Krim-Krieg reloaded?

In diesem Moment laufen im Kreml, in Berlin und in Washington die Rechner heiß, denn man versucht herauszufinden, ob man sich einen Krieg leisten kann, ob eine militärische Auseinandersetzung teurer oder günstiger  kommt als eine Verhandlungslösung und ein Kompromiss. Niemand kann mit Sicherheit vorhersagen, was in den kommenden Stunden und Tagen passieren wird. Es gibt wahrscheinliche Szenarien, aber sobald Militär im Spiel ist, steigt das Risiko für irrationale Entscheidungen. Auf der ukrainischen Krim ist nun Militär im Spiel, und zwar russisches. Moskaus Reaktion ist nicht unlogisch und folgt aus dem, was zuvor in Kiev geschehen ist. Die EU unter der Führung Deutschlands hat zusammen mit den USA den kriminellen und unsympathischen, aber demokratisch gewählten Präsidenten weggeputscht. Dass dies in Form einer Revolte der Straße geschah und dass viele der Revoltierenden nachvollziehbare Motive hatten, macht es nicht weniger problematisch, weil Janukowitsch eben kein Diktator war, sondern das legal gewählte Staatsoberhaupt. Als Catherine Ashton, die Hohe Vertreterin der EU für Außen- und Sicherheitspolitik, nur einen Tag nach dem Umsturz nach Kiev flog um dort strahlend auch die Hände rechtsextremer Nationalisten zu schütteln und ihnen Anerkennung und Versprechen zu übermitteln, war das aus Sicht Moskaus der Beweis für das Versagen der Diplomatie, daher macht sich Russland daran, auf der Krim Fakten zu schaffen. Vermutlich wird es zu einer per Volksabstimmung legitimierten Abspaltung der Halbinsel kommen, und der Westen wird sich schwer tun, den Bewohnerinnen der Krim vorzuschreiben, sich im Rahmen jener ukrainischen Gesetze zu bewegen, die der Westen zuvor ignoriert hatte, als es um die Absetzung einer pro-russischen Regierung ging.

Obwohl es viele gerne so hätten geht es nicht darum, ob man Putin sympathisch findet oder nicht, es geht nicht um Demokratie gegen „Diktatur“, nicht einmal um West gegen Ost. Es geht um Interessen, und solche haben nun mal auch Staaten und Staatenbündnisse, und zwar unabhängig davon, wer gerade regiert. Auch ein Russland, das von einem netten Demokraten ohne autoritäre Anwandlungen regiert wäre, würde nicht viel anders handeln können, wenn eine massive geopolitische Abwertung droht. Es geht um Militärbasen, Märkte und Einfluss auf die Weltpolitik. Und was gerne vergessen wird: Die Ukraine ist eben nicht bloß ein verschuldetes Brachland mit Industrieruinen, bei dem es sozusagen egal ist, wer dort Einfluss ausübt, sondern ein Gebiet, das mit seinen enorm fruchtbaren Ackerflächen eine zentrale Rolle in der Nahrungsmittelversorgung der Weltbevölkerung spielen wird. Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit hat sich auch China in der Ukraine bereits eingekauft und besitzt dort riesige landwirtschaftliche Flächen. Wenn solche Interessen aufeinanderprallen, kann man sich die moralischen Aspekte der Krise schenken und sollte sich nicht dazu hinreisen lassen, der Propaganda einer der beteiligten Streithähne auf den Leim zu gehen. Als Linker kann man ohnehin nur traurig am Rande stehen, wenn Blöcke, von denen keiner auf der Seite der Arbeiterklasse steht, aufeinander los gehen. Natürlich ist deswegen noch lange nicht alles einerlei und von derselben Qualität. Selbstverständlich ist die Menschenrechtslage in weiten Teilen Westeuropas und der USA besser als in Russland und seinen verbliebenen Satelliten und natürlich sind liberale Postdemokratien autoritären vorzuziehen. Das sollte aber nicht zu der intellektuellen Minderleistung führen anzunehmen, dem politischen Personal von Deutsche Bank und General Motors ginge es um hehrere Ziele als dem Oligarchen-Kumpan Putin. Es bleibt nur die Daumen zu drücken, dass kein Bürgerkrieg und großer Krieg ausbricht.

Veröffentlicht von

lindwurm

Der Lindwurm aus Klagenfurt

Ein Gedanke zu „Krim-Krieg reloaded?“

  1. Das alles begann als Eskalation unmittelbar nachdem Obama und die Eurofürsten mit Putin „telefoniert“ hatten, was für eine Scheinheiligkeit des gesamten Westens drängt sich mir da auf?
    Gewissermaßen wie bei Ulbricht (Es muß alles demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben) oder „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen“ – außer den USA, England, Frankreich (natürlich Bundesrepublik nicht!) und Sowjetunion, die sich ihr vorher (!) abgesprochenes Stillhalten für diesen Fall (natürlich mit üblen Wortschwallen der Beschimpfung) mit politischem Ausgleich anderswo in der Welt vergüten ließen …
    Mal sehen, wer am lautesten schimpft – das wird der sein, der am wenigsten tut.
    Was für Dumm köpfe werden doch immer wieder an die Macht gebracht:
    Erst brüskieren sie als neu Ernannte die im Lande lebenden vielen Russen und dann wundern sie sich, daß da der Wald ein Echo ausspuckt, was besseres konnte der Krim ologie Putiuns gar nicht passieren, als die Abschaffung von Russisch als Amtssprache wo Russen leben, war fast wie eine „gute“ Vorlage für Putin …
    … der nun gar nicht anders kann, der wird nun gerufen und wird da sein …
    Wie gesagt, Niemand hatte die Absicht, aber alles war längst abgesprochen …

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