Ich bin Sozialdemokrat

Verkürzte Kapitalismuskritik ist bekanntlich oft schlimmer als gar keine, denn wer in „den Reichen“ oder „den Eliten“ das Übel sieht, und nicht etwa im System und den politischen Verhältnissen im System, der kommt bald mal auf die Idee, man brauche bloß die „Reichen“ oder die „Eliten“ zu eliminieren, und es bräche das Paradies/der Sozialismus/ Freibier für alle aus. Bekanntlich hat so eine dummkerlige Karikatur von Kapitalismuskritik sehr dazu beigetragen, den Antisemitismus zu verbreiten, da der rassistische Vernichtungsantisemitismus auf fruchtbaren Boden fiel bei jenen, die dem jüdischen Fabriksbesitzer die Fabrik neideten und es allzu leicht war, einen vorhandenen generellen Hass auf „die Reichen“ auf Juden zu konzentrieren, da es wider alle Evidenz ein weit verbreitetes Klischee war und ist, Juden seien überproportional Teil der reicheren Schichten. Das wundert einen beim Antisemitismus der 20er und 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts noch mehr als heute, lebten doch in Städten wie Wien Hunderttausende Juden, die, was jeder täglich sah, großteils eben nicht reicher waren als Nichtjüdinnen. Und es war eine besonders bittere Pointe des Holocaust, dass die Deutschen und Österreicher, die sich zuvor gegen die „reichen Juden“ aufhetzen hatten lassen, in Osteuropa und Russland millionenfachen Mord an Juden und Jüdinnen begingen, die in bitterster Armut als Subsistenzbauern und Kleinstgewerbetreibende gelebt hatten. Aber das wundert wohl nur Menschen, die Logik dort suchen, wo weit und breit keine ist. Antisemitismus war nie logisch, weshalb es ja auch klappte, dass die NS-Propaganda gegen angeblich generell reiche Juden und die „verlausten, heruntergekommenen  Ghettos“ in einem Atemzug hetzen konnte.

Angesichts einer mittlerweile weltweit tonangebenden Politik, die vor allem jenen nützt, die über viel Kapital verfügen, ist es nicht überraschend, dass die verkürzte Kapitalismuskritik fröhliche Urständ feiert. Wären diese Kritiker klug, müssten sie nicht ohnmächtig schimpfen, sondern würden entweder selbst regieren oder würden selbst zu den Eliten zählen, könnte man ein wenig höhnisch und unter Auslassung der moralischen Aspekte und der Realität der Klassengesellschaft sagen. Aber nicht jede pointierte Karikatur oder jeder zugespitzte Slogan muss gleich unter den Verdacht gestellt werden, er bereite eine neue Schoah vor. Ein bisschen Reichenbashing und Misstrauen gegen die Eliten soll schön möglich sein, schließlich ist es ja nicht so, dass die Konzernbesitzer dieser Welt ausschließlich Unschuldsengel und angenehme Menschen wären. Den Smarteren unter den Mitgliedern der wirklichen ökonomischen Eliten ist es übrigens durchaus peinlich, was das politische Personal in angeblich ihrem Namen und zu angeblich ihrem Nutzen veranstaltet. Die würden nämlich gerne mehr Steuern zahlen statt immer weniger, weil sie wissen, dass erstens 20 Milliarden Doller genauso gut sind wie 40 und zweitens alles Geld der Welt nicht mehr viel wert ist, wenn der mordlüsterne Mob oder auch nur ein einzelner Attentäter anklopft. Leider sind diese smarten Reichen ebenso eine Minderheit unter ihresgleichen wie es die Klügeren in allen Schichten sind. Dummheit ist klassenübergreifend. Die großen Befürworter des „neoliberalen“ Umbaus unserer Welt sind übrigens mehrheitlich nicht die Milliardäre, sondern kleine und mittlere Unternehmer, die über den Tellerrand ihres Betriebs nicht hinausschauen können und sich halt wünschen, ihren Arbeiterinnen möglichst wenig zahlen zu müssen. Schon die Frage, wer denn dann ihre Produkte kaufen solle, überfordert diese Gestalten. Das sind genau die, welche die besonders dummen Politiker und Journalisten stets als den angeblich anständigen Teil der Wirtschaft halluzinieren, als das „schaffende“ Kapital, das dem bösen „raffenden“ vorzuziehen sei, obwohl die tägliche Erfahrung etwas anderes zeigt. Ich habe einige Jahre lang im Gewerkschaftsbereich gearbeitet und  dort sah ich, dass die größten Drecksäcke fast immer die waren, die irgendwelche kleinen Klitschen betrieben, während man sich mit den Großunternehmen meist gütlich einigen konnte. Das liegt schon auch an Quantitäten, klar, aber halt nicht nur. Um ein Großunternehmen aufzubauen und zu leiten muss man zumindest ansatzweise makroökonomisch denken können.

Die Reichen oder die „Eliten“ sind nicht der Feind. Ich zumindest sehe das so. Das größte Problem sind verdummte Politiker und kurzsichtige Unternehmer samt ihrem gewerkschaftlichem Anhang, die auf wirtschaftspolitische Rezepte setzen, die schon mehr als einmal in die Katastrophe geführt haben. Warum ich das alles thematisiere? Weil ich mit Sorge eine Radikalisierung beobachte, eine wachsende Ignoranz und Verachtung der unteren Schichten in Teilen von Politik und Meinungsindustrie und auf der anderen Seite eine wieder stärkere werdende Zuwendung jener, die mit den Verhältnissen nicht einverstanden sind, zu radikalen Ideen, vor allem zu einem Linksradikalismus von jener unangenehmen Sorte, die noch nie echte Befreiung, dafür aber viel Tod und Leid gebracht hat. Es mag seltsam sein, das von mir zu lesen, wo ich doch wirklich der echten Unterschicht angehöre und zu jenen zähle, die der Abbau des Sozialstaates ganz direkt negativ betrifft, aber ich bin im Kern meines Denkens doch Sozialdemokrat geblieben, also einer, der weder die Reichen vernichten, noch die Reichen auf Kosten der Armen noch reicher machen will. Ich glaube immer noch an einen dritten Weg zwischen Radikalkapitalismus und Kommunismus, und wenn ich deswegen den einen zu rechts und den anderen zu links bin – sei´s drum. Ich bin dafür, dass jeder reich werden und es auch bleiben kann, solange auf die Schwachen Rücksicht genommen wird und jeder in Würde leben kann. Ich will keine vergesellschaftlichen Produktionsmittel, ich will, dass man von Arbeit nicht nur überleben, sondern auch ein klein wenig an den Annehmlichkeiten der Welt teilhaben kann, und ich will, dass das auch für Kranke, Alte und Behinderte gilt. Ich finde den politischen, strategischen und moralischen Zustand der europäischen Sozialdemokratien beklagenswert, aber ich halte mich dennoch für einen Sozialdemokraten, und ich bin darauf auch stolz, denn bei allen historischen und aktuellen Fehlern sehe ich in dieser politischen Richtung immer noch das größte Potential für eine freie, aber dennoch halbwegs gerechte Gesellschaft.

Veröffentlicht von

lindwurm

Der Lindwurm aus Klagenfurt

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