Mollath und die anderen „Irren“

Gustl Mollath ist endlich wieder ein freier Mann. Das ist so erfreulich wie überfällig. Er ist sieben Jahre lang seiner Freiheit beraubt worden, ohne je für eine Straftat verurteilt worden zu sein. Die bayrische Justiz hat ihn in Tateinheit mit psychiatrischen Gutachtern weggesperrt, da man ihm „Wahnvorstellungen“ und „Allgemeingefährlichkeit“ unterstellte. Dank engagierter Unterstützerinnen und der Arbeit der Medien, allen voran der „Süddeutschen Zeitung“, ist nun schon seit einiger Zeit bekannt, dass Mollaths angebliche Wahnvorstellungen zumindest einen wahren Kern haben und dass die Indizien, mit denen Gericht und Psychiatrie im Jahr 2006 die angebliche Gefährlichkeit des Mannes begründeten, extrem wackelig sind. Doch von einem unseligen Corpsgeist erfüllt bestätigte jahrelang ein Gericht den Entscheid des anderen und ein Psychiater das Gutachten des anderen. Hätte Mollath nicht das Glück im Unglück gehabt, im Umgang mit Medien erfahrende Unterstützer zu finden, und, das traue ich mich zu behaupten, wäre in Bayern nicht gerade Wahlkampf, würde er immer noch drin sein und würde auch nie mehr rauskommen.

Mollaths Befreiung ist ein Grund zum Feiern, aber auch einer, um an all die anderen zu denken, denen es ähnlich geht wie ihm, über die aber keine Zeitung berichtet und für die es keine Internetpetitionen gibt. Wie viele sind es wohl, die in Österreich, Deutschland und der Schweiz in psychiatrischen Kliniken gegen ihren Willen festgehalten werden, weil böswillige Verwandte oder Ämter ihnen eine Allgemein- oder Selbstgefährdung andichteten und  Psychiater nicht willens oder fähig sind, zu sagen: „Okay, Frau XY ist vielleicht ein wenig mühsam und dickköpfig, aber das ist doch kein Grund, sie einzusperren“? Bei wie vielen wurde der Schlüssel für immer weggeworfen, weil es zwar in gewissen Abständen vorgeschriebene Untersuchungen durch Ärzte gibt, aber ein Gutachter den anderen bestätigt da man sich ja kennt und dem Kollegen nix Schlechtes tun will? Ich habe den durch persönliches Erleben und durch die Berichte vieler Leute erhärteten Verdacht, dass keine Medizinergruppe so pathologisierungwütig ist wie jene der Psychiaterinnen, vor allem dann, wenn der zu diagnostizierende Mensch nicht ganz freiwillig zu ihnen kommt. Da ist dann ganz schnell die Rede davon, der Mensch zeige „keine Krankheitseinsicht“ oder, falls er ruhig und sachlich ist, trage eine „Fassade“ zur Schau, spiele seine Normalität also bloß vor. Natürlich gibt es auch viele Psychiater und Psychologinnen, die sich ernsthaft mit den Menschen befassen, die Leiden mildern wollen und die vor allem wissen, dass die Eingriffe in die Persönlichkeitsrechte der Patientinnen so gering wie möglich zu halten sind. Mehrheitlich sogar. Aber viele andere Ärzte fahnden in Schnelluntersuchungen nach allen möglichen Abweichungen im Verhalten, basteln daraus Diagnosen, die für die ihnen ausgelieferten Menschen unter Umständen fatal sein können und haben keinen Respekt vor den individuellen Bedürfnissen und den Rechten der Patienten. Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass die Psychiatrie keine exakte Wissenschaft ist, allein schon weil auch sie sich am Normalitätsverständnis der Mehrheiten orientiert, aber dennoch hat sie in zu vielen Fällen eine fast absolute Macht über Menschen.

Wer sich die psychiatrische Praxis in Österreich und Deutschland ansieht merkt rasch, dass wir uns immer noch in einer Ära der Angst und des Zwangs befinden. Seelische Erkrankungen werden stigmatisiert, die Kranken werden entwürdigt durch Zwangsbehandlung, Entmündigung und Entrechtung. Es geht viel rascher als die meisten meinen. Da eine unbedachte Äußerung, dort ein Psychiatrieaufenthalt, und schon stellt man fest, dass man als Mensch nicht mehr viel zählt, dass man für dumm gehalten wird, für nicht geschäftsfähig. In der Tat werden in Österreich viele Tausend Menschen „besachwaltet“, bekommen also als Erwachsene wieder einen vorgesetzt, der für sie Entscheidungen trifft. Meist Anwälte ohne jede psychologische oder psychiatrische Erfahrung. Eine höchst fragwürdige Vorgehensweise, die daran erinnert, dass seelisch Kranke oder Andersartige nach wie vor nicht für voll genommen werden. Und das ist brandgefährlich. Menschen, die man nicht für voll nimmt, von denen man meint, sie seinen weniger wert, kann man leicht zu Opfern machen, da man sie bereits halb dehumanisiert hat. Wir wissen, wohin das schon einmal geführt hat, und jeder Mensch mit seelischen Problemen muss es mit großer Sorge sehen, wenn das Gesundheitssystem durchökonomisiert wird, wenn wieder öfter und offener von Menschen als „Belastungen“ gesprochen wird.

 

Veröffentlicht von

lindwurm

Der Lindwurm aus Klagenfurt

2 Gedanken zu „Mollath und die anderen „Irren““

  1. Wie wahr, wie wahr verehrter Lindwurm, ist das was du hier (und auch davor) sagst:
    „In der Tat werden in Österreich viele Tausend Menschen „besachwaltet“, bekommen also als Erwachsene wieder einen vorgesetzt, der für sie Entscheidungen trifft. Meist Anwälte ohne jede psychologische oder psychiatrische Erfahrung.
    Eine höchst fragwürdige Vorgehensweise, die daran erinnert, dass seelisch Kranke oder Andersartige nach wie vor nicht für voll genommen werden.
    Und das ist brandgefährlich.
    Menschen, die man nicht für voll nimmt, von denen man meint, sie seinen weniger wert, kann man leicht zu Opfern machen, da man sie bereits halb dehumanisiert hat. Wir wissen, wohin das schon einmal geführt hat,“

    Ja, eine höchst fragwürdige Vorgehensweise, die „Besachwaltung“ von „andersartig“ vermuteten Menschen.
    Nun sollten wir nicht annehmen, daß es das nur in Bayern oder in Österreich gibt, oder nur von Staaten gegenüber Einzelpersonen …

    Kann man denn eigentlich sagen, daß die Palästinenser als „Andersartige“ bereits „versachwaltet“ werden, durch wenn alles auch immer?
    Wenn ja, wäre das allerdings in der Tat „brandgefährlich“ – wie du schon sagst, „eine höchst fragwürdige Vorgehensweise“, „Menschen, die man nicht für voll nimmt, von denen man meint, sie seinen weniger wert, kann man leicht zu Opfern machen“ …

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