Perspektiven?

Erinnert sich noch jemand an die Jahre 1989 bis 1991? An die düsteren Prophezeiungen vornehmlich Konservativer, wonach die herrschenden Politiker in den realsozialistischen Staaten sich mit grausamen Blutbädern gegen ihre Absetzung wehren würden? Das war eine der großen Fehleinschätzungen des 20. Jahrhunderts, eine Projektion die davon ausging, die Politikerinnen im Osten würden an ihr System so sehr glauben wie die Kapitalisten an das ihre. Statt die einzig relevante Frage zu stellen, nämlich die, was Berufspolitiker verlieren oder gewinnen könnten, wurden ideologische Nebelkerzen gezündet. Die KP-Bonzen hatten außer ihren schäbigen Wochenend-Datschen, die der westlichen Propaganda stets als Nachweis eines schamlosen Privilegienrittertums galten,  wenig zu verlieren, aber Milliardenvermögen zu gewinnen. Die Aussicht, künftig mit der Privatyacht nach Monte Carlo zu schippern, um dort Austern zu fressen, war durchwegs verlockender, als ewig nur bestenfalls in Funktionärshotels am Schwarzen Meer absteigen zu müssen. Dass ein System, in dem eben kein Kommunismus herrschte, sondern eine von einer Einparteienherrschaft regierte Planwirtschaft, korrumpierbar war und ohne Gegenwehr unterging, hat nur die überrascht, die an ihrer eigene weltanschauliche Werbeabteilung, sei diese nun links oder recht gestrickt gewesen, geglaubt haben.

Für diejenigen, die den Kapitalismus abschaffen wollen, gilt es zu bedenken, dass Kapitalisten mehr zu verlieren haben als jemals ein realsozialistischer Bonze. Daher wehren die sich auch heftiger und schrecken vor der Installation faschistischer Regierungen nicht zurück, solange damit nur sichergestellt wird, dass das Kapital nicht angetastet wird. Umsturzversuche werden in der Regel im Keim erstickt und schon bei größeren Demonstrationen fahren die Wasserwerfer und die Prügelpolizei in Armeestärke auf. Ist es aber überhaupt notwendig, den Kapitalismus abzuschaffen? Ich bin mir da gar nicht so sicher, denn Kapitalismus ist unbestritten sehr effizient in dem, was sein Daseinszweck ist, nämlich Käufer mit Waren zu versorgen und damit Profit zu machen, und das muss gar nicht zwangsläufig in die Katastrophe führen, wie manche marxistische Eschatologen meinen. Sicher, so wie derzeit weltweit Politik gemacht wird, steuern wir auf immer mehr und immer heftigere Kriege zwischen den Kapitalblöcken und auf eine ökologische Katastrophe noch nie dagewesenen Ausmaßes zu. Um das zu verhindern, könnte man versuchen, den Kapitalismus abzuschaffen, man könnte aber auch, und das halte ich für realistischer, daran arbeiten, ihn zu domestizieren. Dass es kein richtiges Leben im falschen gäbe, ist ein knackiger Spruch, aber wer sagt denn, dass der Kapitalismus zwangsweise das falsche Leben sein muss? Der hat nämlich nicht nur Krieg, Umweltzerstörung und Sozialabbau vorzuweisen, sondern auch die Befreiung von Milliarden Menschen vor allem in Asien aus existenzieller Armut. Im Sweatshop zu schuften mag eine elende Existenz sein, es ist aber besser, als zu verhungern. Natürlich ist der Kapitalismus anderswo auch brutal und direkt mörderisch, ob das nun Menschen in Afrika betrifft, die zum Wohle westlicher und chinesischer Konzerninteressen verrecken müssen, oder die für den Verwertungsprozess Überflüssigen in Europa und den USA, denen man zusehends die Existenzgrundlagen entzieht. Das aber ist nicht das Wesentliche des Kapitalismus, denn der kann, und das wurde bereits bewiesen, auch dann funktionieren, wenn er von seinem Profit ein wenig abgeben muss, um dadurch auch den armen Schluckern ein Dasein ohne unmittelbare Not zu gewähren. Die Verhältnisse, die derzeit auf dem Planeten herrschen, sind nicht schön, jeder Zorn darüber ist gerechtfertigt und wer diese Verhältnisse ändern will, hat zunächst einmal recht. Dennoch sollte man als einer, dem diese Verhältnisse nicht behagen, gut überlegen, was realistischer ist: Eine marxistische Weltrevolution oder eine innersystemische Veränderung hin zu einer humanen Zügelung des Kapitalismus in dem Sinne, dass man ihn zwingt, weltweit das Menschenrecht auf eine Existenz ohne unmittelbare Not zu verwirklichen. Dazu müsste man nicht mal das System ändern, dazu reichte es schon, wenn die Kapitalisten statt zehn Luxusvillen nur mehr drei haben, statt 20 Milliarden nur mehr eine.

Veröffentlicht von

lindwurm

Der Lindwurm aus Klagenfurt

2 Gedanken zu „Perspektiven?“

  1. Wenn hier von ‚Kapitalismus‘ die Rede ist, was genau wird denn dann gemeint? Marktwirtschaft an sich, oder nur eine bestimmte Ausgestaltung der Marktwirtschaft?

  2. Nun, Neoliberale setzen statt Sozialpolitik auf die Philanthropie der Reichen, sonst sei es staatlicher Zwang. Im Grunde ist es so eine Art Rückkehr zur Aristokratie mit dem Unterschied, dass die gebürtige Herkunft im Prinzip keine Rolle spielt, objektiv also bessere Aufstiegsmöglichkeiten nach ganz oben bestehen. Wenn man Glück hat und es befindet sich ein guter Geldadliger im Umland, dann geht es auch der Region gut, je nach dem wie es dem Besitzer es gerade beliebt. Welche Argumente gibt es dagegen? Ich würde am Begriff der Freiheit ansetzen und nicht am in meinen Augen scheinbaren Widerspruch zwischen Reform und Revolution.

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