From Hell

Claudia M., 35 Jahre alt, leidet an Multipler Sklerose, Depressionen und Angstzuständen. Ihr Neurologe, der über ihre Depressionen und Ängste Bescheid weiß, faucht sie bei einer Kontrolluntersuchung an: „Ihre Werte sind ja wahnsinnig schlecht, das sieht gar nicht gut aus, sie nehmen wohl die Medikamente nicht, ihr Hirn sieht aus wie das einer Greisin“. Sie erleidet an Ort und Stelle eine Panikattacke, der Neurologe ruft die Rettung, die Claudia in die Grazer Psychiatrie bringt. Dort kommt sie wegen angeblicher Selbstgefährdung auf die geschlossene Abteilung. Mehrbettzimmer, vergitterte Fenster, Leute mit akuten psychotischen Schüben als Bettnachbarn. „Nein hier kommen sie nicht raus, sie sind aus gutem Grund hier“. Untersuchungen, Bluttests. Eine Schwangerschaft wird festgestellt. Ein Mann, Familienvater, mit dem sie ein Verhältnis hatte, hat Claudia geschwängert. Der Mann besucht sie in der Psychiatrie und drängt auf einen Schwangerschaftsabbruch. Er könne sich keine Alimente leisten, außerdem wäre sie in ihrem Zustand wohl kaum eine gute Mutter und bla bla bla. Sie entscheidet sich für die Abtreibung. Ein Pfleger begleitet sie zur gynäkologischen Abteilung, denn alleine darf sie die geschlossene Abteilung nicht verlassen. Während sie operiert wird entscheiden die Psychiater, dass sie in die offene Abteilung verlegt wird. Das bedeute auch, dass kein Pfleger, geschweige denn ein Psychiater oder Psychologe, für sie da ist, als sie sich nach dem Aufwachen schwerste Selbstvorwürfe macht. Zurück in der Psychiatrie streicht man ihr zunächst alle Medikamente. „Wegen der Abtreibung, sie wissen schon“. Sie kann nicht mehr schlafen, man verabreicht ihr Benzodiazepine. Sie mag nicht. „jetzt nehmen´s das sonst kommen´s wieder auf die Geschlossene“. Sie gehorcht. Vier Wochen später Entlassung. Sie „darf“ in ein betreutes Wohnheim ziehen. Die Betreuung erfolgt durch Sozialarbeiterinnen. Claudia will morgens schlafen, das geht natürlich gar nicht. „Sie stehen auf in der Früh wie alle anderen oder sie kommen wieder in die Psychiatrie, und wegen ihrem abgetrieben Gschrapp machen´s ned so an Wind, da sind sie nicht die Einzige“. Claudia will die Benzos absetzen aber die Sozialarbeiter wollen, dass sie die Beruhigungsmittel weiter nimmt. So wie die meisten anderen in dem betreuten Haus. Das stellt die Leute nämlich ruhig und keiner muckt auf. Nach drei Monaten zieht Claudia dort aus, geht heim zu ihrer Mutter, woanders kann sie nicht hin. Entzug von den Benzodiazepinen. Claudia ist am Ende. Nächstes Jahr wird ihr die Invaliditätspension gestrichen. 

Nina W., 34, ist aus Wien. Depressionen, Angstzustände. Im Jahr 2008 geht sie auf eine Sauftour. Einer ihrer Trinkkumpane findet, dass sie sich seltsam verhält und ruft die Rettung. Nina beteuert, zwar betrunken, aber durchaus ansprechbar und vernünftig gewesen zu sein. Da sie im Suff aber von ihren Depressionen erzählt und der, der die Rettung rief, das brav gemeldet hatte, wird sie im Krankenhaus („Baumgartnerhöhe“, Otto-Wagner-Spital) zwangsbehandelt. Man bringt sie in ein Zimmer wo das Bett mit den Gurten steht. Sie sieht die Gurte und fleht, nicht aufs Bett geschnallt zu werden. „Das ist zu ihrem eigenen Schutz“, sagt ein Arzt. Sie erklärt, dass sie unter Panikattacken und Klaustrophobie leidet. Egal. Man wirft sie auf das Bett und fesselt sie an Händen und Füßen. Ihr Herz rast, sie bekommt keine Luft, sie meint, sterben zu müssen. Dort liegt sie 17 Stunden lang. Als sie urinieren muss, bettelt sie darum, aufs Klo zu dürfen. Fehlanzeige. Sie kann es schließlich nicht mehr halten und uriniert ins Bett. Sie bleibt im eigenen Urin liegen. Noch nie in ihrem Leben fühlte sich Nina so erniedrigt. Nach 17 Stunden befreit man sie endlich. Untersuchungen, Buttests. Man findet Rückstände von Benzodiazepinen in ihrem Blut. Sie muss stationär Entzug machen, weil die gleichen Benzodiazepine, die Claudia von der Psychiatrie aufgedrängt wurden, laut Ninas Krankenhaus-Psychiater ganz ganz böse sind. Der Entzug wird schnell und brutal gemacht. Nina kann nicht mehr schlafen und hat Bluthochdruck-Anfälle. Überall schreiende Menschen, Mehrbettzimmer. Nina hat eine Panikattacke nach der anderen. Sie bekommt Seroquel und Cipralex. Das Cipralex verursacht Herzrasen, Aggressionen, Anspannung, Panik. „Das ist unser modernstes Antidepressivum, fast alle Patienten kriegen das“. Nach acht Wochen wird Nina entlassen. Immer, wenn es an der Tür läutet oder wenn das Telefon schrillt, bekommt sie Herzrasen. Sie hat panische Angst, dass es die Polizei sein könnte, die sie wieder in die Psychiatrie verschleppt. Sie träumt jede Nacht von den Fesseln an Armen und Beinen. Es sind Alpträume.

Diese zwei Fälle habe ich nicht erfunden. Diese zwei Fälle habe ich nicht nach mühsamer Recherche gefunden. Diese zwei „Fälle“ sind Bekannte von mir, die mir ihre Erlebnisse mit der Psychiatrie geschildert haben.

Veröffentlicht von

lindwurm

Der Lindwurm aus Klagenfurt

5 Gedanken zu „From Hell“

  1. @Alle: Es steht zwar eh extra im Text, aber zur Sicherheit sag ich es noch einmal: Das sind keine erfundenen Stories und das sind auch keine Stellvertreterfiguren, die für mich selber stehen sollen. Die beiden Personen gibt es wirklich.

    @Tom: Was ich sagen will? Das es so ist. Soll jeder seine eigenen Schlussfolgerungen aus den Zuständen ableiten.

  2. darf ich dich fragen, ob du vermutest, dass in der radiologie, orthopädie, chirurgie oder dermatologie weniger fehler gemacht werden?

  3. Darum geht es doch gar nicht. Es geht um eine Gesellschaft, die psychisch Kranke oder Andersartige furchtbar behandelt, die die Psychiatrien unterfinanziert, die Menschen mit solchen Leiden nicht ernst nimmt.

  4. @tom93

    Was Lindwurm hier beschreibt, sind doch keine „Fehler“. Es ist der Modus Operandi der Psychiatrie. Da kannst Du einen beliebigen Psychiater fragen. Alle werden attestieren, daß die beschriebenen Vorgänge lege artis seien.

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