Arbeitszeit und Arbeitsleid

Als ich kürzlich einem Bekannten davon erzählte, dass sich der Unternehmer Robert Hartlauer die Einführung des 15-Stunden-Arbeitstages vorstellen kann, meinte der bloß: „Kann ich mir nicht nur vorstellen, sondern praktiziere das auch oft. Nicht selten freiwillig“. Dieser Bekannte ist Technikjournalist und Sachbuchautor, single, hat keine Kinder und arbeitet von Zuhause aus. Seine empathalielose Ichbezogenheit steht nahezu exemplarisch für die Entsolidarisierung, die unsere Gesellschaften plagt und die dazu führen wird, dass letztlich fast alle schlechter leben werden statt besser. Aussagen wie die meines Bekannten hört man besonders oft von Managern, Unternehmern, Kleinselbständigen, Funktionären und Politikerinnen, von Leuten also, die davon überzeugt sind, sie arbeiteten härter als alle anderen, seien wichtiger als andere und ihr Wirken sei ein unersetzbarer Segen für die Welt. In der Tat haben diese Menschen meist lange Tage und kurze Nächte, arbeiten also intensiv, doch sieht man genauer hin, wie diese Arbeitstage aussehen, zeigt sich, wie anders diese Art zu arbeiten ist als jene des unselbständig Beschäftigten. Diese Leute sind meist weit weg von dem, was man gemeinhin als Arbeitsleid bezeichnet, also Entfremdung, Unterordnung, Stechuhren, Mobbing, schlechte Bezahlung und so weiter. Diejenigen, die gerne und oft erzählen, sie arbeiteten 18 Stunden täglich, vergessen meist ganz absichtlich zu erwähnen, dass sie dazu auch jede Art von „Arbeitsessen“, Businesstermine in der Sauna, Geschäftsabschlüsse im Puff, das Vögeln der Sekretärin, Dienstreisen in der ersten Klasse und Gespräche mit dem Psychiater rechnen. Sie sagen auch nicht gerne, dass sie meistens nicht pendeln müssen und wenn, dann mit einem Dienstwagen samt Chauffeur, und dass sie Bedienstete haben und Kindermädchen und Putzfrauen. Natürlich gilt das nicht für alle, die mit langen Arbeitszeiten prahlen, denn mein Eingangs erwähnter Bekannter ist eine dieser Ich-AGs, die sich immer wieder mal selbst ausbeuten (müssen), um über die Runden zu kommen, und die keineswegs in Geld schwimmen. Aber auch dieser Bekannte kann sich mal für 20 Minuten aufs Ohr hauen, wenn ihm danach ist, sich ein Brötchen holen oder einen Kaffee trinken gehen oder die Glotze anmachen. Das kann der Verkäufer bei Hartlauer nicht. Der steht jetzt schon acht Stunden lang im Laden, macht dazu zwei Überstunden täglich und verbringt oft noch weitere zwei Stunden mit Pendeln. Der kann nicht mal eben den Arbeitsplatz verlassen, um eine Runde zu Knacken oder sich massieren zu lassen. Für den gehen wirklich rund zwölf Stunden des Tages nur für die Arbeit als unselbständig Beschäftigter drauf. Zieht man acht Stunden Schlaf ab, bleiben ihm dann noch vier Stunden, die er seiner Familie oder seinen anderen Interessen widmen kann. Eine blöde Sache für diejenigen, die den Sinn des Lebens nicht darin sehen, anderen Menschen Brillen und Fotoapparate zu verkaufen. Das Bemerkenswerteste ist aber, dass so vielen Leuten mittlerweile dann, wenn die ÖVP oder der Herr Hartlauer längere Arbeitszeiten fordern, nicht einfällt zu sagen, dass das in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit unglaublich frech und falsch ist, nein, sie zucken bloß mit den Schultern und meinen: „Na was soll´s ich arbeite ja auch oft sehr lange“.

Veröffentlicht von

lindwurm

Der Lindwurm aus Klagenfurt

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