Euthanasie: Mordsstimmung im Land

Ich bin gegen Dignitas, weil Sterbehilfe Mord ist, das ist alles. Ich will nicht gegen sie argumentieren, ich will sie bekämpfen. (Michel Houellebecq)

Sie reden viel von „Selbstbestimmung“ und von „Würde“, die Proponenten der aktiven Sterbehilfe, aber das zeigt nur, wie sinnlos Begriffe werden, wenn sie von jeglichem emanzipatorischen Inhalt befreit wurden. Es sind Floskeln, mit denen spätkapitalistisch abgerichtete Menschen offenbaren, dass sie nicht nur nichts wissen, sondern nicht einmal mehr richtig fühlen, da jeder Widerstandsgeist erloschen ist und die Nekrophilie an die Stelle des Aufbegehrens gegen unzumutbare Zustände getreten ist. Der inneren Abtötung aller echten Gefühle in solchen Leuten folgen der Wunsch, das Töten anderer Menschen zu legalisieren sowie eine grotesk verzerrte Vorstellung von Freiheit. Ein ganzes Leben lang Knecht gewesen, da soll wenigstens der Tod „selbstbestimmt“ sein, einmal nur selber den Finger am Abzug haben, und wenn es der Revolver ist, mit dem man sich selbst das Licht ausbläst. Diese totale Kapitulation als würdevolle Selbstbestimmung zu missdeuten braucht es in der Tat Individuen ohne Sprache, ohne Würde, ohne Ideen und ohne Geschichte. Sowas wie Sozialdemokraten und Grüne eben. Deren österreichische Varianten finden sich mit den imbezilen Motivationstrainerintellekten der NEOS in einer Front gegen den mindestens überlegenswerten Vorschlag wieder, das Verbot der sogenannten „Sterbehilfe“ und gleichzeitig damit ein Recht auf palliativmedizinische Betreuung in der Verfassung zu verankern.

You paint your head. Your mind is dead. You don´t even know what I just said (Frank Zappa)

Bei den Euthanasiebefürwortern sind psychische Verwerfungen oft leicht auszumachen. Sie reden davon, dass sie nicht leiden wollten, „so“ nicht leben wollen würden, wenn sie von schwerer Krankheit und nicht selten auch von Behinderung sprechen. Sie merken nicht, dass sie projizieren. Irre gemacht von den auf sie einprasselnden Auf- und Anforderungen der ökonomisierten Gesellschaft, die Fitness, Schönheit und Jugend als nicht bloß erstrebenswert darstellt, sondern zur Rai­son d’Être erklärt, halten sie ein diesen Anforderungen nicht mehr entsprechen könnendes Leben für nicht lebenswert, in fast allen Fällen ohne je selbst erfahren zu haben, wie sich eine ernsthafte Erkrankung oder eine Behinderung real anfühlt. Und wer seine Ansichten zum angeblichen Sterben in Würde ausnahmsweise nicht aus dramatisierten Fotoreportagen der Boulevardmedien bezieht, beruft sich gerne auf einen kranken Verwandten oder Bekannten, der ihm, im Krankenhaus leidend, zugeflüstert habe, er wolle so nicht mehr leben. Ein seelisch intakter Mensch zöge aus so einer vorgebrachten Fundamentalkritik an den Lebensumständen eines Patienten den Schluss, dass die Lebensumstände zu verbessern seien, damit der Patient wieder leben wolle. Dem seelisch Verkrüppelten kommt dieser Gedanke gar nicht, da er wesentliche Grundfunktionen des Lebendig-Seins schon lange gegen den Frieden mit den Autoritäten, gegen die Unterwerfung unter diese eingetauscht hat, meist schon im Kindesalter. Daher erscheint es ihm natürlich, einen Todeswunsch wörtlich zu nehmen statt als Schrei nach einem besseren Dasein. Wer die Krankenhäuser kennt der weiß, was im Umgang mit schwer Kranken oder Sterbenden zu ändern wäre und der weiß auch, dass dies aus einem einzigen Grund nicht passiert: Die Gesellschaft will dafür nicht bezahlen. Menschen leiden, weil zum Beispiel nachts zu wenige Ärzte anwesend sind. Das und viele andere Faktoren, die zu unnötigem Leid führen, könnte man ändern, wenn man denn etwas ändern wollte. Dies aber nicht einmal zu bedenken, sondern stattdessen nach der vermeintlich erlösenden Giftspritze für die Leidenden zu rufen, ist absolut inhuman, dumm und letztlich kriminell. Aus Unwillen oder Geiz wird Leid geschaffen, und weil dieses Leid das weinerliche, verkümmerte und zu Widerstand unfähige Ich beleidigt, soll es mitsamt dem Leidenden verschwinden. Hier nun steht die aktuelle Euthanasiebewegung ganz in der nationalsozialistischen Tradition, da der hunderttausendfache Mord an Behinderten, Kranken und Alten nicht allein finanziell und biologistisch motiviert war, sondern eben auch die entsprechende seelische Verwahrlosung der Mörder und Mörderinnen voraussetzte, eine Deformation der Persönlichkeit, die zur Verherrlichung des angeblich Gesunden und zum Ausschluss und schließlich zur Vernichtung all dessen führte, das der Definition autoritärer, jedem natürlichen Empfinden entfremdeter Menschen von „gesund“ und „lebenswert“ nicht entsprach. Und es setzte voraus,  dass zumindest der Großteil der Täter meinte, etwas Gutes zu tun.

Freedom´s just another word for nothing left to lose (Kris Kristofferson)

Es  ist kein Zufall, dass das legale Töten von Menschen, das euphemistisch „Sterbehilfe genannt wird, zuerst in den Beneluxstaaten und der Schweiz sein Comeback hatte. Calvinistisch geprägte Gesellschaften waren immer schon besonders anfällig für das Errechnen angeblicher Rentabilität sogar menschlichen Lebens. Utilitaristische Varianten der Bioethik verfangen in so grundierten Ländern besonderes leicht, wie auch liberale Ideen mit all ihren Vor- und Nachteilen. Aus emanzipatorischer Sicht ist der individualistische, liberale Ansatz in Benelux keineswegs vorbehaltslos zu begrüßen, denn auch wenn einige persönliche Freiheiten in einigen Lebenssituationen als angenehm empfunden werden können, bleibt natürlich der Grundwiderspruch samt allen je nach Standpunkt mehr oder weniger dramatischen Nebenwidersprüchen allen gegenteiligen Bekenntnissen und Illusionen zum Trotz aufrecht. Daraus folgt, dass der Mensch Ware und Verschubmasse bleibt, völlig ungeachtet der Sonntagsreden. In so einer Realität kann das Sterben auf Verlangen sowie das legale Töten niemals tatsächlich mit dem freien Willen des Getöteten gerechtfertigt werden, da das Individuum unter einer ganzen Reihe verzerrender Einflüsse steht. Kurz: Innerhalb des Kapitalismus kann von freien Menschen mit freiem Willen keine Rede sein, da die Realität der Widersprüche und die ökonomische Bemessung von Lebenswert dem entgegenstehen. Wer in einer Gesellschaft, in der Rentabilität alles ist, täglich vorgerechnet bekommt, wie viel er „den Staat“, „die Gesellschaft“ oder auch nur „die Familie“ kostet, entscheidet sich wohl allzu leicht dazu, sein unrentables Leben zu beenden.

There´s Nazis in the bathroom just below the stairs (John Lennon)

Seit in den deutschsprachigen Staaten wieder über die Euthanasie geredet wird, und das leider mehrheitlich befürwortend, protestieren Behindertenverbände dagegen. Deren begründete Angst wird seltsam leicht ignoriert, ein paar Beteuerungen der Sorte „diesmal geht es euch nicht an den Kragen, großes Pfadfinderehrenwort“ scheinen auszureichen, um die Stimmen jener, die in den kapitalistischen NS-Nachfolgestaaten ganz richtig meinen, dass Sonntagsreden-Beteuerungen schneller vergessen werden als Wahlversprechen, als Ausdruck von Paranoia zu brandmarken. Wieder einmal halten sich Deutsche und Österreicher für so zivilisiert, dass ihnen ein peinlicher Zwischenfall wie systematischer Massenmord nicht mehr passieren könne, und wieder werden jene, die warnen, als Alarmisten abgetan. Wie üblich wird nicht bedacht, dass die Nazis und ihre Ideengeber nicht mordeten, weil sie etwas Böses tun wollten, sondern weil sie innerhalb ihres Wertesystems davon ausgingen, Gutes zu tun. Als der Psychiater Alfred Erich Hoche und der Jurist Karl Binding 1920 die Schrift „Über  die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ publizierten, war das kein sadistisches Werk böser Menschen. Die Herren Doktoren fanden das Leid in den Irrenanstalten und den Altenhäusern bloß so unerträglich, dass sie die Leidenden durch einen „schönen Tod“ erlösen und, sozusagen in einem Aufwasch, die Gesellschaft „gesünder“ machen wollten. Solche Ansichten verbanden sich nicht nur in Deutschland bald mit Ideen der malthusianischen Bevölkerungstheorie, die unter anderem postulierte, dass sich zu viele „Überflüssige“ fortpflanzen würden. Was dann nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten geschah, sollte weitgehend bekannt sein. Hunderttausendfacher Mord an jenen, die man für „erbkrank“ erklärt hatte, natürlich schön als Gnadenakte bemäntelt. Einen Unterschied zur heutigen Debatte gab es aber: Die Nazis trauten sich nicht, ihre entsprechende Gesetzgebung öffentlich zu machen, da sie Widerstand gegen das Abschlachten von Kranken befürchteten. Wer heute für den „schönen Tod“ eintritt, braucht das nicht im halb Verborgenen zu tun, er kann sich offen dazu bekennen und wird als Menschenfreund gefeiert. Freilich wird der aktuelle Todesspritzen-Fan selten sagen, er sei für die Ermordung kranker und/oder behinderter Menschen. Er sagt nur: „Ich würde so nicht leben wollen, das ist doch nicht mehr lebenswert“. Und er merkt nicht, dass er soeben den ideologischen Eckpfeiler der nazistischen Mordmaschinerei verinnerlicht hat, die Einteilung in lebenswertes und angeblich unwertes Leben nämlich.

No time to choose when the truth must die (Bob Dylan)

Wenn es wirklich so sein  sollte, dass SPÖ, Grüne und andere sich im weitesten Sinne progressiv verstehende Kräfte für die Legalisierung von Mord sind,  ÖVP, FPÖ und Team Stronach aber dagegen, muss ich meine politischen Sympathien grundsätzlich überdenken. Wer auch nur andenkt, es gäbe so etwas wie ein „lebensunwertes“ Leben, ist mein Feind. Das Eintreten für das Ermorden von Kranken auf deren angebliches Verlangen hin hat nichts Emanzipatorisches, nichts Progressives, nichts Linkes. Es passt aber fast unheimlich zu einer Sozialdemokratie, die einen Sozialminister stellt, der grinsend verkündet, das größte Problem Österreichs seien die Invaliditätsrentner. Wenn eine Partei, deren Spitzenfunktionäre so denken und reden, keine klare Ablehnung des Tötens von Kranken zustande bringt, sondern im Gegenteil Sympathien für die Euthanasie zeigt, müssen Menschen mit Einschränkungen nicht paranoid sein, um sich zu fürchten. Da hört man aus jedem Satz die Pseudohumanität der Menschenwertsberechner herausdringen, jene Pseudhumanität, die auch jene umtreibt, die laut ankündigen, sie selbst würden am liebsten sterben, sollten sie zu unästhetischen und teuren Pflegefällen werden, und die davon ausgehen, dass auch alle anderen Menschen seelisch so deformiert wären wie sie und daher gleich dächten, weswegen sie dann die, die human bleiben wollen, inhuman schimpfen.  

Veröffentlicht von

lindwurm

Der Lindwurm aus Klagenfurt

3 Gedanken zu „Euthanasie: Mordsstimmung im Land“

  1. Als Gegner der Sterbehilfe sollte man besser nie in die Situation kommen dass man nur noch sinnlos im Krankenhaus dahinvegetiert, niedergespritzt mit schmerzmitteln die die letzten Tage vielleicht erträglicher machen und nur darauf wartet endlich zu sterben. Schöne Tage wird man sowieso nicht mehr erleben. Also was ist dann falsch daran das ganze einfach ein bisschen früher zu beenden? Am Ende ist man doch sowieso schon!

  2. http://www.keineeuthanasie.at/?lesen

    „Durch eine Legalisierung würde aktive Sterbehilfe zu einem Normenbild werden und dadurch über kurz oder lang den sozialen Druck auf jene erhöhen, die eigentlich am Leben bleiben möchten.“

    Sozialmediziner Wolfgang Freidl, Kurier, am 1.11.2013

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