Frösche im Kochtopf

Wie der Frosch im langsam zum Kochen gebrachten Wasser gewöhnt man sich an Dinge, an die man sich nie gewöhnen dürfte, weil das Ende des Gewöhnungsprozesses fatal bis letal sein wird. An Russland zum Beispiel. Da sperren sie antiklerikale Künstlerinnen weg und verknacken demnächst Greenpeace-Aktivisten zu zehn bis 15 Jahren Lagerknast. Schwule und Lesben werden verfolgt und unterdrückt, offiziell und per Gesetz. Statt dieses Land zu ächten und zu boykottieren warnen Sportfunktionäre die Athletinnen unter Androhung von Strafe davor, bei den olympischen Winterspielen Solidarität mit den Verfolgten zu üben.

Wir schütteln kurz den Kopf und widmen uns anderen Dingen. Wie geht wohl das Finale von „Breaking Bad“ aus?

In Ungarn werden Obdachlose kriminalisiert. Für das Verbrechen ihrer bloßen Existenz. Obdachlosen drohen nun Geldbußen, Gefängnisstrafen und Zwangsarbeit. Gemeinden werden ermächtigt, „Sonderzonen“ für Obdachlose einzurichten.

Wir schütteln kurz den Kopf und widmen uns anderen Dingen. Hat jemand ein originelles Katzenfoto auf Facebook gepostet?

Schon seit zwei Jahren müssen ungarische Sozialhilfeempfänger „gemeinnützige Arbeit“ leisten, wie die Fron behübschend genannt wird. Von Schlägertypen bewacht müssen sie Wälder roden und per Hand Straßen bauen. Der ungarische Innenminister sieht sein Land als Avantgarde: Sándor Pintér glaubt, dass die Art von Kommunalen Beschäftigungsprogrammen wie sie in Ungarn epidemieren „bald die Norm in ganz Europa“ sein werden und zwar weil „die Menschen immer weniger akzeptieren werden, dass starke, gesunde Menschen nicht arbeiten und lieber auf Kosten einer ganzen Generation leben“. Er hat recht. Überall in Europa wird die Forderung nach Zwangsarbeit für Arbeitslose und Kranke lauter. Ungarn hat die Invalidenrente bereits 2011 weitgehend abgeschafft, Österreich folgt 2014. In England sterben reihenweise Kranke, denen nach einer „Überprüfung“ durch die von der Regierung mit Steuergeldern bezahlten Privatfirma Atos die Beihilfen gestrichen werden.

Wir schütteln kurz den Kopf und widmen uns anderen Dingen. Ob wir wohl am Freitag vegetarisch essen sollten?

In Belgien  stirbt ein Mensch durch die „Sterbehilfe“. Der Mensch war depressiv. So ist es einfacher für alle. Nicht eine krank machende Gesellschaft muss sich ändern, sondern der Gekränkte löst sich einfach in Nichts auf. Drei Viertel der Belgier sprechen sich dafür aus, die „Sterbehilfe“ auf Kinder auszudehnen. 

Wir schütteln kurz den Kopf und widmen uns anderen Dingen. Was sollen wir nach „Breaking Bad“  gucken?

Ein europäisches Parlament nach dem anderen trübt sich bräunlich ein. Mit rechtsextremen Parteien zu koalieren wird immer üblicher. Unterdessen ist links schon lange nicht mehr links, französische Sozialisten blasen genauso zur Jagd auf Roma wie slowakische Nazis. In Österreich will jeder dringend mit der FPÖ zumindest „reden“, ganz so als gäbe es mit diesen Leuten etwas anderes zu besprechen als die Bedingungen ihrer Kapitulation. Die Sozialdemokraten haben bereits bewiesen, dass sie auf schwache und wehrlose Bevölkerungsgruppen wie Bettlerinnen, Asylbewerber und Kranke ebenso bedenkenlos losgehen können, wie man es von der FPÖ erwartet. Sonja Ablinger und Karl Öllinger sind nicht mehr im neuen Nationalrat vertreten, die rechtskräftig verurteilte Hetzerin Susanne Winter schon.

Wir schütteln kurz den Kopf und widmen uns anderen Dingen. Heute mal Hunde posten statt Katzen?

Veröffentlicht von

lindwurm

Der Lindwurm aus Klagenfurt

5 Gedanken zu „Frösche im Kochtopf“

  1. Der Vergleich mit den Fröschen im Kochtopf erscheint mir treffend. Irgendwie hat man das Gefühl, es braut sich da was zusammen. Oder ist eh alles nicht ganz so arg schlimm und wird schon wieder besser werden, eine Art “Selbstreinigung” stattfinden?
    Es gibt wohl viele Möglichkeiten, darauf zu reagieren. Auch die Ambivalenz “Man schüttelt kurz den Kopf….” ist treffend, ertappt man sich nicht oft selbst dabei? Eine Art Ohnmacht macht sich breit, ich kann ja eh nichts tun. Man kann aber dagegen anschreiben. Man könnte z.B. auch musikalisch reagieren. Aber ich bin ja nur ein kleiner Furz, mir hört ohnehin keiner zu.
    Facebook habe ich schon lange nicht mehr. Ist das reaktionär oder progressiv? Hmm, mal schauen ob ich noch ein paar Katzenfotos finde….aber wohin posten?

  2. Lieber Lindwurm, nix für ungut, auch ich poste gerne mal Katzen und Hunde bei facebook. Und die übrige Zeit des Tages reg ich mich über ganz genau dieselben Dinge auf wie du. Man kann beides, es schließt sich gar nicht gegenseitig aus. Das Leben besteht aus so vielen Facetten. :o)

  3. Klar, wenn man gegen den Beutezug der Globalisten ist, dann ist man rechtsextrem – und antisemitisch. Unsere Politiker haben uns an die Banken und Konzerne verkauft. Wer das Gold hat, bestimmt die Regeln. Und es sind kaum „rechtsextreme“ Politiker in den Regierungen. Vielleicht gäbe es ja gar keine „Rechtsextremen“, wenn nicht so viele „Linke /Linksextremisten (??!!)“ sich als Büttel der Globalisten erwiesen hätten, weil sie einfach zu blöd sind, das Spiel zu durchschauen. Ich rede jetzt nicht von den „Machern“ sondern von den treudoofen Mitläufern, den Gutmenschen.
    Hätten die sog. linken Regierungen zusammen mit angeblich Konservativen nicht die Staatsverschuldung derart explodieren lassen, würden viele Einschnitte ins Sozialsystem nicht notwendig sein. Und das hat mit der Krise infolge der Lehman-Pleite genau gar nichts zu tun. Diese Ausrede, Herr Faymann, gilt nicht. Die „Krise“ 2008 war nur der Startschuß für die Ausplünderung Europas. Die USA sind ja schon mehr als (konkursreif) ausgeplündert. Ja, Lindwurm, schau doch auf die sozialen Zu- und Umstände bei unseren „Freunden“. Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde. Den Menschen in Rußland oder Ungarn geht es sicher bei weitem besser als in den Staaten. Während der Splitter in Ungarn oder Rußland gesucht wird, wird der transatlantische
    B a a a a a a a a l k e n geflissentlich übersehen.

    Diese Schubladen „links“ und „rechts“ passen schon längst nicht mehr. Ein deutliches Zeichen dafür ist, daß die FPÖ mehrheitlich von Arbeitern gewählt wird und vica verse stammen die sogenannten „Linken“ großteils aus einem (neuen) bürgerlichen Umfeld, oftmals verwöhnte Langzeit-Studenten der Richtungen Soziologie, Psychologie, Politologie etc. ….. und natürlich geschätzte 90% der Journalisten, die die Politik vor sich hertreiben.

    Verkehrte Welt. Oder einfach nur eine perfide „Sprachregelung“, um von den wahren Tätern abzulenken. „Brave New World“ ante portas. Orwells „1984“ ist ja bereits vollzogen: Links = Rechts, Krieg = Frieden, Gut = Böse usw.

  4. Der erste Absatz von Alice‘ Kommentar spricht mir aus dem Herzen.

    Aber diese Sache mit den Einschnitten ins Sozialsystem auf Grund der explodierten Staatsverschuldung – da hab ich so ein paar Zweifel. Nun lebe ich in D und weiß nicht wirklich, ob man in Österreich auch die Steuern für Reiche so kontinuierlich gesenkt hat wie bei uns. Würde mich aber wundern, wenn nicht. Neolibs sitzen ja in allen Regierungen, überall gilt der Wahn: Steuern runter, dann geht es allen besser.

    Die Staatsschulden explodieren meiner Meinung nach a) weil der Staat seine Einnahmen drastisch gesenkt hat, b) weil er seine Banken und Abzocker retten muss, c) weil durch die Begünstigung des Finanzkapitals (im Gegensatz zur Realwirtschaft) die Löhne sinken und folglich auch die Einnahmen der Sozialkassen.

    Das ist ja die Lüge: Wir hätten über unsere Verhältnisse gelebt und der Sozialstaat sei daraufhin zusammengebrochen. Wir in D leben jedenfalls seit vielen Jahren weit unter unseren Verhältnissen und konkurrieren andere Staaten durch Dumpinglöhne an die Wand. (Und dann kommen diese rassistischen Sprüche, andere Völker wären bloß zu faul! Wenn die Deutschen nur nicht zu blöd wären!)

    Wie gesagt, ich bin nicht sicher, ob man das 1:1 auf Österreich übertragen kann, glaub aber so vor mich hin, dass die Unterschiede nicht allzu groß sind. Allerdings – wenn ich mich recht entsinne, gehen etliche Deutsche zu Euch, weil die Löhne da besser sind. Oder ist das auch schon wieder vorbei?

  5. Silversurfer

    Du hast recht, ich habe mit der Staatsverschuldung genau das Argument der Sparpolitiker benützt. Damit wollte ich aber keineswegs dieser Politik das Wort reden. Mich interessieren vor allem die Hintergründe für die aktuellen Geschehnisse. Ich habe versucht, meine Sichtweise darzustellen, doch einsehen müssen, dass es den hiesigen Rahmen sprengt.
    Daher nur soviel: Ich gehe durchwegs mit Deiner Meinung konform. Nur diese Neidpolitik mag ich auch nicht, weder die von rechts noch die von links. Was aber wiederum nicht heißen soll, daß es da nicht riesigen Reformbedarf gäbe.

    Ja, Österreich ist gerade noch um eine Kleinigkeit sozialer; doch die Bemühungen, dem „großen Bruder“ nachzuziehen sind nicht zu übersehen.

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