Magic & Loss: RIP, Lou Reed

Das Universum hält nicht den Atem an, die Züge fahren weiter, morgen gehen wir wieder zur Arbeit und dennoch ist etwas anders geworden. Lou Reed lebt nicht mehr, und mit ihm ist auch der Kunstanspruch des Rock´n Roll gestorben. Reed hat, mit der kleinen Hilfe von John Cale, Maureen Tucker,  Sterling Morrison, Doug Yule, Andy Warhol und, ja, auch Nico die Popmusik erwachsen gemacht, hat gezeigt, dass Intellektualität und Stromgitarre keine Feinde sein müssen, dass man Texte schreiben kann und darf, die ebenso provokant wie brillant sind und dass große Kunst nicht pompös sein muss, ja nicht mal sollte. Velvet Underground waren das ergänzende und oft korrigierende Gegenstück zur sonnigen Musik der Hippies, kühl und städtisch, zeitgenössischer Kunst und Literatur mehr zugetan als fernöstlicher Mystik. Ich habe Lou Reed zuerst über sein Solo-Werk kennengelernt, habe „Berlin“ gehört und „Transformer“ und „Take No Prisoners“, diese grandiose Liveplatte inklusive Publikumsbeschimpfung. Ich empfand sofort, dass diese Musik für mich gemacht worden war, diese düsteren Songs über Außenseiter und Fixer und heruntergekommene Transen und Mütter, denen die Behörden die Kinder wegnehmen, entsprachen viel mehr den Wahrnehmungen, die ich von der Welt hatte, als Love & Peace und Dirty Dancing. „Deprimierend“ sei dieser Sound, sagten viele, und ich sah das ganz anders, denn hinter der Dunkelheit, der Verzweiflung und dem Zynismus schimmerte auch Hoffnung. Hoffnung, dass es auf der Welt Orte gibt, an denen man sich nicht wie ein Freak fühlt, wo Stadtluft frei macht und wo das Weiche neben all der Härte leben darf. „I hate being odd in a small town / if they stare let them stare in New York City“.

Lou Reed ist tot. Das ist schwer zu akzeptieren. Ich bin richtig traurig, als wäre ein Freund gestorben, und gewissermaßen ist das ja auch so. Natürlich höre ich gerade seine Songs, frage mich, ob Candy mittlerweile mit ihrem/seinem Körper Frieden geschlossen hat, ob Liebe manchmal so ist wie ein versauter französischer Roman, ob die korrupten Bullen immer noch die Hure ficken, der sie die Kinder weggenommen haben. Ich hoffe für Lou, dass der Tod überraschend und schnell gekommen ist, dass er nicht zusehen musste, wie eine Krankheit ihn langsam in Staub verwandelte. Gedanken rasen, Gefühle auch. „Between thought and expression lies a lifetime“.

Veröffentlicht von

lindwurm

Der Lindwurm aus Klagenfurt

Ein Gedanke zu „Magic & Loss: RIP, Lou Reed“

  1. Ein Großer ist gegangen. Ich kann eigentlich nicht sagen, ein Idol seit meiner Kindheit, dafür bin ich zu jung. Ich habe Lou Reeds Musik erst relativ spät kennen gelernt. In der Schule, als ich oft versuchte, die Texte zu verstehen und Idiome zu übersetzen. Meistens war das ein sinnloses Unterfangen. Klar steht so was in keinem Wörterbuch, Internet gab’s nicht. Aber dass das nicht so wichtig ist, ist mir erst viel später klar geworden. Diese schnörksellosen Texte haben mich immer fasziniert. Dass war kein Schwamm-Drüber-Gesülze, da wurde oft der Finger auf die Wunde gelegt. Oder sollte man besser sagen gedrückt? Das tat nicht nur oberflächlich weh.
    Trotz allem hat mir seine Musik oft weitergeholfen, in Situationen, aus denen man kaum einen Ausweg zu finden glaubt. Irgendwann wurde mir klar, dass ich bei Dylan, Reed, Young und Cohen besser aufgehoben bin als bei so vielen anderen. Seine Poesie hatte Substanz, der Lindwurm wurde wohl etwas drastischer formulieren und „Eier“ schreiben. Es ging oft um Außenseiter, und wenn man einmal die ersten drei Akkorde auf der Gitarre halbwegs konnte, und begriffen hat, dass musikalische Perfektion etwas für Nerds ist, kann man sich auf die Inhalte stürzen. Reed sagte einmal, er will, dass es so klingt wie auf der Couch im Wohnzimmer, wenn er neben einem sitzt. Ich schätze bei vielen Gelegenheiten ist ihm das gelungen.
    I need a busload of faith to get by. Machs gut, Lou.

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