werk ist. Es ist einfach nur Beschränktheit. Politiker wie Merkel fühlen sich niemandem verpflichtet außer den reichsten Teilen der Gesellschaft. Warum? Weil sie entweder so blöd sind, die neoliberalen Stehsätze und Kindermärchen zu glauben, oder weil sie einfach nur bestechlich sind. Die ganze Politik, die in Europa seit 30 Jahren gemacht wird, zielt darauf ab, Privatvermögen zu steigern mit der absurden Hoffnung, diese Vermögenssteigerungen würden in die Realwirtschaft zurückfließen. Wenn man aber zulässt, dass Vermögen jenseits aller Relationen größer werden, dann fließt dieses Kapital nicht in neue Industriebetriebe, sondern in Wörtherseevillen und Drittwohnsitze und Gold und Diamanten. Und das passiert natürlich verschärft unter Krisenbedingungen. Wer in einer Krise reich(er) wird, wird das Kapital in Sicherheit bringen wollen, statt es in die Realwirtschaft zu stecken. Und anstatt dem gegenzusteuern wurde fast die ganze europäische Steuerpolitik so umgestaltet, dass nicht investiertes Vermögen kaum mehr einen Anreiz dazu hat in etwas anderes gesteckt zu werden als in Luxuszeug wie Reitställe, Yachten und junge Liebhaber(innen). Während sich in Spanien Menschen umbringen, weil sie ihre Miete nicht mehr zahlen können, boomt eine groteske Luxusbranche, die so sinnvolle Sachen wie mit Swarowski-Kristallen behübschte Mineralwasserflaschen an die gelangweilte Nobelkundschaft bringt.

Ich habe nichts gegen Reichtum oder gegen reiche Leute. Allerdings stimmen die Relationen nicht mehr. Eine Krise, in der die Reichen immer reicher und alle anderen ärmer werden, ist keine Wirtschaftskrise, sondern eine Verteilungskrise, die zu einer Nachfragekrise werden muss. Das ist letztlich für alle schlecht, auch für die, die derzeit noch davon profitieren, denn irgendwann bricht dieses Pyramidenspiel zusammen und dann explodiert der Kessel, und dann nützen den Reichen ihre Leibwächter auch nicht mehr viel. Nur weil Guy Ryder, Merkel und die andere Politiker mit Wohlwollen sehen, dass 60 Prozent Jugendarbeitslosigkeit nicht zur Revolution geführt haben, heißt das noch lange nicht, dass die soziale Ordnung nicht schon morgen zusammenbrechen kann. Revolten und Revolutionen kommen ganz plötzlich und nie dann, wenn man sie erwartet hat. Die ganze Palette ist möglich, von arabesken Massenprotesten über richtig brutale Umstürze bis hin zur Machtergreifung faschistischer Gruppen. Wer genau hinschaut sieht, dass für alle diese Möglichkeiten bereits Vorbereitungen laufen. Und wenn dann ein autoritärer Führer an den Schalthebel sitzt möchte ich sehen, wie die finanzielle Elite zu dem „nein“ sagen wird, wenn der einfach Umverteilungen und Investitionen dekretiert. Wer nicht spurt, wird sich sehr schnell hinter Gittern wiederfinden, so wie man es jetzt schon in Russland und China sehen kann, und dann, bei Wasser und Brot, wird es zu spät sein, sich darüber zu ärgern, dass man Politiker unterstützt hat, die die Bevölkerung so lange gepiesackt haben, bis die sich in ihrer Not an Leute gewandt hat, die endlich Abhilfe, wenn auch eine brutale und undemokratische, von diesen Zuständen versprochen haben. Die Lunte brennt jedenfalls, und wenn die Wut wirklich mal durchbricht, wird keine Polizei und kein Rechtsstaat mehr da sein, um die Wütenden von Lynchjustiz und Raubmord abzuhalten.

Veröffentlicht von

lindwurm

Der Lindwurm aus Klagenfurt

10 Gedanken zu „Brennende Lunten“

  1. Der große Trupgschluß des Argument, man müsse nur die Löhne kürzen, damit mehr Arbeitsplätze ist, daß ein kapitalistiksches Unternehmen trotzdem um keine einzige ArbeitnehmerIn anstellen wird, als sie muß.

  2. Seltsam, daß niemand mehr vom MENSHCENRECHT auf frei gewählte, volle und möglichst produktive, als möglichst gut bezahlte, Arbeit spricht und daß stattdessen die Pflich zur Arbeit um jeden Preis propagiert wird.

    Der ILO-Chef sollte vielleicht mal wieder das ILO-Übereinkommen 122 über die Bewschäftigungspolitik lesen

    http://www.arbeitslosennetz.org/arbeitslosigkeit/rechtshilfe/gesetzestexte_urteile/ilo_international-labour_orgaization/ilo_uebereinkommen_122_beschaeftigungspolitik.html

  3. Gut aufgezeigt die Situation. Nur in zwei Punkten gehe ich nicht Dir konform:
    – Keine Garantien von staatlicher Seite für Schulden, keine Eurobonds sondern ein Schuldenschnitt !!! Ein Land nach dem anderen aus der Schuldenfalle befreien mit General-Schuldenerlaß!!!! Einführung einer „Übergangswährung“ nach Modell des „Wunder von Wörgl“.

    – Im Gegensatz zu Dir glaube ich sehr wohl, daß unsere Verräterregierungen in der Lage und auch willens sind, jeden aufkeimenden Widerstand von Seiten des Volkes umgehend im Keim zu ersticken bzw. brutal niederzuschlagen. Sie bereiten sich doch schon lange genug darauf vor. Weiters würde ein Aufstand ihnen sogar noch in die Hände spielen, weil sie dann Restriktionen und Überwachung als legitim „verkaufen“ würden ….. bis hin zum Kriegsrecht.

  4. “ … unsere Verräterregierungen … “

    Das ist doch eine naive Flucht in ein vereinfachtes Bild.
    Wenn dir unsere nicht passt, dann wähle eine andere.
    Wenn dir die Parteien nicht passen, dann gründe eine neue.
    Wenn dir unsere Politiker nicht passen, dann sei eben ein besserer.

  5. @t93
    Prinzipiell gebe ich Dir recht. Nur befürchte ich, daß uns da die Zeit davonläuft…..

  6. die Griechen könnten eigentlich das bewerte Mittel verwenden das sie in so Situationen immer gemacht haben:
    Die Drachme abwerten und damit die eigenen Produkte und Dienstleistungen billiger machen.
    Auf diese Art und Weise haben auch Spanien und Italien ihre Wettbewerbsfähigkeit in früheren Zeiten erhalten.

    Tasächlich war auch vor dem Neoliberalismus alles besser. Es gab viel mehr Jobs, auf dem Postamt bei uns im Dorf (geöffnet von 8 bis 16.00, Donnerstags bis 18.00, Samstags geschloßen) gab es immer mindestens 2 Postbeamte.
    Bei der Müllabfuhr haben noch echte Menschen die schweren, stinkenden Kübel in die Hebeanlage gesetzt. Zwei hinten (meist Ausländer) ein Fahrer (Einheimisch) und ein Mann vor dem Wagen herlief und die Tonnen richtig hingestellt hat.
    Modems oder Akustikkoppler ohne Postzulassung (selbst wenn sie baugleich waren) sind illegal gewesen, selbst die Verlängerungsschnur aus dem Fachgeschäft war schon im Graubereich.
    In England fuhren die Heizer noch auf der E-Lok mit, und wenn die Kohlenzechen streikten ging im ganzen Land das Licht und die Kachelöfen aus.
    Und erst die ganzen tollen Jobs: Für Salamander Schuhe nähen, für Trumpf BHs, für Siemens & Co Leiterplatten bestücken und anlöten… davon haben Junge Leute geträumt.

    Heute sind die Postämtern in Supermärkten und Tankstellen und haben von 6.00 bis 22.00 Uhr offen, die Postbeamten sind im Ruhenstand.
    Der Müllmann fährt allein, ein Roboterarm leert die Tonnen.
    Statt einen Monopolisten gibt es unzählige Telekom Firmen.
    Statt mit Kohle wird immer mehr mit Gas und Öl geheizt und die Besserverdienern beteiligen sich mit ihren Anteilen an Windparks oder der Solaranlage auf dem Dach des Eigenheimes an der größten Privatisierung der Energiebranche.
    Ach, die gute alte Zeit…
    Aber daran sind nur die Ossis schuld. Hätten die nicht die DDR kaputt gemacht hätte es weder Neoliberalisierung noch Globalisierung gegeben.

  7. Aber daran sind nur die Ossis schuld. Hätten die nicht die DDR kaputt gemacht hätte es weder Neoliberalisierung noch Globalisierung gegeben.
    Genau das Gegenteil ist der Fall: Die neoliberalen Globalisten haben die DDR kaputt gemacht.
    Aber Sie haben es wahrscheinlich eher spöttisch und nicht ernst gemeint,

  8. Warum soll das spöttisch gemeint sein ?
    Die Arbeiterklasse in den Ländern des real-existierenden Sozialismus ist all denen in den Rücken gefallen die im kapitalistischen Westen – oft begünstigt durch eine bildungsbürgerliche Herkunft und privilegiert durch eine hochwertige Ausbildung auf Staatskosten – für eine bessere Welt gekämpft haben.
    Schon schlimm genug das sich die Arbeiter bei Daimler, BMW und BASF geweigert hatten unserer Führung zu folgen.
    Da kämpft man jahrelang in den Hochschulgruppen für den Sozialismus und bereitet sich darauf vor nach der großen Transformation Spitzenpositionen und Gesellschaft und Wirtschaft zu übernehmen, und dann fallen die Prolls vom Sozialismus ab. Wissen Sie wie frustrierend das ist ?

    Hätten die Kommunistischen und Sozialistischen Parteien des Ostblocks den Mut gehabt die Konterrevolution in Polen und der DDR niederzuschlagen hätte es nie Werksverlagerungen in den ehemaligen Ostblock gegeben.
    Hätten die Kommunistischen und Sozialistischen Parteien in Vietnam und China den Mut gehabt ihre sozialistische Produktionsweise beizubehalten wäre es auch nie zu Produktionsverlagerungen in diese Länder gekommen.
    Sicherlich wäre das für den einen oder anderen Konterrevolutionären Mitläufer unangenehm gewesen wenn diese Staaten hart, aber gerecht durchgegriffen hätten. (China ist ein gutes Beispiel dafür), aber im Endeffekt hätten die Arbeiterklasse im Westen davon profitiert.

  9. Da ist schon was dran, Alreech, aber ich persönlich möchte meinen Wohlstand bzw mein Wohlergehen nicht davon abhängig gemacht sehen, dass hunderte Millionen in Unfreiheit leben.

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