Psychiatrierefom andenken!

In jüngster Zeit konnten Leserinnen und Leser hier den Eindruck gewinnen, Psychiatrie sei mein Lieblingsthema und dieser Blog sei antipsychiatrisch. Stimmt beides nicht . Es ist ein großes, wiederkehrendes Thema hier, das ist wahr, vor allem seit ich selbst erleben musste, wie leicht man gegen seinen Willen psychiatriert werden kann und dass die angebotene Behandlung nicht für jeden das Gelbe vom Ei ist, und seit ich verstärkt Kontakt zu anderen halte, denen ähnliches wiederfuhr. Ich gehöre aber nicht zu jenen, für die Psychiatrie generell und in jedem Fall Teufelswerk ist. Es gibt durchaus Menschen, denen ein Psychiatrieaufenthalt helfen, ja sogar das Leben retten kann. Fast alle Psychiaterinnen und Psychiater wollen ihren Patienten Gutes tun. Was ich aber mit Nachdruck sage: Psychiatrie ist nicht für jeden, dem es seelisch nicht gut geht, der richtige Ort. Das liegt nicht so sehr an dem dort tätigen Personal, sondern an den Umständen, unter denen dieses Personal arbeiten muss, denn die Psychiatrie ist in Österreich sträflich unterfinanziert. Das führt zum skandalösen Umstand, dass in Österreichs Psychiatrien Vier- bis Sechsbettzimmer üblich sind und es außer Medikamenten kaum Therapien gibt. Und das birgt die Gefahr, viele Patienten zu traumatisieren statt ihnen zu helfen. Niemand will das Thema wirklich aufgreifen, es ist nicht populär, damit können Politiker offensichtlich nicht punkten. Aber das Land braucht dringend eine neue Psychiatriereform, die psychisch kranke oder psychisch andersartige Menschen endlich respektiert, indem einerseits die Psychiatrien finanziell und von der Bettenzahl her anderen Abteilung gleichgestellt und andererseits die Persönlichkeits- und Menschenrechte der Patienten gestärkt werden. Österreich steckt hier immer noch irgendwo in den 60er Jahren fest, als  Psychiatrie und die Psychiatriegesetze von alten Nazis dominiert und formuliert wurden. Immer noch weht dieser Ungeist durch die Republik, immer noch zählen psychisch Kranke weniger als andere Menschen. Wer behauptet, das sei nicht so, soll mir schlüssig erklären, warum inzwischen jedes Krankenhaus für körperlich Kranke Zwei- und Dreibettzimmer zur Verfügung stellt, psychiatrische Patienten aber in Schlafsäle gesteckt werden.

Veröffentlicht von

lindwurm

Der Lindwurm aus Klagenfurt

8 Gedanken zu „Psychiatrierefom andenken!“

  1. Soviel ich mitbekommen habe, „funktionieren“ unsere Psychiatrien in etwa so, wie oftmals die „Erziehungsarbeit“ in kinderreichen Familien: Die Kinder haben sich gegenseitig erzogen. Hier sollen sich die Patienten am besten gegenseitig heilen. Und wenn jemand sehr verhaltensgestörte Mitpatienten nicht erträgt, so ist er/sie natürlich auch nicht „geheilt“ und kann daher auch nicht entlassen werden. Ganz einfach!

  2. wahr ist vielmehr, magellan, dass „unsere psychiatrien“ so funktionieren wie unsere dermatologien, radiologien und andere stationen/fachrichtungen.

  3. wann wurde „anderswo ist es auch nicht ideal“ eigentlich zu einem legitimen Argument gegen Kritik an schwer erträglichen Zuständen?

  4. ja, schon drinnen gewesen, allerdings nicht als patient.

    guter punkt, cyrano, nur mein „argument“ lautet eher „nirgendwo ist es ideal“ – aber selbst das soll das bekämpfen von schlechten zuständen nicht bremsen.
    doch die mystifizierung der psychiatrie und das zuschreiben einer sonderstellung, unterstützt meiner erfahrung nach die stigmatisierung psychisch kranker.

    bei der vorsilbe „psych“ scheinen viele spontan zu experten zu werden. bei ortho, derma, oder anderen hingegen nicht.

  5. Ich rede hier für die deutsche Situation, bezüglich Österreich kenne ich mich nicht aus.
    Es ist in Deutschland so, dass man mit psychiatrischer Zwangseinweisung so ziemlich jedes Recht auf freie Persönlichkeitsentfaltung verliert.
    Der Arzt kann „aus therapeutischen Gründen“ so ziemlich alles anordnen, oder so ziemlich alles untersagen „weil es die Therapie gefährdet“
    Ob man ein Handy besitzen darf, ob man CDs oder Radio hören darf, wer zu Besuch kommen darf (Leute, die sich psychopharmakakritisch oder psychiatrie-kritisch äußern oder das Personal darauf ansprechen, wie mit ihrem Angehörigen umgegangen wird, oder sich um Anwalt etc. kümmern, gefährden die Therapie natürlich.)
    Das meine ich mit totalitärem System, der Arzt ist Alleinherrscher über den zwangseingewiesenen Patienten.

    Die Zwangseinweisung wird mit Beschluss des Amtsgerichts wirksam. Man kann beim Landgericht Beschwerde einlegen. Das dauert dann ca. 2-3 Wochen, bis vom Landgericht dann ein Beschluss kommt.
    Solange wird schon mal zwangsbehandelt, trotz laufendem Verfahren.

    Allerdings ist es in verschiedenen Bundesländern und in verschiedenen Landkreisen sehr verschieden. Am schlimmsten sind die Psychiatrien dort, wo die Richter den Psychiatern alles abnicken.
    Das handhaben die Gerichte in verschiedenen Landkreisen sehr verschieden.

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