House of Psycho-Representatives

Dianne Reidy, die Stenotypistin des US-Repräsentantenhauses, nutzte die chaotischen Zustände während des Budgetstreits, um sich zum Rednerpult zu schleichen und zu sagen, was ihr offenbar am Herzen gelegen war: Sie lobte Gott und Jesus, beklagte, dass die USA kein Gottesstaat seien und merkte an, die Verfassung sei von Freimaurern geschrieben worden.  Sicherheitskräfte entfernten die Frau rasch vom Rednerpult, die Polizei kam und brachte Dianne in eine psychiatrische Klinik, wo sie „auf ihren Geisteszustand hin untersucht“ werden soll. Ich bin nun kein großer Freund von religiöser Verblendung, aber wie genau soll wohl diese „Untersuchung“ ablaufen? Ist sie „geisteskrank“, wenn sie an ihrer Meinung festhält? Muss sie ihre Behauptung, die US-Verfassung sei von Freimaurern verfasst worden, widerrufen, um als „gesund“ zu gelten? Das wäre pikant, hat sie damit doch teilweise recht. Freimaurer sind bis heute stolz darauf, dass wichtige Mitautoren der amerikanischen Verfassung aus ihren Reihen stammten, und der Stolz ist verständlich, ist das doch einer der großartigsten Rechtstexte der Menschheit. Oder muss Dianne Reidy „nur“ klarstsellen, dass sie die USA eh für einen Gottesstaat hält, obwohl das doch offenkundig keiner ist? Oder besteht der Verdacht auf eine mit Freiheitsentzug zu sanktionierende Geisteskrankheit darin, dass sie es gewagt hat, in ein Mikrophon zu sprechen, das nicht für Stenotypistinnen gedacht war, sondern für Berufspolitiker? Jedenfalls zeigt der Vorfall erneut, wie schnell man in unseren angeblich so freien Gesellschaften seine persönliche Freiheit verlieren kann, sobald man auch nur ein ganz klein wenig originelles Verhalten an den Tag legt. Und natürlich wird mit zweierlei Maß gemessen. Wäre zB Bill Gates zufällig anwesend gewesen und hätte die Gelegenheit genutzt, irgendetwas Philantropisches ins Mikrophon zu sagen, wären die Zeitungen voll von Meldungen über den „amüsanten Zwischenfall“. Die Sekretärin jedoch wird verhaftet und in die Psychiatrie gebracht.

Veröffentlicht von

lindwurm

Der Lindwurm aus Klagenfurt

Ein Gedanke zu „House of Psycho-Representatives“

  1. Richtig – wollte man alle Namen eliminieren, die jemals Freimaurer waren, dann ginge uns mit Lessing, Bürger, Chamisso, Hardenberg, Herder usw. gut die Hälfte der deutschen Geistergeschichte flöten. In den USA war es ähnlich – bis hin sogar zu einem Louis ‚Satchmo‘ Armstrong. Der Fortschritt muss sich unter Zensurbedingen in solchen Gesellschaften klandestin organisieren.

    Die Obsession durch eine ‚freimaurerische Verschwörung‘, die noch heute im Dunkeln zum Schaden aller munkeln soll, die gehört inzwischen zum festen Weltbild rechtspopulistischer Bewegungen, vor allem bei den religiös oder ‚templerisch‘ Infizierten. Da ihnen so vieles unbegreiflich bleiben muss, rufen sie geheime Mächte zu Hilfe, damit es irgendwie doch wieder passt. Und da sie selbst in ihrem Weltbild gewissermaßen die Stelle wehrhafter ‚Rosenkreuzer‘ eingenommen haben, sind die ‚Freimaurer‘ der natürliche Feind, vor allem, weil man von einer ‚jüdischen Weltverschwörung‘ ja wirklich nicht mehr unbefangen daherfaseln darf. Aber ‚Verschwörung‘ muss … im Kern geht es um den guten alten Konflikt zwischen Aufklärung und Obskurantismus.

    Insofern glaube ich, dass der guten Frau mental schon allerhand verrutscht ist, bzw. nie an einem vernünftigen Platz gestanden hat. Andererseits: Würde man ihre Ansichten gleich psychiatrisieren, dann wäre die gesamte Tea Party auch mit dran. Und so viel Irrenanstalten gibt es ja wiederum nicht …

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