Zustände und Distanzierungen

Seit Tagen grassiert unter Österreichs Links- und Irgendwieliberalen eine Krankheit, die man kennt, seit sich die frühen Marxisten in Revolutionärinnen und Reformer aufgespalten hatten: Die Distanziereritis. Weil unter den 8.000 Menschen, die gegen den WKR-Ball in Wien demonstrierten, auch rund 300 waren, die ein bisschen im internationalen Vergleich eh recht braven Krawall geschlagen haben, treten nun reihenweise die Pseudomoralapostel und Wächterinnen über die absolute Gewaltfreiheit auf und fordern von denen, die gegen Faschismus und Rechtsextremismus auf die Straße gingen, Lossagungen und Rechtfertigungen. Die grüne Parteichefin Eva Glawischnig gibt, das dürfte der „Krone“ gefallen, die autoritäre Mama, die die grüne Jugendorganisation nicht nur ausschimpft, sondern gar mit Rausschmiss bedroht, sollte die sich nicht raschest von den  „Anarchos“ distanzieren, und Journalistinnen und Publizisten wie Robert Misik, Armin Wolf und Florian Klenk hauen Kommentar um Kommentar, Tweet um Tweet und Facebookstatus um Facebookstatus raus, als hätte gerade ein linksextremes Terrorkommando ihre Redaktionen in die Luft gesprengt statt ein paar Blumentröge zerdeppert, immer „die Linke“ auffordernd, sich gefälligst klar ablehnend zu den „Gewaltexzessen“ zu äußern. Es wird so getan, als hätten  die 8.000 geklatscht, als die 300 kurz Randale spielten, und es wird suggeriert, Gewalt sei immer und unter allen Umständen abzulehnen. Das ist falsch.

Ich persönlich finde die wenigen illegalen Aktionen bei der diesjährigen WKR-Demo nicht gut. Ich persönlich denke, dass jeder Einsatz von Gewalt ein Maß von politischem Bewusstsein und strategischer Einschätzungsfähigkeit voraussetzt, das und die ich denen, die am 24. Jänner auf Seiten der Demonstrantinnen Gewalt einsetzten, nicht zusprechen möchte. Ich persönlich meine aber auch, dass die Gewichtungen und Analysen der Glawischnigs und Misiks und Klenks in diesem Land noch viel falscher sind als jene der 300. Diese Leute debattieren, als lebten wir in den 70er Jahren, als es dank der politischen Kämpfe und den der  Systemauseinandersetzung geschuldeten Ängsten des Kapitals mit Menschenrechten, Wohlstand und Zukunftsperspektiven auch für die Unterschichten und Minderheiten in Westeuropa bergauf ging und nicht etwa in den 2010er Jahren, in denen die früher erkämpften oder aus Angst zugestandenen demokratie- und sozialpolitischen Goodies Stück für Stück wieder einkassiert werden. Diese im System gemütlich Integrierten tun so, als wäre alles in Ordnung, als würde das Wünschen noch helfen gegen systemische Krisensymptome die uns anspringen als mörderisches Regime an Europas Außengrenzen, als Todesopfer fordernder Klassenkampf von oben nach unten, als politisch gewollter und geförderter Rassismus, als in allen Teilstaaten Europas erstarkender Nationalismus samt der ihm inhärenten Kriegsgefahr. Und sie ignorieren offensichtlich, dass die extreme politische Rechte in Frankreich, Österreich, Großbritannien und weiteren Staaten kurz vor der Machtübernahme steht, wie sie auch weitgehend schweigen zum in Ungarn bereits Regierungspolitik gewordenen autoritären Rechtskonservativismus. Rechte und Rechtsextreme haben in weiten Bereichen die kulturelle Hegemonie wieder an sich gerissen, denn wie sonst wäre das Schweigen und Kollaborieren ehemals linksliberaler Parteien, Organisationen und Personen zum zusehends autoritärer werdenden Umgang mit den Schwachen, mit ethnischen, gesundheitlichen und sozialen Minderheiten zu erklären? Wer außer Rechtsautoritären kann mit der Schulter zucken, wenn es eine unheimliche Gleichzeitigkeit gibt zwischen der Verschlechterung der Versorgung gesundheitlich Beeinträchtigter und dem Aufflammen von Diskussionen über „Sterbehilfe“? Wer außer Rechtsautoritären findet es gut, wenn die Regierung beschließt, Jugendliche ohne Ausbildungsstelle mit Geldstrafen zu verfolgen? Wer außer Rechtsautoritären kann es schweigend hinnehmen, wenn Menschen, die sich für Migrantinnen und Flüchtlinge einsetzen, vor Gericht gestellt und mit zwei Jahren Haft bedroht werden, weil sie die Arbeit von ehrlichen Fluchthelfern gelobt haben? Wer außer Rechtsautoritären zuckt mit der Schulter, wenn Polizei, Justiz und Politik Flüchtlinge, die sich wehren, gezielt und wider besseren Wissens als Kriminelle darstellen? Wer außer Rechtsautoritären kann es ertragen, wenn Menschen, wie es einem Flüchtling in Klagenfurt geschah, nach politischem Protest gegen ihre Abschiebung in der Psychiatrie zum Krüppel gefoltert werden? Wem außer Rechtsautoritären wird nicht Angst und Bange, wenn er sich die Chronologie tödlich exzessiver Polizeieinsätze der vergangenen Jahre ansieht?

Die Zustände in Europa und speziell in Österreich sind nicht so schön, dass man diejenigen, die sie nicht mehr aushalten und darüber aggressiv werden, zu unmotiviert bösen Störenfrieden stempeln dürfte. So sehr ich persönlich Gewalt meist ablehne, so sehr frage ich mich was in den Köpfen jener falsch gelaufen ist, die in 300 schwarz gekleideten Anarchistinnen, die gegen einen Ball vorgehen, wo Verherrlicher und Verharmloser des Faschismus tanzen, das Problem sehen statt in der zunehmenden Refaschisierung der Gesellschaft? Ich muss den Schwarzen Block nicht mögen, aber ich fürchte ihn auch nicht. Ich fürchte mich vor der Gefühlskälte und der Ignoranz jener, die in Reaktionen auf skandalöse Zustände den Skandal sehen statt in den Zuständen. Die gewaltbereiten 300 mögen vielleicht Deppen sein, und ich mag machohafte Zurschaustellung von Stärke nicht, aber sie sind zumindest noch nicht emotional tot, sie erregen sich noch über das Unrecht, die Not und das Elend.

Veröffentlicht von

lindwurm

Der Lindwurm aus Klagenfurt

7 Gedanken zu „Zustände und Distanzierungen“

  1. wenn wir (ja, ich bin auch politisch links angesiedelt) uns erwarten, dass sich die freiheitlichen politiker von ihrem rechtsextremen anhang distanzieren sollen. dann finde ich es völlig legitim wenn die gegenseite das auch von uns bezüglich den randalierern verlangt.

    auch wenn wir für eine gute sache kämpfen, haben wir deswegen nicht mehr rechte. und auch für uns gelten die gleichen dinge die wir von der gegenseite einfordern.

  2. Netter Artikel, dem ich zu weiten Teilen zustimme, jedoch bitte ich darum folgende Passage zu berichtigen: „300 schwarz gekleideten Anarchistinnen“, denn erstens können Sie nicht davon ausgehen, dass alle Individuen im Schwarzen Block Anarchisten waren. Und zweitens ist es falsch den Schwarzen Block mit Anarchismus in Verbindung zu bringen, der schwarze Block ist keine einheitliche Organisation, sondern eine lose Aktionsform die bei Demonstrationen ihre Verwendung findet. Abgesehen davon bedeutet Anarchie weder Chaos noch hat Anarchie etwas mit Gewalt zu tun. Der Begriff ist schlicht durch Medien negativ konnotiert worden. Danke🙂

  3. „… und ich mag machohafte Zurschaustellung von Stärke nicht, aber sie sind zumindest noch nicht emotional tot, sie erregen sich noch über das Unrecht, die Not und das Elend.“ —
    So? Tun die DAS? Oder sehen sie nur nicht durch und lassen sich so verblenden?
    Versuche dir mal diese Fragen zum „Schwarzen Block“ zu stellen:
    Cui bono?
    Quou vadis?
    Ich pflanze heute einen Eichenbaum, und wenn du dann eine Antwort gefunden hast, gehen wir Eicheln sammeln …

    Es gibt einen großen Irrtum unter Betroffenen, „Aktiven“, Beobachtern und Kritikern zum Anarchismus als „Schwarzen Block“.
    Man geht in seltener Eintracht auf allen Seiten (und wohl auch du) gern leichtfertig davon aus, da handele es sich um Anarchisten – was leider falsch ist.
    Anarchisten haben nichts mit Krawallos zu tun, denn die haben sich etwas dabei gedacht, wo es hingehen soll, aufgrund von Erkenntnissen und entsprechenden Schlußfolgerungen.
    Wer sich für realen Anarchismus interessiert, der mag mal den ehemaligen russischen Großfürsten, Bienenzüchter, Biologen, Vordenker der Anarchisten, Leninberater und Stalinopfer Kropotkin studieren.
    Es könnte sein, daß bei ihm die Grundidee des Anarchismus, das mutualistische Zusammenleben der menschlichen Gemeinschaft, bereits (natur)wissenschaftlich begründet als Notwendigkeit der sozialen Daseinsweise von Menschheit und fern aller „schwarzen Blöcke“ und deren Ambitionen etc. plausibel dargestellt ist, als ein Gesetz, sich realisierend in Sozialitäten, evolutionär bereits bestätigt:
    Nichts ist „gleich“, alles beruht auf natürlichem Unterschied und Art-kultürlichem AUSGLEICH, auf uneigennützigen, nur in diesem Rahmen sozialem Handeln ist evolutionär dauerhafte Durchsetzung des „Überlebens“ aller sozialen Wesen möglich.
    Nix da mit BlackKrawallo, denn das sind die, die sich selbst nie begriffen haben und in Wahrheit nur das Geschäft ihrer Gegner betreiben.
    Wie meint Michael Schwinghammer vor mir:
    „Abgesehen davon bedeutet Anarchie weder Chaos noch hat Anarchie etwas mit Gewalt zu tun.“
    Ja, und der „schwarze Block“ beweist in Erfüllung der Bezichtigungen ihrer Gegner als deren Erfüllungsgehilfe genau das, um den Anarchismus direkt als abstoßend unpopulär zu machen …
    Das fällt auch einem Nichtanarchisten wie mir schon aus weiter Entfernung auf, es stinkt …
    Cui bono?
    Quou vadis?

  4. Einem Großteil des Blog Eintrags stimme ich inhaltlich ja zu, nur der Schluss ist argumentativ fatal:
    Emotionale Aufgebrachtheit und das Bewußtsein über Unrecht, Not und Elend wird also nur durch das Anzünden von Mülltonen, Einschlagen von Scheiben und Demolieren von Verkehrsschildern zum Ausdruck gebracht? Sicher, dass es besagten „Deppen“ in typischer Fußball-Prolo-Hool-Manier nicht auch einfach nur darum ging ein wenig auf dicke Hose zu machen und Krawall zu schlagen? Oder darf ich davon ausgehen, dass sich die Leute in ihrem Zivilleben in diversen NGOs betätigen, um gegen besagtes Unrecht, Not und Elend konstruktiv anzukämpfen?
    Durch ne brennende Mülltonne und ein demoliertes Orf-Auto wird kein gesellschaftlicher Rassisus zurückgedrängt, kein Flüchtling gerettet und schon gar nicht die neoliberalen Auswüchse des Kapitalismus bekämpft.
    Ganz im Gegenteil: Man bietet jene, die man (zurecht) bekämpfen möchte, nur weitere Munition.
    Den „300 Deppen“ gehts nicht um die Sache an sich, denen gehts um ihr eigenes Ego. Den Müll den sie fabriziert haben, räumen nämlich nicht die Faschos, die Banker und Milliardäre weg, sondern die einfachen (teils unterbezahlten) Arbeiter.
    Aber hauptsache ein paar Gelegenheitsvermummte lehnen sich gerade irgendwo in ihren Sesseln zurück, haben dicke Eier und sind ganz stolz auf ihren außergewöhnlichen Beitrag den sie Freitag vor zwei Wochen im Kampf(sic!) gegen den Faschismus geleistet haben.

  5. @Mercutio
    „Aber hauptsache ein paar Gelegenheitsvermummte lehnen sich gerade irgendwo in ihren Sesseln zurück, haben dicke Eier und sind ganz stolz auf ihren außergewöhnlichen Beitrag den sie Freitag vor zwei Wochen im Kampf(sic!) gegen den Faschismus geleistet haben.“ –
    Jo, und manche Vorturner dieser Gelegenheitsvermummten entfärben und schneiden sich die Haare, um die nächste Kommandostufe zu erklimmen: Funktion in einer neugegründeten Protestpartei, aber nicht etwa um die „Truppe“ zu läutern in Mercutios Sinne, sondern um von einem „legalen Arm“ diese besser als Krawallos einsetzen zu können, als vorgeblich antifaschistischen Kampf „Aufmerksamkeit“ krawallieren zu können , zur großen Freude der echten Faschos, Kons und Neokons, denen sie damit „ideologiefrei“ Popcorns zuwerfen …

  6. Anarchisten sind der letzte Dreck wie man an den selbstgefälligen, vollkommen jeglicher Realität entfernten, Kommentaren sieht. Haltet einfach eure dummen Mäuler und geht in eure Biocafes, und bleibt dort… für immer.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s